19.06.2013         Rick Moody - The Four Fingers of Death: A Novel: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchtipps Bestseller   
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- The Four Fingers of Death: A Novel

(2010) (zu Deutsch noch nicht erschienen)
Scheitern als Triptychon
Rick Moody, Autor von "Der Eissturm", wagt auf 730 englischen Seiten (das wären etwa tausend in dt. Übersetzung) das Experiment, Hochliteratur als Pulp Fiction zu bemänteln. Sein trauernder Held stürzt sich ins Auftragsschreiben eines Romans auf Vorlage des Drehbuchs zum Remake des B-Movie-Klassikers "The Crawling Hand". Das Ergebnis ist mehr als Triple A.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 22.07.2012

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Meta-Roman ist "The Four Fingers of Death: A Novel" gleich im doppelten Sinne: Nicht nur wird hier ein vorhandener Text wiederverwertet, schöner gesagt rekonstruiert, nämlich ein Drehbuch (wenngleich das zu einem fiktiven Remake), sondern - alles andere wäre Rick Moody dann eben doch zu billig geworden - es enthält in der Tat drei Romane in einem. Zumindest sein fiktiver Verfasser 'Montese Crandall' behauptet es so. Das ziegelsteindicke Buch lässt sich mit Matroschkas vergleichen: Ganz aussen drauf steht "Rick Moody", zwei Vorsatz-Blätter weiter gibt sich eben dieser Crandall zu erkennen, der eine "Novelization, with Introduction, Afterword, and Notes" geschrieben haben will. Damit drückt er es recht genau aus: Es gibt eine Rahmenhandlung aus der Lebewelt Crandall's, die nicht nur die Romanfassung von "The Crawling Hand" umklammert, sondern auch eine ebenso voluminöse hinführende Vorgeschichte.

Diese Vorgeschichte, wir sind im Jahr 2025, ist ein Traktat über Expansionswahn, Selbstüberschätzung und Geltungsdrang, erzählt durch eine Handvoll empfindsamer Menschen, auf deren Rücken dies alles ausgetragen wird. Sie müssen sich zum Mars schießen lassen. Ja, "Book One" von "The Four Fingers of Death: A Novel" ist die vorweggenommene Geschichte einer Mars-Mission. Es bildet den würdigen Nachfolger für Arthur C. Clarke 's "2001: A Space Odyssey", allerdings in dreifacher Länge und ohne dem Sinn des Lebens hinterherzuhechten, sondern seinen Unsinn aufzuzeigen. (Übrigens stritten Filmer Stanley Kubrick und Clarke im Nachhinein, ob das Buch nun ein Roman sei oder eine Romanfassung des Filmes!) In lakonischer Ernsthaftigkeit schildert 'Commander Jed Richards' das tottraurige Scheitern der Mission. Es liegen Unheilschwangeres und Unabwägbares von Beginn an in der Luft, schon während des monatelangen Hinfluges. Nicht ehrbarer Forscherdrang, sondern die Jagd nach einem tödlichen, als Waffe verwertbaren Bazillus wäre das Hauptziel - so geht bald das Gerücht. Schnell sind die Mannschaften der beteiligten Schiffe dreigespalten: Misstrauisch beäugt, die anscheinend eingeweihten Wissenschaftsoffiziere, dann die Warner, denen erstmal "Space Panic" und Hysterie vorgeworfen wird, und ein Rest, der versucht, in der bald beginnenden Schussfahrt in die Hölle selber cool zu bleiben.

Jed lässt Rick Moody als blumigen, ausufernden und eleganten Erzähler fungieren. Im Stil der dicken Werke des 19. Jahrhunderts berichtet er abgebrüht aus der Rückschau und kann einordnen, was über den langen Zeitraum wesentlich war, im Handeln und Fühlen seiner Mitstreiter. Und er kann abschweifen, wann immer er will, wenn er die reine Chronologie unterfüttern will. "Space travel is shit", lässt Science-Fiction-Autor Charles Stross eine Heldin von ihm sagen, und er meint damit die Isoliertheit, die Abgeschnittenheit von einer Welt als solcher, die zweifelhaften hygienischen Zustände und die resultierende Einsamkeit. Mit der steten Melancholie in der Umschreibung des Nichtstuns, das in eben der gedanklichen Ausschweifung mündet, macht Moody dem Leser die Reise erfahrbar, sperrt ihn selber in die "soda can", die das Raumfahrzeug bildet. Jed's einlullender Duktus ändert sich nicht, wenn sich zwei Astronauten mit Messern attackieren und die kugelrunden Blutstropfen durch die Schwerelosigkeit schweben. Man ist jetzt theoretisch an der Stelle, an der "The Four Fingers of Death: A Novel" schleichend zu Horror Pulp umschlagen müsste - und aber nicht tut, weil Jed weiterhin einfühlsam sein Innenleben und das der anderen skizziert, als würde er ein Picknick beschreiben.

