
Heroinhandel und Menschenschmuggel gesellen sich auch hinzu. Man ahnt schon, letztlich ist der schnöde Mammon, auch hier in diesem Thriller, der lange mit archaischen Kulten, dem wirklich physisch greifbaren Bösen und dem Verhextsein spielt, Triebfeder der Scharlatanerie - soviel ist von der ersten Seite an klar. Trotzdem behauptet Kunzmann, er wölle in erster Linie der Frage nachgehen, warum ein Mensch sich über jegliche Moral schwingt, und andere Menschen opfert - im Sinne des Wortes -, um zum Beispiel einem Ladenbesitzer eine Hand zu verkaufen, die dieser in eine Betonschwelle seines Geschäfts gießen lässt, um zögernde Kunden hereinzulocken. Er zählt andere Beispiele im Roman auf: „Viele schwarze Gechäftsleute sind sich heute ihrer neugewonnenen Position nicht sicher, also gehen sie zu afrikanischen Heilern, um sich Rückendeckung für ihr eigenes Glück zu holen oder Unglück für ihre Rivalen heraufzubeschören.“
Gut - Kunzmann schafft es, dem Leser ein leidliches Bild dieses Nebeneinander von Moderne und Kult im neuen Südafrika zu geben, diesem fragilen Staatsgebilde, wo Township und Glitzerfassade immer noch auf Steinwurf nebeneinanderstehen. Doch seinen Anspruch, in diese Fetischwelt einzutauchen, die vertut er, und so bleibt das doch nur Aufhänger, um eine ausgeweidete Kinderleiche nach der anderen zu befestigen.
Richard Kunzmann engagiert einen hellhäutigen, britischstämmigen Kommissar und seinen Partner, einen dunkelhäutigen, afrikanischstämmigen. Na, Herr Kunzmann, sind wir doch wieder beim zeitgeist gelandet, auch wenn Sie es in englischer Schreibweise klein schreiben. Jetzt kann 'Harry', der Weiße, schön rationale Polizeiarbeit abreißen, während sich dunkelhäutiger Partner den Traditionen seiner Vorfahren nicht entziehen kann und Geisterspökes selber nicht abhold ist. Da fetzen sich die beiden irgendwann gewaltig im Laufe der Ermittungen gegen den mysteriösen 'Albino', einem gottgleichen Leichenteiledealer. Auch Albino kommt als Figur nicht über ein lachhaftes Klischee hinaus. Er sieht eigenartig aus, aber wie er seine Macht aufbauen konnte und warum er solches Charisma haben soll, arbeitet Kunzmann nicht heraus.
Manchmal, stellenweise, blitzt ein bisschen Genie in Wortwahl und Sprache auf. Das bringt den Leser immer wieder holprig auf eine Minimumbereitschaft weiterzulesen. Ärgerlich nur, dass diese Stellen eben auch Hoffnung auf mehr Tiefe wecken, die aber nicht mehr kommen wird. So ist ein verwahrlostes zylinderförmiges Hochhaus beschrieben, eine Welt, schlimmer als die Hölle, in der Prekariat, Dealer, Fixer, Prostituierte und Ganoven nur durch Vorhänge getrennt hausen und durch dessen offene Nabe die Selbstmörder stürzen, um unten auf einem Haufen Müll aufzuklatschen. Andere Orte dagegen bleiben seltsam diffus, die Figuren gar nur rasterhaft. Anderes Übel sind viel zu lange und zu oft und willkürlich eingestreute kursiv gedruckte Passagen, die wohl immer ältere Erinnerungen der Protagonisten einläuten. Sie bremsen den Lesefluss aus und tragen nichts Sonderliches bei. Das ist schon traurig, für ein Buch, das sich Thriller nennt, dass die erste gute tatsächlich spannende und authenthisch wirkende Szene nach geschlagenen 180 Seiten eintritt.
Letztlich, liebe Thriller-Autoren: Verschont uns mit den Ehefrauen eurer Kommissare, in diesem Falle heißt sie 'Amy', oder so ähnlich - ist wirklich egal -, die mit dem Job ihrer Männer nicht klar kommen, die nicht klarkommen, dass ihre Männer nicht alle dienstlichen Details ausbreiten können und die anscheinend nie ein eigenes Leben haben, nur Beiwerk zum Helden sind, und als Lebensbestimmung sich 24/7 um ihn Sorgen machen müssen.
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Besprochene Ausgabe: Knaur | 2009 | 512 Seiten | Broschur* | € 8,95
* Festeinband: harte Buchdeckel
/ Broschur: weiche Buchdeckel
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1. Robert Ellis: Leichengift (2010) - Orig.: The Lost Witness (2009), engl.
2. Theresa Schwegel: Das Gesetz der Spinne (2009) - Orig.: Person of Interest (2007), engl.
4. Kevin Brooks: Black Rabbit Summer (2009) - Orig.: Black Rabbit Summer (2008), engl.
5. Robert Harris: Ghost (2008) - Orig.: The Ghost (2007), engl.