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Ramez Naam - Nexus: Buch Kritik Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur
 

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- Nexus

(2014) - Orig.: Nexus (2013), engl.
Verhoben ins Uncanny Valley
Der Nanotech-Drink "Nexus" beschert uns ein paralleles Betriebssystem im Kopf. Ausgerechnet der ranghohe Microsoft-Angestellte Ramez Naam will uns weismachen, Softwarepioniere würden die Welt retten, um von der Versklavung, in der wir längst drinstecken, abzulenken.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 23.07.2014
Ramez Naam - Nexus
Zoom Ramez Naam - Nexus

Eine gefühlte Handvoll Gründer von Softwareunternehmen, Social Media Plattformen und Suchmaschinen haben es seit den Nuller-Jahren geschafft, unseren Privat-, Büro-, Freiberufler- oder Unternehmer-Alltag zu bestimmen. Im wirtschaftlichen Handeln wird selbst der kleinste Freiberufler seine Marge an Ausgaben zumindest für den Hersteller seines Computer-Betriebssystems entrichten. Er wird seinen Obolus an die eine dominierende Suchmaschine entrichten, für ihre "Adwords", damit man ihn überhaupt findet. Selbiger Dienstleister kann willkürlich Unternehmen abstrafen, das heißt, sie unauffindbar machen. Prominentes Beispiel, eine Firma, die nicht mal direkt im Online-Biz steckt: der Autobauer BMW. Aber seine Kundschaft will im Netz die neue Baureihe erkunden, egal wo sie später kaufen wird ...
Jeder Mittelständler hat jetzt einen Social-Media-Beauftragten in Vollzeit, um zu helfen, zwei, drei gigantische SM-Anbieter noch unvorstellbarer reich zu machen. Et cetera und Pipapo. Ökonomische Handlungsfreiheit ist uns längst aus den Händen geglitten.

Was war passiert? Hatte nicht in den 1980er Jahren das wie eine Bombe einschlagende Literatur- und Filmgenre Cyberpunk genau davor gewarnt? Waren es nicht immer ein oder zwei urböse weltumspannende Kraken-Unternehmen, die Heldin oder Held ausschalten mussten, bewaffnet mit Neuronenkappe und dem nicht aufzuhaltenden Drang nach Gerechtigkeit? Die Ereignisse im Cyberspace schlugen immer auch in die Realwelt durch. Supercomputer mussten gesprengt werden, Firmenbosse erledigt werden. Infiltriert demnächst jemand eine Server-Halle einer Suchmaschine und lässt sie hochgehen, aus Rache weil sein Online-Biz wegen einer Abwertung zugrunde ging? Das Gegenteil scheint der Fall: Über die Ikonen des Silicon Valley werden Filme gedreht, ein kürzlich Verstorbener wird in den (inoffiziellen) Heiligenstand erhoben, ein anderer erhebt sich in diesen Stand aus eigener Hand mit seiner Ehefrau und seiner milliardenschweren Stiftung.

Was tat die "Netzgemeinde" - dieser unsägliche Begriff, ebenso erschaffen aus der unmerklichen manipulativen Kraft dieser wenigen Unternehmen? Selbsternannte Tech-Blogger beschleunigten den weltweiten Weg in die Sklaverei. Ein lautes Hurra für jeden 0.1-Versions-Schritt der Versklavungssoftwares und Portale. Du willst die neue Technik nicht? Du bist ja von gestern! Nein, wir, die Skeptiker, wollten einfach Wahlfreiheit. Guru Jaron Lanier 's Rastas mussten erst grau werden, bevor auch er die Gefahren ansprechen durfte, ohne gelyncht zu werden.

Ramez Naam 's "Nexus" ist nicht in Programmier-Code geschrieben, aber trotzdem ein ziemlicher literarischer Hänger. Schuster bleib bei deinen Leisten. In der Eingangsszene will er wohl eine Young-Adult-Leserschaft an den Haken nehmen, wenn er Held 'Kaden' auf einer Party die vom Kumpel geschriebene Software "Don Juan" testen lässt, die direkt per Nano-Droge Nexus in seinem Kopf abläuft. Sie hebt seine Schüchternheit auf und steuert sogar lässige Motorik. Leider hat das Programm mitten im Liebesrausch einen Hänger, und Kaden dengelt spastisch dem auserwählten Mädchen seine Hüfte ins Gesicht, um schließlich beim Totalabsturz nach hinten zu kippen und konvulsiv in seine Hose abzuspritzen. Hört sich lustig an? Nein, Naam schreibt hakelig, gekünstelt, plump. Dialogtechnik Fehlanzeige. Grammatikalisch teils sinnbefreiend, was nicht jedesmal am Übersetzer liegen kann. Das Klischee-Personal: die weibliche Hauptfigur, deren Motivation mit ihren Vergewaltigungserfahrungen begründet wird, die schwarze Hauptfigur - muss leider sterben -, die weiblichen Wissenschaftler, die zwar irgendwie ihre Führungspositionen ergattert haben, aber nie einfach durch ihre Intelligenz ...

Die Wirkung Psychedelischer Drogen in Worte auf Papier zu fassen ist das schwierigste Unterfangen überhaupt für einen Literaten. Ramez Naam verhebt sich da schwer. Seine künstliche Metaphernlastigkeit der Drogenrauschpassagen wirkt wie aus einem Text-Zufallsgenerator - immerhin passend zu seiner Software-Thematik. Und warum überhaupt der Begriff Droge für sein "Nexus"? Etwa auch weil es reißerischer ist? Es ist permanente Nano-Tech im Körper, die ein gedankengesteuertes Betriebssystem im Kopf erzeugt, behelfsmäßig redet Naam von den guten alten "Fenstern". Clou ist, dass die Benutzer untereinander kommunizieren können und sich mit Übung auch gegenseitig steuern können. Durch in der Umwelt postierte Verstärker geht das auch über große Entfernung.

Held Kaden und Kumpels haben Nexus auf diese hohe Stufe gezüchtet, folglich sind das heimische Emerging Risks Directorate ebenso hinter ihm her wie die Chinesen. Alle wollen Supersoldaten. Nur buddhistische Mönche haben sich in Open-Source-Manier Nexus so hingebogen, dass sie in Schwarmmeditation dahinschwelgen können. Und schließlich die gesamte Menschheit als Schwarmintelligenz, die schon jeden bösen Gedanken eines Individuums im Keim erstickt? Kein Schelm jedenfalls, der denkt, dass es auf jeden Fall ein Individuum sein wird, das bei einer solchen zukünftigen Technik kräftig absahnen wird.

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Besprochene Ausgabe: Heyne  |  2014  |  624 Seiten  |  Broschur*  |  € 8,99

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