Wo ist die Verschränkung mit der Rahmengeschichte um Montese Crandall, wenn sich diese Reisenden zusehends in sich selbst zurückziehen, sich vorübergehend eine eigene Realität schaffen, um sich letztlich in eine Todessehnsucht à la Romantik zu stürzen? Eigentlich ist "The Four Fingers of Death: A Novel" eine Liebesgeschichte. Eine tragische, keine einfache, und in einem dystopischen, heruntergekommenen US-Amerika. Mit eben jener Regierung, die als mittlerweile drittklassige Wirtschaftsnation nicht mehr sagt "Yes, we can", sondern sich mit der Mars-Mission fragen muss: "Could we do it? Could we bring pride and dignity to a multiethnic post-industrial third-rate economy? Could we redeem a nation before it defaulted on certain kinds of government payments? With this launch did we not ask: Can we do anything right?" In diesem US-Amerika mit gebrochenem Selbstverständnis schlägt sich auch Autor Crandall durch, zuletzt mit der Reduzierung von Geschichten auf One-Sentence-Novels; Sein "Go get some eggs, you dwarf", scheint hier am programmatischsten. Eine Lesung bei einem befreundeten Buchhändler kann er immerhin mit je dreiminütigen Pausen zwischen sechs Stories auf eine knappe halbe Stunde dehnen. Und immer wieder 'Tara', seine Frau, an einer schlimmen Lungenkrankheit leidend. Herzzerreißend, die Szene, als endlich ein Spenderorgan zur Verfügung steht und man schleunigst ins Krankenhaus muss. Mit zweien der Nachbarn hatte man ausgemacht, in diesem Fall der Fälle eine Fahrgelegenheit zu haben. Beide sind unauffindbar, und ein Taxi ist unerschwinglich ... Rick Moody schafft es, diesen Augenblick in der Auffahrt zu einem ganzen Kosmos werden zu lassen, wenn er abschweift zum ersten Kennenlernen der beiden, zu Tara's Spielsucht, zu Montese's Leidenschaft, Baseball-Spielerkarten auf Flohmärkten zu handeln. Übrigens bricht hier zum ersten Mal das Leitmotiv Abgetrennte Gliedmaßen hervor. Die sogenannten B-Karten, nämlich solche, die Spieler mit künstlichen Gliedmaßen porträtieren, werden wesentlich höher gehandelt.

Crandall bleibt nichts anderes übrig, als das lange Leiden seiner Lebenspartnerin mitzutragen. Im Gegensatz zur stoischen Tara, die physisch zerfressen wird, bleibt ihm nur eine Verzweiflung, die kein Ventil findet. Im All, in "Book One", erfindet er für seine Helden die "Interplanetary Disinhibitory Disorder", eine Enthemmung aller Zivilisationsblockaden. Für die Astronauten heißt das, das Zutagefördern schlimmster menschlicher Eigenschaften oder das Loslassen sexueller Muster - hier der lustigste Buttfuck der interplanetarischen Geschichte - oder die Negierung sozialer Erwartungen: Einer fängt auf dem Mars an, Skulpturen aus gummiartigem Abfall des Fusionsreaktors zu schaffen. Um das Unbevölkerte zu bevölkern, klatscht er die ganze Wüste voll damit, doch seine Kumpanen werden ihm zusehends egal. Ein anderer nutzt das Ultralight, um vermeintlich einem der Wissenschaftsaufträge hinterherzugehen, sucht aber ebenso nur die Einsamkeit. Auch Erzähler Jed muss, ähnlich Crandall, hilflos zusehen, wie die anderen Raumfahrer in Wahn abdriften. Da sind auch das erste Mars-Baby oder die erste Treibhaus-Tomate nur wirkungslose Bremsklötzchen, genauso wie das in früher Euphorie verfasste Mars-Traktat, gipfelnd in Slogans wie "Martian freedom must be designed on Mars, by Martians, for Martians [...]!"

Man merkt es schon, einen Haufen Spaß vermag neben all der beklemmenden Atmosphäre auf Erden, auf dem Mars und dazwischen Rick Moody jederzeit aufzubringen. Selbst wenn sich Jed und die Astronauten von ihrer eigenen Mission Command längst verraten und verkauft und im Stich gelassen fühlen. Crandall respektive seine Figuren wollen sich über ihr Gefühl der Unzulänglichkeit einfach stumpf hinwegsetzen. In gespenstischer Art trinkt der eine sofort das gefundene Wasser auf dem Mars, ohne es zu untersuchen; immer öfter entledigen sich die Raumfahrer ihrer Schutzkleidung, was auf Dauer keinesfalls gesundheitsförderlich ist (ein Kunstgriff Moody's: Der Druck der Marsluft ist bei ihm OK, aber sie ist nicht atembar). Sinniert Jed auf dem Hinflug noch, "The void looks back into the astronaut", so schreibt er auf dem Planeten an seine Frau vom "movement out of ourselves into some new dynamic of identity".

In "Book Two" nun nimmt der eigentliche Pulp seinen Lauf - man ahnt es schon, und soviel sei verraten: Das Bazillus, von dem gemunkelt wurde, gelangt tatsächlich auf die Erde, natürlich unkontrolliert und in Form einer von ihm durchdrungenen abgetrennten Hand mit nur noch vier Fingern. Jetzt ist Montese Crandall's Alter Ego ein Wissenschaftler, der versucht, seine verstorbene Frau wiederzubeleben. Bei seinen Experimenten fängt ein Affe an zu sprechen, Franz Kafka lässt grüßen. Der Bazillus ergreift Besitz von einem neuen Messias, der eine extrapolierte New Age-Version fürs zweite Vierteljahrhundert predigt.

Alle in "The Four Fingers of Death: A Novel" versuchen, mit Scheitern und Unzulänglichkeit klar zu kommen. Den Hybrid-Baseballspielern mit ihren künstlichen und natürlichen Gliedmaßen mag dies noch gelingen. Daneben schafft es noch einer; die anderen zerbrechen an der auferlegten kollektiven Hybris, die von ihnen verlangte: "Go get some eggs, you dwarf."

Besprochene Ausgabe: Little, Brown | 2010 | 730 Seiten | Festeinband* | € 13,99


 

 

 

 
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel
 
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