Richard Thiess - Mordkommission - Wenn das Grauen zum Alltag wird: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur

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- Mordkommission - Wenn das Grauen zum Alltag wird

(2010)
Der Mörder ist abgearbeitet
Richard Thiess ' „Mordkommission“ liest sich wie eine Mischung aus Tagebuch eines Kriminalers und der rein sachlichen Berichte, die er im Beruf sicher schreiben muss. Voyeuristische Schauen in Mörder-Seelen sollte man vom Ersten Kriminalhauptkommissar und Leiter der Münchner Mordkommission 5 nicht erwarten.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 22.02.2010

Sein Buch soll aus subjektiver Sicht eines Mitgliedes einer Mordkommission schildern, welche Dinge in Gang kommen, nachdem sich ein Tötungsdelikt ereignet hat, wie Thiess im Prolog darlegt. Dabei will er auf jegliches Pathos verzichten und bittet den Leser, von Anfang an jegliche Klischees aus Krimis beiseite zu legen. So reißt er dann circa 30 reale Fälle ab, seit seinem Wechsel in die fünfte Mordkommission 2001, mal auf zehn Seiten geschildert, mal nur auf fünf. Das geschieht kühl und rational, eben genau so, wie ein Kriminaler im Idealfall zu arbeiten hat, wenn er nicht gerade ein Buch schreibt. Das Menschliche kommt dabei oft kurz. Das der Opfer, der Täter und der Beamten. Wie aus einer theoretischen Warte herunter wiederholt Thiess das Mantra, der Job verlange, keine Emotionen an sich heranzulassen. Das färbt auf seine Arbeit als Autor durch. Lernen tut man zweifelsohne etwas, etwa über die Aufgaben des KDD, des Kriminaldauerdienstes, oder des Jourstaatsanwaltes. Letzterer muss, genauso wie die Polizisten derjenigen Mordkommission, die gerade die Bereitschaft für eine Woche lang inne hat, zu jeder Tages- und Nachtzeit erwarten, per Handy an einen Tatort gerufen zu werden. Oder man liest mit Erstaunen einen Fall, bei dem zuerst ein Obdachloser verdächtigt wurde, und fragt sich, wieviele psychisch labile Menschen, Menschen, die sich nicht so gut verbal verständigen und wehren können, vor der Erfindung des DNA-Abgleiches unschuldig in den Knast geschickt oder gar hingerichtet wurden. Der Mob konzentriert seine Hinweise schnell auf die am Rande der Gesellschaft Lebenden, auf die, die vermeintlich sowieso nicht richtig ticken. Denn nicht alle Zeugen sind strenger Objektivität verpflichtet wie Richard Thiess und seine Kollegen sie dem Buch zufolge streng walten lassen.

Doch schafft er nur ganz selten menschliche, berührende Skizzen in seinem Buch, etwa beim Fall eines doppelten Mörders und Vergewaltigers. Bei der Aufklärung dieses Altfalls fährt Thiess mit zwei Kollegen nach Bremerhaven, um mit dortigen Kollegen und dortigem SEK die Festnahme zu organisieren. Bei der Überführung im Zivilwagen zurück nach München - ein Glücksfall, wie sich rausstellt; der Festgenommene hätte in Bremerhaven einen Anwalt nehmen können und die Überführung verweigern können - steht die Spannung im Innenraum des Wagens. Mit äußerster Zuvorkommnis und regelmäßigen Pausen auf den Autobahn-Parkplätzen wird der vermutliche Täter weichgekocht, im Schonwaschgang sozusagen, und macht noch im Auto ein Geständnis auf Tonband. Er hatte zuerst von seiner Kindheit und Jugend erzählt in ruhigem Ton. In einer Pause fragt er, warum die Beamten denn noch so korrekt zu ihm wären, obgleich er ihnen doch gerade offenbart habe, was für ein Monster er sei. Richard Thiess beschreibt die Gefühle der drei Beamten, die Genugtuung empfinden über die Lösung des Falls, denen aber jegliche Häme oder Freude abhold sind.

Ich maße mir nicht an, ein Urteil über den Täter zu fällen. Das ist zum Glück nicht meine Aufgabe, ist nicht die Aufgabe der Polizei. Wir haben Sachverhalte aufzuklären, be- wie entlastendes Material zu sammeln und zur Bewertung an die Justiz weiterzuleiten. Nicht mehr und nicht weniger. Um dieser hohen Anforderung gerecht zu werden, bleibt kein Raum für private Gefühle. Sich hierbei von Emotionen beeinflussen zu lassen, hieße schlicht, unprofessionell zu arbeiten.

Dann zaubert er doch hin und wieder Atmosphäre, etwa wenn er an seinem ersten Arbeitstag in der Mordkommission deren Unterbringung beschreibt, in einem längst sanierungsbedürfigen Haus, mitten im Bahnhofsambiente mit seinen Sex-Bars, Bierhallen und ranzigen Imbissen, also gut gewählt, in einem Milieu, in dem Polizisten sowieso oft ermitteln dürften.

Literarisch ist „Mordkommission“ bestimmt kein Meisterwerk, doch das war auch nicht die Intention von Richard Thiess. Er ist kein Sprach-Artist, seine Sprache ist effektiv und so scheint sie ein Spiegelbild seiner täglichen Arbeit. Etwas weniger Lobhudelei bis hin zum Dienstrangniedersten in Hintertupfing hätte gut getan. Thiess vergisst hier, dass er nicht im Dienst ist, wo er das sicher tun muss, sondern vor dem Lesepublikum. Auch kann man zwischen den Zeilen auf eine gewisse Selbstverliebtheit blicken. Die Aneinanderreihung von gelösten Fällen hat auch viel von einer Art Lebenslauf in einer Bewerbung, obgleich Thiess so etwas sicher nicht mehr nötig hat. Was man ihm abnehmen kann, ist die Ambition, mit der er den Job macht, nämlich seine Empathie mit den schwer verwundeten Opfern oder den Angehörigen von Getöteten.

Letztlich hat Thiess unter anderem ein Psychogramm über sich selbst geschrieben, eines Typus des erfolgreichen Kriminalers, der eben von emotionaler Warte aus betrachtet, das ganze Gegenteil eines Autors sein muss. Ganz klar muss so einer mehr an der Abarbeitungsweise eines Falles interessiert sein, als am Menschsein. Das muss dem Käufer dieses Sachbuchs klar sein. Doch die erklärungslos geschilderte Brutalität gegenüber Partnern, Verwandten oder Zufallsopfern erfüllt eine Aufgabe, an die es immer wieder zu erinnern gilt: Uns bewusst werden zu lassen, dass wir ohne Beamte, die diesem Beruf nachgehen, in einer Welt des Rechts des Stärkeren leben würden und Gewalttäter keine Sanktionen zu befürchten hätten.

Besprochene Ausgabe: dtv premium | 2010 | 240 Seiten | Broschur* | € 14,90
 
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel

      
 
 
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