Rebecca Niazi-Shahabi - Leichte Liebe: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur

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- Leichte Liebe

(2009)
Gleiches Blut vergibt nicht alles
Eine Frau beschreibt den verschwundenen Vater, der ihr Leben nur sporadisch durchkreuzte. In klassischer Manier fiebert der Leser der Begegnung mit dieser Figur entgegen.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 12.04.2009

Es ist ein Stilmittel, das den Leser vom Anfang eines Buches an in den Bann zieht. Ein Erzähler lässt sich über eine Figur aus, die lange nicht in direkter Interaktion in Erscheinung treten wird. Der Erzähler, hier Erzählerin, kennt sich aus, ist fasziniert von der Person, hat Anekdoten parat aus der Vergangenheit, die vor dem Leser die Figur wie in einer immer detaillierter werdenden Skizze ausbreiten. Das fügt dem subjektiven Bild des Erzählers die Aspekte der Sicht anderer hinzu. Das ist hohe Kunst, und Rebecca Niazi-Shahabi beherrscht sie gut.

'Yael' hat recht komplizierte Familienverhältnisse, die Wurzeln ihrer jüdischen Familie liegen in Marokko. Die meisten ihrer Verwandten leben mittlerweile in Israel. Yael hat es nach Berlin verschlagen. Die erste Hälfte des Romans spielt dort, zeigt Yaels urbanes Dasein als Single und freiberuflicher Texterin mit kräftigen, amüsanten Seitenhieben auf die Werberwelt, einer kranken Spezies in Berlin-Mitte, mit der Yael hadert. Beruflich und privat fehlt ihr die Leichtigkeit im Leben; die Dinge so nehmen zu können, wie sie kommen, selbst an ihrer Freiberuflichkeit sieht sie nur das Negative. Gesellschaftliche Konventionen nagen an ihr, eine gewisse Unsicherheit verhindert, dass sie über ihnen stehen kann. Der verschwundene Vater: das genaue Gegenteil.

Da kommt die Umkehrung des Normalfalles auf uns zu: Die Eltern, sie sind meist die Spießer in Augen ihrer Kinder, die, von denen man vehement ablehnt, so zu werden wie sie. Sonderfälle hierunter die Eltern, die sich so sehr lieben und sich selbst genügen, dass Kinder am falschen Platz sind oder 68er, denen aber andere Dinge gedankt seien.
Yaels Vater ist der Lebemann, der Weltmann, zu dem Familienleben einfach nicht passt, der aber dennoch Yael in die Welt gesetzt hat. In der Hass-Liebe Yaels, die diesen Menschen als Jugendliche überhaupt zum ersten Mal sieht, überwiegt die Faszination. Unzählige Freunde und Verwandte werden vom Vater Antoine verletzt und stehengelassen und doch gilt die Figur als „guter Mensch“.

Währenddessen wollte er sich unten am Kiosk eine Schachtel Zigaretten holen. Zwei Wochen später hat er wieder an ihrer Tür geklingelt. Meine Großmutter soll ihn mit dem knappen Satz „Dein Kaffee ist kalt“ empfangen haben.

Ein Schnelldurchlauf durch Fragmente des Lebens ihres Vaters, ergeben zuerst ein skizzenhaftes, kein durchgeformtes Bild von ihm. Er erzeugt eher Neugier auf diese außergewöhnliche Person. Es erzeugt diese Eigenart von Spannung, bei der man sich sicher ist, man wird nach all dem indirekten Erzählen der Figur im Verlauf des Buches noch selber begegnen. Und sei es nur auf der letzten Seite. Aber lieber früher.
Dieses Mal ist Yael über das Verschwinden besorgt. In Reisen nach München und Tel Aviv sucht sie zwar den Vater, vervollständigt aber in erster Linie ihr Bild über sich selbst und korrigiert die ausschließliche Bewunderung für Antoine.

Nebenbei rückt sie manch Mythos von Party-Town und hundertjährigem Jubilant Tel Aviv zurecht, allem Hype und Jubel zum Trotz. Ziemlich verstörte Männer rücken ihr auf den Pelz, im Drang, ein konservatives Wertebild zu erfüllen, das von Yaels unzähligen Cousins und Cousinen längst erfüllt ist; sie sind verheiratet, haben mindestens vier Kinder und arbeiten geregelt. Andere Dinge hingegen behandelt der Israeli an sich mit großer Leichtigkeit und so kann das Buch am Ende noch zu einer Emanzipation vom Vater der Mitte-dreißigjährigen führen, an der der gründliche, aber immer freundliche israelische Zoll seine Beteiligung hat...

Besprochene Ausgabe: rowohlt BERLIN | 2009 | 254 Seiten | Festeinband* | € 17,90
 
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel

      
 
 
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