Robert Ellis - Leichengift: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur

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- Leichengift

(2010) - Orig.: The Lost Witness (2009), engl.
Es schneit selbst in Malibu
Im Dezember im Raum L. A. mit nur dem nötigsten und dabei sympathischem Lokalkolorit siedelt Robert Ellis sein Verwirrspiel um Identitäten und Machtmissbrauch bei Polizei und Wirtschaft an, das er fast sanft und lakonisch erzählt, obgleich sich Tote gegen Ende stapeln.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 12.01.2010

Die „toughe“ Polizistin 'Lena Gamble', heißt es im Klappentext von „Leichengift“, kämpft gegen ein Mordkomplott. Schlägt man „tough“ in leo nach, stößt man auf hart im Nehmen, aber auch auf hartnäckig. Beide Eigenschaften Gamble's hatten sich wohl im ersten Roman um die Detective aus Los Angeles herauskristallisiert. Bei der Aufklärung mehrerer Morde - einer der Ermordeten war ihr Bruder gewesen - deckte sie Missstände bei der Polizei von L. A. auf und machte sich beim Polizeichef nicht gerade beliebt. Sie wandte unkonventionelle Methoden an und hatte ihren Chef bloßgestellt. Doch in „Leichengift“ wird Gamble eher von den Ereignissen überrollt, in diesem Fall von einem Toten nach dem anderen und wirkt eher als Zuträger von Beweismaterialien oder Leichenteilen an ihre Kollegen der Spurensicherung, der Forensik und vom Leichenschauhaus. Da ist anfangs nicht viel von einer scharf kombinierenden Polizistin, sondern das Hinterherhechten hinter Routinearbeiten. Hart im Nehmen kommt insofern nur vor, als dass die Prämisse, unter der die Untersuchung des allerersten Mordes an einer Frau startet, auf Ungewöhnliches deutet und eventuell auf eine Falle. Gestellt vom eigenen Polizeichef und dessen Kofferträger. Lena Gamble und einige ihrer loyalen Kollegen haben das Gefühl, man wolle sie los werden, indem man ihr einen unlösbaren Fall unterjubelt.

Robert Ellis entwickelt einen grandiosen Plot, dessen stärkstes Element ist, den Leser in echter Überzeugung vom Schuldig-Wirken von Protagonisten zu wiegen bei gleichzeitigem Raffinement anderer, rundherum Schuld in andere Schuhe zu verteilen. Atemlos sieht man zu, wie sich Menschen Identitäten anderer aneignen, von wiederum anderer Seite ausgenutzt werden und sogar um ihr Leben fürchten müssen, obwohl sie schon tot sind... Wer dabei letztlich gut oder böse oder irgendwie grau ist und nur unter Zwängen gehandelt hat, ist erst auf den letzten Seiten klar.

Das kommt mit viel liebevollen Details und ohne Hetze daher. Ohne den typischen L.A.-Lokalkolorit-Kitsch. Ellis ist ein kunstvoller, ruhiger Erzähler, der wahrscheinlich in jedem Genre schreiben könnte. Die Unaufgeregtheit seines Stils erinnert an den Kollegen Stewart O'Nan. Auch die Schilderungen des Unspektakulären, das aber doch das Grundgerüst unserer Lebewelt bildet. Der Parkplatz des „COCK-A-DOODLE-DOO“, das einen Neon-Hahn auf dem Dach trägt und die Reklame „DIE BESTEN HÜHNCHEN IN L.A.“ Nebenher gibt es tatsächlich noch eine andere Form von Chicks in dem Laden; er ist gleichzeitig Puff. Die Unterschichtgesichter und die „Billigklamotten, die es bei Wal-Mart in Gang sieben gab.“ Die scheußlich bunten „Lucky Charms“, eine Mischung aus Getreide und Marshmallows, die sich Lena Gamble frustriert zum Frühstück reinzieht.
Und, neu in US-amerikanischen Büchern, eine Art sarkastischer Running-Gag zum Thema Klimawandel. Es ist nämlich Weihnachtszeit und das Wetter ziemlich verdreht.

Die verdammten Geländewagen waren nämlich schuld daran, dass es in Malibu jetzt schneite.

Denkt das erste Mordopfer noch, kurz bevor jemand aus dem von ihr betrachteten Hummer (Humvee) aussteigt. In Palisades dagegen wird ein Ehemann von einem riesigen Eisklumpen erschlagen, während er den mit einer roten Schleife dekorierten Lexus, den er seiner Frau schenken will, vor dem Haus parkt.
Eine herrlich amerikanische Figur ist auch 'Vinny Bing - Der Cadillac King', der grotesk als König verkleidet in seinem „Verhandlungszelt“ jedes erfolgreiche Auto-Verkaufsgespräch filmen lässt und ins Kabelfernsehen bringt.

Robert Ellis lässt selbst die polizeilichen Routinearbeiten spannend erscheinen, wir sind ja im Buch, er zieht die Spannung aus seiner Genauigkeit und einer kurzen Skizzierung der Freunde oder Kollegen, die Datenbanken, Konten, Kreditkartenkonten, Zulassungsstelle oder Vermieter-Selbstauskunft durchforsten. Das Nachvollziehen von Kontobewegungen wird bei ihm spannend und auch die Entwanzung von Gamble's Wohnung von einem befreundeten Profi aus dem Musikstudio-Biz. Bei jeder Übernahme eines Studios wird dieses auf Verwanzung überprüft... Konkurrenz hört gerne mit.

Die erste Ermordete ist angeblich Prostituierte gewesen. Sie hinterlies eine weiße Krankenschwestertracht in ihren Utensilien. Der morphinabhängige Irak-Heimkehrer liegt hingegen nur nach dem Schuss in den Armen der großen, weißen Krankenschwester Morphium. Doch die geächteten Drogen scheinen alle zusammen lachhaft gegenüber dem Medikamentenimperium, das die US-amerikanischen Pharmaunternehmen aufgebaut haben. Inwieweit die Spitze der Polizei von L. A. in diesem Geschäft mitmischt, müssen Sie selber lesen.

Besprochene Ausgabe: Goldmann | 2010 | 448 Seiten | Broschur* | € 8,95
 
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel

      
 
 
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