Keiner demontiert den Amerikanischen Traum schonungsloser als Richard Yates. Schon sein Debüt "Revolutionary Road" 1961, deutsch "Zeiten des Aufruhrs", wird zur Blaupause für die Entlarvung des Glücksversprechens für jedermann in den Fünfziger Jahren als Blase, die spätestens Mitte der Sechziger platzen wird. Denn um Glück muss man kämpfen und es sich bewusst machen. So ist "Revolutionary Road" - auch verfilmt von Sam Mendes mit DiCaprio und Winslet in den Hauptrollen - das Psychogramm einer Ehe, die im Konflikt zwischen dem Ausbrechen-Wollen aus der Bürgerlichkeit und der Bequemlichkeit zerbricht.
Yates ' dritter Roman "Ruhestörung" irritierte bei seinem Erscheinen 1975. Das tut er auch heute noch; wahrscheinlich weil es nicht leicht fällt, sich als Leser zu entscheiden, wie man mit Hauptfigur 'John Wilder' mitfühlen soll oder ob überhaupt. Was soll man von einem halten, der seine Ehefrau verachtet, dem seine Freunde gleichgültig sind, der ständig in Tagträume verfällt, sobald er eine gut aussehende Frau sieht, diese auch gelegentlich umsetzt in der eigens dafür vorgesehenen geheimen Wohnung, die er zusammen mit seinem besten Buddy nur für diesen Zweck unterhält? Der mit seinem Chef schon beim Mittagessen zwei wasserglas-große Martini kippt und beim Nachhausekommen circa fünf Bourbon. Der mehr will vom Leben, aber gar nicht genau weiß, was eigentlich. Werbefachmann John Wilder treibt keine Gier, er ergeht sich eher in Selbstmitleid, weil er weiß, dass er nicht intelligent genug ist, sich zu ändern, nicht einmal, seine Unzufriedenheit zu benennen und seine Träume zu artikulieren. Seine Existenz wird scheitern, weil er mit seiner eigenen Normalität nicht klarkommt, sondern verbittert ein Ideal anhimmelt, das sich an menschlich ätherischen Qualitäten von Hollywood-Stars orientiert.
John rastet schließlich aus; vielmehr, sofort zu Anfang des Romans. Er besäuft sich in einer Bar in New York anstatt nach einem einwöchigen geschäftlichen Aufenthalt in Chicago zu Sohn und Ehefrau nach Hause zu gehen. Letztere ruft er an, um ihr um die Ohren zu knallen, er habe eine Kongressteilnehmerin fünfmal gevögelt - und er werde nicht heimkehren, weil er wohl sonst seine Familie umbringen würde. Nicht zimperlich macht er weiter. Als Buddy 'Paul' ihn beruhigen will, beschimpft er dessen Frau als fetten Alligator. Richard Yates zeichnet ein drastisches Bild der Geschlechterrollen zu Zeiten der Sechziger. Man könnte meinen, mit der feisten ökonomischen Saturierung dieses Jahrzehntes habe auch der Machismo im Zwanzigsten Jahrhundert seinen Höhepunkt erreicht. Ehefrauchen 'Janice' charakterisiert Yates gleich auf den ersten Seiten vernichtend: "[...] falls ihre Ehe mehr einem Arrangement gleichen sollte als einer aufregenden Liebesaffäre, dann war auch das in Ordnung", sinniert sie und flüchtet sich in Gemütlichkeit und ihre zahlreichen Bücher. Alles soll noch derber und obszöner kommen, als John dann eine Woche in der Klappse verbringen muss. Ein gutes Zeit-Portrait liefern die Durchgeknallten dort als Stellvertreter für den alltäglichen Rassismus oder Schwulenhass.
Härte, Wucht und ein unwohles Gefühl schlagen einem auf jeder Seite von "Ruhestörung" entgegen. Diese Figur John will absolut nicht politically correct sein, will nicht mehr umgänglich sein, geschweige denn höflich. Diesen Roman zu lesen ist ein Schwanken zwischen Abscheu vor seinen Figuren und Ehrfurcht davor, wie Richard Yates das alles so unprätentiös niederschreiben kann.
In einer jungen Frau, die sich ebenso wie er für Filme begeistert, wird er seine Meisterin finden und als John tatsächlich in Hollywood ankommt, muss er alsbald feststellen, dass man auch hier mit Dummheit und Fantasielosigkeit nicht weit kommt. John wird unfähig bleiben, sich selber zu helfen oder sich helfen zu lassen.
"Ruhestörung" ist knackig übersetzt von Anette Grube, die sich nicht davor scheut "Thing is..." auch mit "Sache ist..." zu übersetzen, obgleich das im Deutschen eher noch verpönt ist, den Artikel wegzulassen. Respekt für den Mut, denn das Deutsche ist ja oft zu lang und umständlich.
Besprochene Ausgabe: DVA | 2010 | 300 Seiten | Festeinband* | € 19,95
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