Die Geschichte in „Fremder in einer fremden Welt“ ist einfach: mit hauptsächlich zwei Figuren, eine davon als Alter Ego Heinlein's zu sehen und eine als ein unbeschriebenes Blatt, als moralisch völlig unbefangen - eigentlich ebenso eine Art Test-Alter Ego, ein Dummy -, entwirft Heinlein einen Entwicklungsroman mit unterhaltsamen Thesen und Schlagabtäuschen zu nichts geringerem als den Themen Notwendigkeit von Staat, Freie Liebe und Religion. Der Kunstgriff: Die Figur 'Mike' ist zwar menschlich, wuchs aber bei den mental weit fortgeschrittenen Marsianern auf und kehrt jetzt zur Erde zurück.
„Fremder in einer fremden Welt“ erschien erstmals 1961 und 1991 erstmals in der Fassung, die Heinlein ursprünglich veröffentlichen wollte.
Man muss sich das vorstellen: In den Sechzigern konnte noch ein Science-Fiction-Roman, der nichts mit Vampiren und Zauberern zu tun hat, Bestseller werden! Allerdings gab es damals auch große Gegenkulturen und nicht nur Modekulturen, wie heute. Bei den Hipstern sowieso, aber auch
bei den frühen original Hippies schlug der Roman ein. Dabei war Heinlein nicht der erste Autor, der mit dem Kommunen-Gedanken oder Freier Liebe schockierte. Gerade im SF-Bereich tat dies schon Philip José Farmer in den frühen Fünfzigern, ebenso wie Ward Moore mit seinem Alternativwelt-Roman „Der große Süden“. Heinlein, der Fuchs, behauptete, er hätte das Erscheinen von „Fremder in einer fremden Welt“ zehn Jahre hinausgezögert, damit die Öffentlichkeit überhaupt zu einer Aufnahme bereit war. Doch selbst dann, 1961, verlangte der Verleger eine Kürzung. Heutzutage herrscht bei den Verlagen im Bereich SF/Fantasy eher das Diktat Viel hilft viel, was leider bei wenigen Autoren hilft im Sinne der Qualität, doch damals hätte man aus der ursprünglichen Fassung, die in vorliegender deutschen Ausgabe 650 Seiten umfasst, für den Markt zwei Bände machen müssen. Im Zuge der Kürzung forderte der Verlag definitiv die Herausnahme von Sexszenen. Heute kann man, wenn man versucht, sich in den damaligen Zeitgeist hineinzufühlen, vage annehmen, welche Stellen dies waren, obgleich man sie heute nur als elegant oder süffisant angedeutete, nicht explizit ausgeführte Sexszenen bezeichnen würde. Definitiv neu an dem Buch war aber die gewaltig gründliche Ausarbeitung, die Fülle und die Gründlichkeit in der Darstellung von Argumenten und Implikationen.
Kaum ein Autor polarisiert immer noch so stark wie Robert A. Heinlein, der während des Schreibens des mitunter links-anarchischen „Fremder in einer fremden Welt“ mal eben das von vielen verschriene novellenartige „Starship Troopers“ (1959) einschieben konnte. Das geschah während einer Phase des Kalten Krieges, in der die amerikanische Regierung einseitig ihre Atomwaffentests einstellte, die Sowjetunion dagegen ihr Versprechen, dies auch zu tun, nicht einhielt, was Heinlein eindeutig vorausgesagt hatte. Man muss sich diesen Zeitgeist und die Beklemmung, die die beiden erst wenige Jahre zurückliegenden Atombombenabwürfe des Zweiten Weltkriegs verursachten, vorstellen, um nicht aus heutiger Sicht sofort loszutrampeln und Heinlein wegen „Starship Troopers“ in die faschistoide Ecke zu drängen. Heinlein ist eben Realist und Science-Fiction-Autor, wischt Doppelmoral weg und bezieht in seine Gleichungen ein, dass der Mensch ein kriegerisches Wesen ist.
