18.11.2018   Rezension, Buchbesprechung, Buchkritik   Literatur, Buch, Kritik         Richard Harland - Worldshaker: Buch Kritik Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchtipps Bestseller   
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- Worldshaker

(2010) - Orig.: Worldshaker (2009), engl.
Im Panzer mit Victoria II.
In einer Alternativ-Realität rollen sie immer noch in mächtigen Gefährten gegeneinander an: die ehemaligen Imperial-Mächte. In Richard Harland 's Jugendbuch kann der Steampunk-Interessierte vergleichen, wieviel sich zu unserer Gegenwart wirklich geändert hat.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 30.11.2010
Richard Harland - Worldshaker
Zoom Richard Harland - Worldshaker

Der seit langem in Australien lebende, gebürtige Engländer Richard Harland versetzt den jugendlichen Steampunk ins Zeitgefühl des 19. Jahrhunderts, in dem, sage und schreibe, die reale Königin Victoria 64 Jahre lang über die halbe Welt herrschte, von 1837 bis 1901. Im erfundenen Mikrokosmos von "Worldshaker" zeigt Harland auf, warum diese Spanne nur von der Oberschicht, dem Bürgertum und allenfalls noch dem Bauernstand als "die gute alte Zeit" empfunden wurde. Der Arbeiterstand, das sind bei ihm "die Dreckigen" und "die Gesindlinge", zwei Gruppen, die auf einem monströsen, mehrere Meilen langen Vehikel, der titelgebenden Worldshaker, in den Unterdecks hausen und die Turbinen befeuern müssen beziehungsweise ihre Herren in den Oberdecks bedienen müssen. Was dieses Ungetüm zudem in den Ländern anrichtet, durch die es mit seinen 340 Walzen, "jede wiegt achthundert Tonnen", streift, um "Handel" zu betreiben, wird erst nach und nach im Buch klar ...

Wir sind in einer sogenannten Alternativ-Welt; d. h. Autor Richard Harland schreibt die wahre Historie ein bisschen um, nach dem Motto Was Wäre Wenn. Aristokratie und eine 'Queen Victoria II.' sausen mit diesem mobilen Klein-Staat rund um die Welt, zu Lande und zu Wasser, ständig in Konkurrenz mit den "Juggernauts" - zu Deutsch etwa "schwerer Brummer" - anderer imperialer Nationen. Während sich "Worldshaker" tatsächlich nur im Inneren des Ungetüms abspielt, wird sich diese Konkurrenz in Band 2 zuspitzen - richtig, Harland hat im Original bereits eine dreibändige Serie angelegt. Ja, um es vorweg zu nehmen, vorliegender Band 1 hat seine Längen und Redundanzen und wirkt künstlich gestreckt. Das ist schade, aber das Buch brilliert eben stellenweise auch.

Die 14-jährige 'Riff' ist dem Leser sofort sympathisch, mit ihren blonden Zottelhaaren, die von Öl und Ruß schwarz gesprenkelt sind. Sie ist eine "Dreckige" auf der Flucht und trifft auf den 16-jährigen 'Col', zufällig der Spross einer der einflussreichsten Familien auf dem Juggernaut. Da webt sich von Anfang an ein Schuss Erotik durch die Zeilen, auch wenn sich Riff beim allerersten Aufeinandertreffen noch unter Col's Bett versteckt. Der ist sofort irritiert vom "brennende[n] Blick ihrer großen Augen." Und es scheint auch sofort klar, dass "Worldshaker" kein Kindergeburtstag wird, wenn Riff dem unwissenden Col steckt, dass Gesindlinge normale Menschen waren, denen in der "Korrekturkammer" per chirurgischem Eingriff und Folter Fähigkeiten künstlich genommen werden.

Leider kann Richard Harland die Dynamik seines fulminanten Auftakts dann über weite Strecken des Buches nicht aufrechterhalten. Allzu ausgiebig zelebriert er Teekränzchen und affektiertes Nichts-Tun der herrschenden Klasse. Klar ist, was er aussagen will. Aber das muss er geschickter anstellen, ohne den Leser zu langweilen. Wenigstens bei den Litaneien des morbiden Stumpfsinns, den Lehrer 'Mr. Gibber' versucht, seinen Schülern unterzujubeln, hätte Harland mit Leichtigkeit ein paar Lacher einbauen können. Doch mit Humor hat er's das ganze Buch über nicht. Auch angehende Revolutionärin Riff, man ahnt es schon, bleibt recht spröde.

Erst nach etwa einem Drittel fängt er sich wieder. Und so sind die starken Seiten des Buches die Beschreibung des Kampftrainings, dem Riff Col unterzieht - klar, mit knisternder Erotik, ob der körperlichen Nähe -, die Innenwelt des Juggernauts, vor allem des Unterdecks mit seinen steampunk-typischen fauchenden, ratternden, kolben-schwingenden, feuerspeienden, gefährlichen, überdimensionierten Maschinen sowie eine wirklich abgrundtief böse Großmutter, die Col's nämlich. Viele andere Figuren hingegen bleiben blass gezeichnet, da Harlan gewollt die Oberschicht in ihrer Tumbheit reichlich überzieht. Bleibt noch als Pluspunkt, das Aufzeigen der Grauzone, in der sich Menschen bewegen, die sich selber ein reines Gewissen zurechtbasteln, da sie selber nichts Schlimmes tun - und das auch so von der Gesellschaft sanktioniert ist, in der sie sich befinden -, die aber schlimme Dinge auch nicht verhindern. Die Gründe sind falsche Familien-Loyalität, Korpsgeist, Angst vor sozialer Herabstufung oder vor Karriere-Nachteilen.

Der Verlag stuft "Worldshaker" bei "ab 13 Jahre" ein. Der Rezensent würde auch mit "ab 12" d'accord gehen, wobei hoffentlich die jungen Leser die zähen Strecken des Buches überstehen und etwas ältere die absichtliche Unbedarftheit der Helden nicht übel nehmen. Das dürfte das Fenster recht eng machen, etwa von 12 bis höchstens 14.

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Besprochene Ausgabe: Jacoby und Stuart  |  2010  |  400 Seiten  |  Festeinband*  |  € 16,95

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