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 24.05.2012         Richard Morgan - Profit: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchtipps Bestseller   
Richard Morgan - Profit: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur

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- Profit

(2006) - Orig.: Market Forces (2004), engl.
Pflege nie Männerfreundschaften in der Firma
In einer großartigen Allegorie duelliert sich die Elite der Finanzjongleure Londons mit Autos auf dem Weg ins Büro. In der Realität lebten viele von ihnen bis zu hiesigem Crash fast in ihren Büros, der Wirklichkeit entrückt, wie jetzt Insider aus Londons Bankenviertel berichten. Das ist aber auch das Einzige, was Morgan 2004 in seiner Near-Future-Dystopie falsch eingeschätzt hat.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 27.10.2008

Es mag für den unerfahrenen SF-Leser abstrus klingen, den Konkurrenten um Jobs, Deals und Firmenanteile auf den Motorways in den Outskirts von London als eine Art tödlichen Sport zur Strecke zu bringen. Wer weiß, ob Morgan überzieht in seiner Diagnose des Entfesselten Kapitalismus oder eher untertreibt, ob der aktuellen Berichte blühender Dekadenz zwischen Blomfield Street und London Wall. Sicher, Auto-Duelle von Anzug-Trägern in akribisch gepanzerten Fahrzeugen sind ein Bild, wogegen Morgan im Roman mit 'Conflict Investment' Geschäften eine Nomenklatur gibt, die tagtäglich stattfinden aber in der Wirtschaftsliteratur keinen offiziellen Platz finden.

Die US-amerikanische Defense Advanced Research Projects Agency, eine Abteilung des Verteidigungsministeriums, forschte anfangs der Nuller-Jahre tatsächlich an der Einführung eines 'Policy Analysis Market', ein Markt, auf dem Wetten auf die zukünftige politische und ökonomische Entwicklung eines Landes gehandelt werden können. Da sie an die unbedingte Überlegenheit des völlig freien Marktes glaubte, sah sie hierin das genaueste Vorhersage-Instrument, da sich die Marktteilnehmer entsprechend genau evaluierter Informationen verhalten würden.
Das Projekt platzte, nachdem durch die New York Times bekannt wurde, dass auch die Wahrscheinlichkeit von Terror-Attacken vorhergesagt werden sollte, respektive „gehandelt“ werden sollte...

Der Held im Buch gerät an einen hochdotierten Job im 'Conflict Investment': man konzentriere sich auf eine Bananenrepublik, die gerade durch einen Putsch oder Bürgerkrieg durchgeschüttelt wurde, evaluiere, was wahrscheinlich herauskommen würde, wenn man der einen oder anderen Partei entschieden unter die Arme greifen würde, um an die Macht zu gelangen - und sahne, als Lohn der Mühen, in Zukunft einen festgelegten Prozentsatz am Bruttoinlandsprodukt ab. Schmutzige kleine Kriege sozusagen institutionalisiert als seriöses Geschäftsmodell.

Der Held Chris baut eine Männerfreundschaft auf zum ihn protegierenden Kollegen Mike, doch, man ahnt es von Anfang an, sie ist nicht unumstößlich. Dennoch ist dieses Motiv der Kernpunkt des Buches und von Morgan mit von ihm ungewohnter Wärme erfasst. Das Kumpelhafte und die Neckereien bei gleichzeitiger unbedingter gegenseitiger Loyalität und das fast schon Brüderliche wirken wie eine Insel der Glückseeligen und müssen zwangsläufig im Getriebe ihrer stahlharten Jobs zermalmt werden. Es ist ein Entwicklungsroman, auf zwei sich reibenden Schienen: Chris, anfänglich der Gut-Mensch, glücklich in seiner Beziehung, jovial, wirft seine Seele Stück für Stück weg, in lange anhaltender falscher Loyalität zum Freund und weil er neben seinem Auto-Spleen auch den beruflichen Erfolg mehr als Sport denn Gelderwerb betrachtet. Um jeden Preis gewinnen will auch Freund Mike. Die Brutalität Mike's wird Chris zu spät bewusst, nachdem er ihn längst ins Herz geschlossen hat. Fast hilflos muss Chris beobachten, wie die Fassade Mike's bröckelt und gleichzeitig seine eigene immer betonhafter wird. Im wahrsten Sinne rasen da unaufhaltsam zwei Autos aufeinander zu, die harmlos zu einem gemeinsamen Picknick gestartet waren.

Die Rennen auf den auf Stelzen gebauten Stadtautobahnen und in ihren Tunnels sind gruselig und atemberaubend. Größtenteils führen sie durch Slums, die durch Sperren von den kleinen Reichen-Vierteln getrennt sind. Mühen, die Einkommensschere zu schließen, macht sich im Jahr 2049 niemand mehr. Abgehoben ist der Motorway von der natürlichen Landschaft und abgehoben sind seine wenigen elitären Benutzer, die auf dieser schmalen Asphaltschlange ihre Schlachten schlagen.

Action, Einfühlsamkeit, Wirtschaftssatire: Ein großes Buch vom Meister der 'Future Noir'.

Besprochene Ausgabe: Heyne | 2006


 

 

 

 
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel
 
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