Das ist schon einer, dieser Heinlein. Man weiß bei ihm nie, ob dieser Fünfziger-Jahre-Duktus in den Dialogen seine machistischen Zeitgenossen auf die Schippe nehmen sollen, also Heinlein's Schalk da zu uns spricht oder ob er den Zeitgeist in dem er selber feststeckt, nur genauso wiedergibt und einfach an den richtigen Stellen Kontrapunkte oben drauf setzt. Heinlein ein Proll oder einer der nur so tut? Sei's drum. Es ist ja egal, aus welcher Perspektive ein Schriftsteller die negativen Zeichen seiner Zeit aufgreift und angreift. Heinlein tut es von hinten durch die Brust ins Auge. Auch in „Fremder in einer fremden Welt“ gibt es diese fulminanten Schlagabtäusche zwischen Männlein und Weiblein, die oft im alten männlichen Überlegenheitsduktus schwelgen, für den heutigen Leser bis fast hin zur Unerträglichkeit, und ein Brodeln aufbauen, das dann durch einen kräftigen verbalen Hieb seitens der Frau zum Explodieren gebracht wird und die männliche Arroganz in all ihrer Lächerlichkeit bloßstellt. Das ist fast Brecht'sches Theater: Wirklich auf die harte Tour bringt uns Heinlein das bei.
Eben trotz der Grobe-Kerls-Sprache sind seine weiblichen Figuren Raumfahrer, Agenten, Wissenschaftler; und wenn eine Hauptfigur, wie in „Fremder in einer fremden Welt“, eine Krankenschwester ist, dann trägt sie eine Rolle, die in ihrem Gewicht heute unglaubwürdig wäre, wo in völliger Perversion soziale Berufe von Status und Bezahlung her Parias nahestehen.
Das Buch beginnt als eine Art Thriller. Technik, das sei klargestellt, spielt in diesem als SF etikettierten Werk keine Rolle. Auf wenigen Seiten wird abgespult wie der „Marsianer“ zuerst mit der ersten menschlichen Mars-Mission auf den Mars kam und dann als junger Erwachsener von der zweiten Expedition wieder zurückgebracht wird.
Aufgrund absurder Gesetzgebungen aus Zeiten der Kolonisierung des Mondes ist Mike alleiniger Besitzer des Mars. Das heißt, er ist von Anfang an ein Politikum und in Lebensgefahr. Mike wird aus den Fängen des Geheimdienstes befreit und findet zu seinem Mentor 'Jubal Harshaw'.
Die Figur Jubal genießen zu dürfen, dürfte heute das wichtigste Argument für Lesen oder Wiederlesen des Romans sein. Er ist Arzt, Jurist, Schriftsteller, popkulturelle Ikone in der Öffentlichkeit und im fortgeschrittenen Alter. Sein Umfeld: lebt mit drei jungen Sekretärinnen und zwei Jungs für alles auf abgeschirmtem Anwesen in entlegenster Landschaft. Das lässt erstmal schelmisch Assoziationen wie Hugh Heffner, Harem, Bösewicht aus James Bond, entstehen. Doch er ist schlagfertiger Intellektueller und seine Rhetorik, wenn er am Telefon einen Staatsdiener niedermacht, juristische Finten entwirft oder selbst den Staatspräsidenten völlig respektlos aber faktisch korrekt zu Dingen überredet, die sich dieser niemals hätte träumen lassen, ist atemberaubend. Er übernimmt die Rolle, Mike - allegorisch für jedes Individuum stehend - vor dem Staatsapparat zu schützen, hier in diesem Fall, ihn erstmal überhaupt am Leben zu erhalten und dann seine Rechte zu wahren.
Für Mike, den menschlichen Marsianer, baut Heinlein einen eigenen Duktus auf und komponiert eine durchgängig kongruente, fremdartige Denkensart für ihn. Ab gut der Hälfte des Buches hat sich Mike Sprache und Erdenwissen soweit angeeignet, dass er aus der Mischung marsianische Tradition und Fähigkeiten und menschlicher Erlöserwille heraus beginnt, seine Kirche aller Welten aufzubauen.
