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Robert A. Heinlein - Mondspuren: Buch Kritik Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur
 

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- Mondspuren

(2014) - Orig.: The Moon Is a Harsh Mistress (1966), engl.
Die Frau im Mond
Robert A. Heinlein hat zeit seines Lebens rätseln lassen, ob er radikaler Liberaler, gar faschistoider Kriegstreiber - Stichwort "Starship Troopers" -, Anarchist oder einfach süffisanter kluger Extrapolierer des jeweiligen Zeitgeists ist.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 21.07.2014
Robert A. Heinlein - Mondspuren
Zoom Robert A. Heinlein - Mondspuren

In der Nachkriegszeit hatte Heinlein vorausgesagt, dass die Sowjetunion weitermachen würde, wenn die USA ihre Nuklearwaffentests einseitig einstellen würden. Er behielt recht. Den Menschen als kriegerische Natur hat er einfach immer in seine Gleichungen miteinbezogen. Was nicht heißt, dass er eine evolutionäre Entwicklung hin zum Besseren nicht als Möglichkeit gesehen hätte. Der Buchtitel "The Moon Is a Harsh Mistress" kommt da fast programmatisch daher. Es wird richtig hart werden, gegen diese Natur anzugehen - hier die lebensfeindliche des luftleeren Monds als Metapher für die menschliche. Von einer Revolte erzählt der Meister, akribisch von ihrer allerersten Saatlegung, über die Gründung von Zellen - Revolutionszellen -, bis zum unweigerlichen Endkampf gegen die Unterdrücker. Und dabei wird klar: Die Revolution muss auf ihrer Zeitachse den Strukturen der Feinde immer ähnlicher werden ...

Ein feines Kammerspiel hat er sich dafür ausgedacht. Gerade mal drei Millionen Leutchen hausen auf den Mondkolonien, vorwiegend die Nachkommen von Ex-Sträflingen. Auf Mutter Erde sieht er in seiner nahen Zukunft bereits 10 Milliarden. Ein ungleiches Verhältnis, zwischen den "Loonies" und der erdtreuen Verwaltung der Mondbasen, die die Kolonisten mit unfairen Preisfestsetzungen drangsaliert. Die Ideen und die Tatkraft zur Revolution liefern in klassischer Zweiteilung ein Computerspezialist und ein Professor. Denn Sysadmin 'Manny' kann einen nichtmenschlichen Verbündeten für sich gewinnen: 'Mike', die Künstliche Intelligenz, die fast alle technischen Vorgänge in den Basen steuert.

Und auch den Typus heißspornige Revolutionärin, die ohne mit der Wimper zu zucken, ihr Leben für die Idee geben würde, vergisst Robert A. Heinlein nicht. Herrlich - und im Wortsinn - nutzt er seine Chance, den Differenzen zwischen den Geschlechtern auf den Zahn zu fühlen. Oft werden seine Screwball-Dialoge mit Machismo verwechselt. Richtig dürfte sein, dass Heinlein seine männlichen Figuren auf den Prüfstand stellt und auslotet, wie weit sie kommen, wenn sie tradierte Rollenmuster verbalisieren, hier einige Jahre vor der 68er-Revolution oder dem Summer of Love. Die Riposten der Frauen sind stets geistreicher als der vorangegangene Angriff. Wenn er Manny als Sprachrohr über Künstliche Intelligenz sagen lässt, "Meiner Auffassung nach ist es unwichtig, ob die Pfade aus Protein oder Platin bestehen", dürften ihm Y- oder X-Chromosom erst recht wurscht gewesen sein.

Seine Loonies führen Klanehen, Linienehen und alles andere, was der Begriff Polyamorie hergibt. Und dennoch haben die Leute bei soviel Gleichheit nicht verlernt, einfach mal den Kuss der heißen Revolutionärin 'Wyo' zu genießen: "Ich fühlte mich wie ein Cyborg, bei dem man das Lustzentrum eingeschaltet hatte." Postgenderistisch geht's zu, im Streit, ob jetzt KI Mike tatsächlich Mike sei oder doch 'Michelle', zu einer Zeit, als der Begriff noch nicht geboren war.

Und wieder mischt Heinlein Konzepte. Wettert auf die Einmischung des Staates als Libertärer, und sein Revolutionsführer, ein "rationaler Anarchist", negiert die Ideen von Staat, Gesellschaft oder Regierung. Doch der Mond als nostalgische Rückerinnerung an den verklärten Wilden Westen - das funktioniert nicht lange, und schon finden sich seine Loonies in lenkenden Strukturen. Das Lesen von "Mondspuren" ist wie das Wühlen in der Mottenkiste Politischer Philosophien, das muss man mögen. Doch gibt es freilich reichlich Action, interessante Extrapolationen zu Datenüberwachung - der heutige reale Zustand wird Heinlein im Grabe nur ein wissendes Lächeln entlocken - und die unnachahmliche Flappsigkeit, mit der er Ernst mit Billy Wilder mischt.

[Andere deutsche Buchtitel bisheriger Ausgaben: "Revolte auf Luna", Heyne oder "Der Mond ist eine herbe Geliebte", Bastei-Lübbe]

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Besprochene Ausgabe: Heyne  |  2014  |  350 Seiten  |  Broschur*  |  € 8,99

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