Altmeister Bradbury, der dieses Jahr 90 wird, erzählt im Vorwort, wie er mit einem Kumpel im Jahr 1950 nach einem Kneipenbummel durch L. A. schlendert, und sie plötzlich von einem Streifenpolizisten angehalten werden, der wissen will, was sie dort tun würden. Für einfaches Zu-Fuß-Gehen zu einer Uhrzeit zu der die Gehwege schon hochgeklappt waren, wurden die beiden unsanft in eine Verdächtigen-Rolle gedrängt. Zuhause angekommen, beginnt Bradbury mit der Geschichte „Der Fußgänger“.
Im Roman „Fahrenheit 451“ von 1953 wirft die Episode immer noch ihre Schatten, aber schlimmere. Nicht nur, dass man in einem totalitären Staat auf US-amerikanischen Boden wegen „Fußgängerei“ verhaftet werden kann, auch das Besitzen von Literatur kann geahndet werden. Guy Monday ist 30 und Feuerwehrmann. Allerdings rücken er und Kollegen aus, um Bücherverbrennungen durchzuführen. In Spitzeltätigkeit und mit Hilfe von Denunziantentum haben sie vorher entsprechende Indizien gesammelt, bei wem sich Bücher finden. Die Massen werden ruhig gehalten durch sportliche Großereignisse oder eine Art allesbeherrschendes Vier-Wände-TV, von dem sich etwa Monday's Ehefrau allabendlich einlullen lässt, bevor sie sich mit Schlaftabletten zudröhnt. An Kommunikation herrscht ungefähr:
- Ich hatte einen netten Abend.
- Was war denn?
- Das Wohnzimmer. Programme.
- Was gab's? Was für Programme?
Das Lese-Verbot steht für geistige Unflexibilität und Denkfaulheit. Das macht einen guten Science-Fiction-Roman aus, dass er interpoliert, nur etwas weiterspinnt, was im Menschen grummelt; es fassbarer macht, indem er es in eine Ausnahmesituation überträgt. Und bei „Fahrenheit 451“ verdeutlicht, dass es nicht immer nur 'die da oben' sind, die alles verschulden. „Bedenken Sie doch, dass es der Feuerwehr kaum bedarf. Die Leute haben von selbst aufgehört zu lesen.“ sagt Dissident 'Faber'. Und es ist erstaunlich, an anderer Stelle in der Graphic Novel über die Entstehung der Diktatur zu hören.
Kollege J. G. Ballard beschrieb ebenfalls in den Fünfzigern eine Clique von Schriftstellern, die Lyrik-Maschinen benutzen - eine Art programmierbarer Schreibmaschinen, die selbständig Verse ausspucken - und dem vermeintlich entspannten Nichtstun frönen können. Bei Ray Bradbury heißt es „Schriftsteller, voller boshafter Einfälle, schließt eure Schreibmaschinen ab!“
Monday's Augen öffnen sich langsam, ausgelöst durch regelmäßige Begegnungen mit einem 16-jährigen Mädchen auf seinem Arbeitsweg. Die ist ein Guck-in-die-Luft, lässt ihre Gedanken fliegen. Damit ist sie für Monday's Chef, der sie schon auf dem Kieker hat, „Eine Zeitbombe“. Sie wolle „nicht wissen, wie etwas gemacht wird, sondern warum.“ Weiter sagt er zu Monday:
Vergiss vor allem nicht, Montag, wir sind die Glückshüter. Wir stellen uns den wenigen entgegen, die mit ihrem widersprüchlichen Dichten und Denken die Leute ins Unglück stürzen wollen.
Das Mädchen in seinem weißen Kleid, das es auch bei Regen anhat, ist so auch der einzige Lichtblick in der Farbenwelt des Zeichners Tim Hamilton. Selbst sein Gelb der Flammen kommt etwas gedeckt daher und scheint doch dadurch umso mehr zu schreien. Der Comic kann Archetypen übersteigern, das macht er sublim, durch das Zusammenwirken von Zeichnerischem und Sprechblase. „Fahrenheit 451“ ist dabei ausgewachsen mit seinen 160 randlos bedruckten Seiten, die etwas größer als DIN A5 sind. Hamilton kommt aus mit ein paar Farbtönen: Gedecktes Graublau, Braun, Beige und Schwarz beherrschen Innen- und Aussenräume seiner gleichgeschalteten Welt. Selbst das Tageslicht wirkt unspezifisch. Keine Uhrzeit festzustellen. Rot wie Liebe oder Grün wie Hoffnung kommen nicht vor. Meist ist ein harter Schattenwurf auf den Gesichtern. Schaut einen mal eine Figur wirklich offen an, erschrickt man regelrecht.
Frappierend ist die zeitlose Aktualität des Buches. Guy Monday ist der Typ des gutherzigen Bürgers der westlichen Welt, der denkt, er macht einen ordentlichen Job, über den er sich moralisch keine Gedanken machen braucht. Einer, der tiefere Zusammenhänge lieber nicht hinterfrägt. Neben dem Thema ökonomische, erdrückende Prädomination auf Kosten der nichtwestlichen Länder steht in den Fünfzigern freilich noch der Atomare Holocaust wesentlich im Bewußtsein. Doch auch hier hat sich nur die Qualität der Angst geändert. Auch die Diskussion um die Balance zwischen intellektueller und populärer Freizeitgestaltung bleibt, solange es Menschen gibt.
Besprochene Ausgabe: Eichborn | 2010 | 160 Seiten | Festeinband* | € 22,95
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel
2. Jonas-Philipp Dallmann: Notschek (2011)
3. Gavin James Bower: Dazed & Aroused (2009)
4. Ron Leshem: Der geheime Basar (2011) - Orig.: Megilat zchujot hajareach (2009), hebräisch
Martin Amis:
Die schwangere Witwe
Hanser, Festeinband
Shumeet Baluja:
Silicon Jungle
suhrkamp nova, Broschur
Moti Kfir, Ram Oren:
Sylvia Rafael. Mossad Agentin
Arche, Festeinband
Martin Amis:
1999
Rowohlt, Festeinband
Sorj Chalandon:
Die Legende unserer Väter
dtv premium, Broschur
Douglas Coupland:
Eleanor Rigby
Hoffmann und Campe, Festeinband
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