Das Konzept des Kultes von Mike - dem im Roman, nicht den späteren um das Buch; es bildete sich tatsächlich in den USA eine Kirche inspiriert durch das Buch - ist am besten anhand des einen Satzes „Du bist Gott“, eines Schlagwortes Mike's, zu umfassen. Der Satz ist das genaue Gegenteil der BILD-Schlagzeile „Wir sind Papst“ - die war natürlich auch genial, hielt sich aber einfach an die Realitäten. „Du bist Gott“ ist die radikalste, logischste und einfachste Absage an jegliche Religion. Es sagt: Du brauchst nicht irgendeinen erdachten, an einem erdachten Raum steckenden oder auch in allen Dingen steckenden Gott. Du selbst bist als Individuum für dein Glücklichsein, für dein Tun, für deine Mitmenschen verantwortlich. „Du bist Gott“ sagt, alles was sich Menschen als Religion erdacht haben und alles was ein Gott gleich welchen Namens beinhalten kann, bist du selber, kannst du selber beinhalten und nur du bist dafür verantwortlich. Heinlein, aka Jubal, grenzt sich jedoch an anderer Stelle von plattem Solipsismus ab. Anhand seiner Figur Mike, des Marsianers, führt Heinlein eine Art Beweis: ein körperlich erwachsener mit kindlich naiver Erfahrungswelt - von seiten der Erdbewohner aus betrachtet - beginnt mit ungeahnt besser trainiertem Gehirn innerhalb weniger Monate alles menschliche Wissen und alle Konzepte, also auch Religionen, in sich aufzusaugen. An den Religionen hat er am längsten zu knabbern. Und so einer kommt zu dem Schluß: Eine Rasse, die soviel erdacht hat, hat es nicht nötig, an Götzenbilder zu glauben.
Die Bipolarität der Menschen-Rasse sieht Mike als etwas sehr schönes. Auf dem Mars scheint Liebe und Fortpflanzung eher ein mechanischer Akt zu sein. Allerdings bringt der Neuling Mike mit Bipolarität überhaupt nicht in Verbindung, dass Beziehungen immer Zweierbeziehungen sein müssten. Auch nicht, dass sie zwischen bipolaren Partnern stattfinden müssen.
Das Misstrauen gegen den Staat, die Verteidigung der Rechte des Einzelnen vor ihm und das Infragestellen gesellschaftlicher Konventionen oder Prüderie als Beispiel kultureller Konditionierung, sind Grundthemen. So kommt schon ein 90-tägiger Ehe-auf-Zeit-Vertrag vor - 1961! - neben dem Freie-Liebe-Kommunenleben, das in Mike's Organisation geschildert wird. Doch bildet die Figur Jubal auch immer wieder ein hinterfragendes Korrektiv: Mike's Sache funktioniert natürlich nur so herrlich, weil er endlos Kohle hat... Man könnte sagen, Jubal und Mike lernen voneinander. Beide stehen für Libertarismus, Jubal radikal und in sachlicher Form, Mike in spiritueller. Jubal akzeptiert Freie Liebe, für Mike ist sie selbstverständlich. Durch Mike akzeptiert Jubal sogar die Notwendigkeit eines gewissen Maßes an Organisation.
Das geistige Rüstzeug für den Höhepunkt der Civil Rights Movement, für die Free Speech Movement und für das Grande Finale, den Summer of Love und die 68er in Europa, war früh vorhanden, was sich schön auch in „Fremder in einer fremden Welt“ zeigt. Auch die Genialität Heinlein's zeigt sich, seine Gedanken in einen Roman mit phantastischen Elementen zu packen, um ganze gesellschaftliche Konzepte zu hinterfragen, zu kritisieren und komplett neue Ideen zwanglos einzuwerfen.
Besprochene Ausgabe: Heyne | 2009 | 656 Seiten | Broschur* | € 10,95
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel
1. Jörg-Uwe Albig: Berlin Palace (2010)
3. Paul Di Filippo: Mund voll Zungen (2010) - Orig.: A Mouthful of Tongues (2002), engl.
5. John Brunner: Morgenwelt (2000) - Orig.: Stand on Zanzibar (1968), engl.
Ernest Cline:
Ready Player One
Crown, Festeinband
John M. Cusick:
Girl Parts - Auf Liebe programmiert
Baumhaus, Festeinband
Charles Stross:
Rule 34
Ace, Festeinband
Ben Tripp:
Infektion
Heyne, Broschur
Thomas Thiemeyer:
Das verbotene Eden - David und Juna
Pan, Festeinband
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