21.11.2017   Rezension, Buchbesprechung, Buchkritik   Literatur, Buch, Kritik         Rawi Hage - Als ob es kein Morgen gäbe: Buch Kritik Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchtipps Bestseller   
Rawi Hage - Als ob es kein Morgen gäbe: Buch Kritik Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur
 

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- Als ob es kein Morgen gäbe

(2009) - Orig.: De Niro's Game (2006), engl.
Beirut war nie cool
Rawi Hage 's Buch ist nicht schön. Es ist nicht spannend. Es erzählt, wie normale Menschen im Bürgerkrieg schleichend zu deformierten Bestien werden. Das ist nicht schön. Und das ist nicht spannend. Es ist, wie es ist.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin * 07.03.2009
Rawi Hage - Als ob es kein Morgen gäbe
Zoom Rawi Hage - Als ob es kein Morgen gäbe

Der coole Bruno Ganz - ja, auch der war mal jung und knackig -, die coole Hanna Schygulla, damals, im Film „die faelschung“. Die Vorwürfe an den Filmer Schlöndorff, den echten Kriegsschauplatz Beirut als Kulisse zu benutzen. Romanze vor MG-Gerassel. Der coole Christopher Walken als Reporter in „Warzone“. Der coole Westler, der westliche Blick, der sich hinstellt und betroffene Miene zum bösen Spiel macht.
Das ist schon eine verquere Sichtweise. Welcher der namenlosen Milizionäre hatte schon einmal die Gelegenheit, sich hinzusetzen und ein Buch oder Drehbuch über den Libanesischen Bürgerkrieg zu schreiben? Der letzte Film zum Thema - „Waltz with Bashir“ - stammt von einem Israeli.
Allgemein wird die Kriegssituation von den Schreibern und Filmern ausgenutzt, um mit der ihr eigenen Schwerelosigkeit, der Herauslösung aus dem Alltäglichen, der Bedeutungsverschiebung, dem Großen, dem vermeintlich Erhabenen in den Gefühlen zu spielen. Gar der deutsche Verleger spielt damit, nennt er doch Hage 's Buch „Als ob es kein Morgen gäbe“. Hage 's Original heißt einfach „De Niro's Game“. Und da steckt drin, dass selbst ein Antikriegsfilm wie „Deer Hunters“ mit Robert de Niro's Russisch-Roulette-Szene nicht davor gefeit ist, zum Kult zu verkommen, und in manch zugekokster Runde jugendlicher Beiruter Milizionäre für an die Wände gespritzte Hirne sorgte.
Oft wird die Liebe im Krieg romantischer dargestellt als zu Friedenszeiten. Bei Hage zerbröckelt die Liebe unter Liebenden und die zu Freunden unweigerlich mit zunehmender Verrohung. Und, was nicht im Kino und nicht im Buch wiedergegeben werden kann: ein MG rasselt nicht charmant; es ist unbeschreibbar laut, wenn man daneben steht und beschert einem unvorbereitet sehr sicher ein Knalltrauma.

Der Libanesische Bürgerkrieg beginnt 1975 mehr als ein Kampf zwischen links und rechts, denn konfessionell ambitioniert. Die ehemalige „Schweiz des Orients“ war seit 1966 im wirtschaftlichen Niedergang. Wie immer lassen sich jedoch schnell Religionszugehörigkeiten besser als eindeutige Feindbilder etablieren, als Einkommensgrenzen. Hage zeigt in „Als ob es kein Morgen gäbe“ grob gesagt drei Eskalationsstufen menschlichen Verhaltens, geboren aus wirtschaftlicher Not, am Beispiel seiner Figur 'Bassam' und seiner Bekannten: 1. Kleine Gaunereien/Abzocke von Leuten, denen es nicht weh tut; 2. Abzocke ohne Rücksicht auf menschliche Verluste; 3. Blutrausch und Genozid, am Beispiel des Überfalls auf die palästinensischen Flüchtlingslager Sabra und Schatila.

Bassam, junger Erwachsener, und sein Sandkastenfreund George, genannt 'De Niro', driften durch das Bürgerkriegs-Beirut ohne Schule und mit Gelegenheits-Jobs. Moralische Schranken hängen tief und die Unterschicht ahmt die Dekadenz der größtenteils geflohenen ehemaligen Oberschicht nach. Billiger Whiskey, Waffen, Nutten, Seidenhemden und Merzedes, und Koks wie Brot. Man zockt sich gegenseitig ab, schmuggelt, fälscht, verrät. Das hat den Nachteil, dass eine enge Loyalität schon am nächsten Tag wertlos sein kann; wenn böse Gerüchte gestreut wurden, von den Leuten denen man irgendwann zu viel ans Bein gepisst hat. Hinzu kommen die mächtigen Milizen, und die gegen sich aufzubringen, ist der sichere Tod. Bassam versucht lange, sich aus diesem Morast aus Ganoventum und Kampf ums Vaterland herauszuhalten, in einem gespenstischen Krieg, in dem die Frontlinie jahrelang einfach stumpf über den ehemaligen Markt läuft.

Dieser Krieg ist anfangs noch ein sportlicher Spaß. Als Bassam doch genötigt wird, die Frontlinie zu besuchen, wundert er sich über das absichtliche Danebenschießen auf die ehemaligen Freunde und Nachbarn auf der anderen Seite: „Nein, nein. Wir haben einen Pakt. Wenn der Krieg vorbei ist, gehen wir einen trinken.“ klärt man ihn auf.
Doch der ist lange nicht vorbei und er bleibt kein Sport.

“Wir waren Aussteiger, rücksichtslose Nihilisten mit Pistolen, Mundgeruch und langen amerikanischne Jeans.“

Im Buch gibt es keinen einzigen Sympathieträger. Hage, im Libanon geboren, heute Kanadier, scheut sich auch nicht, das üble Machotum seiner ehemaligen Landsleute zu beschreiben. Seine Sprache ist unterkühlt. Die Umgebungen werden nicht beschrieben, Gefühle werden nicht beschrieben. Seine Figuren bleiben seltsam leblose Marionetten, die vom Krieg deformiert werden.
Doch oft sind seine Umschreibungen wirkungsvoll. Nach einem Bombeneinschlag sitzt Bassam in einem Taxi mit einem getroffenen Mädchen auf dem Schoß. Er beschreibt nicht die Art der Verwundungen, sondern die Haptik des Blutes, das auf ihn sickert: „weicher als Seide“.

Es kann einem Angst machen, dass diese verstörte Jugendgeneration von damals heute in den Führungspositionen sitzt. Nach der - vom Westen so titulierten - Zedern-Revolution 2005 ist der Libanon heute so verstritten wie eh und je.

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Besprochene Ausgabe: Dumont  |  2009  |  256 Seiten  |  Festeinband*  |  € 19,95

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