Ein Mann, der keine Geschichten zu erzählen weiß, läuft Gefahr, irgendwann von seiner Frau als Sonderangebot am Flohmarkt verhökert zu werden. Das lernt der syrisch-deutsche Geschichtenerzähler Rafik Schami schon als siebenjähriger Junge am Suk von Damaskus. Dieses Erlebnis war für den Autor so prägend, dass er den geheimen Vorsatz fasste „Frauen immer Geschichten zu erzählen, damit sie mich nicht verkaufen“. Als er Jahre später den lukrativen Beruf des Chemikers in Deutschland an den Nagel hängte, um sich der Schriftstellerei zu widmen, war das, wenn man Schamis Erzählungen autobiografische Richtigkeit unterstellt, nicht zuletzt diesem Vorsatz geschuldet. Letztlich hat all dies auch noch den Titel für sein neuestes Buch abgeworfen: „Die Frau, die ihren Mann auf dem Flohmarkt verkaufte: Oder wie ich zum Erzähler wurde“.
Die enthaltenen elf Geschichten gehören mit zu den persönlichsten, die er je erzählt hat. Seine Kindheit in Syrien, sein heiß geliebter Großvater und natürlich der Beginn seiner Liebe zu Märchen und Erzählungen aller Art bilden darin die Hauptthemen. Schami entführt die Leser in seine Heimatstadt Damaskus, die er ein ums andere Mal so bezaubernd und voll von orientalischer Anziehungskraft beschreibt, dass man sich nichts sehnlicher wünscht, als morgen dorthin aufzubrechen.
Von den Straßenverkäufern ist da die Rede, die ihre Waren so lyrisch preisen, bis den Damaszener Hausfrauen nichts anderes übrig bleibt, als zuzugreifen, nach den „Tomaten, die sich Rouge auf die Wange schminken“ oder nach anderen „Gaben des Himmels“. Dazu mischen sich der Lärm der spielenden Kinder, das Lachen aus der Nachbarschaft und natürlich immer wieder die Stimmen der Erzähler, die im arabischen Raum einer großen Tradition unterstehen. Und so sind auch Schamis Geschichten dieser mündlichen Erzählweise verpflichtet. Dabei gelingt ihm, und das ist die hohe Kunst, seine Geschichten in eine schriftliche Form zu gießen, ohne ihnen dabei ihre Lebendigkeit zu rauben. Diese Fähigkeit schreibt Rafik Schami nicht zuletzt den Folgen seiner Emigration zu, wenn er meint: „Die von mir geschriebenen Geschichten […] sind quasi ein Mischling der Ehe meiner orientalischen mündlichen und der okzidentalischen schriftlichen Erzählkunst.“
„Sprich, damit ich dich sehe“, der längste Abschnitt des Buches, ist ein Abdruck des Vortrags den Schami zum Antritt seiner Brüder-Grimm-Professur an der Universität Kassel im Jahr 2010 gehalten hat. In seiner Form selbstverständlich nicht so leichtfüßig wie die übrigen Geschichten, schafft er es trotzdem, auch auf dem Gebiet der Wissenschaft seiner Erzählkunst treu zu bleiben. So führt er einen Dialog mit Ibo Aristo, dem er damit den formelleren Teil dieses Vortrags überlässt, erzählt von seiner Liebe zu Don Quijote und lässt ihn auch gleich selbst zu Wort kommen. Und ganz nebenbei verwebt er seine eigene Lebensgeschichte mit der Geschichte des Erzählens im arabischen Raum.
Gerade wer „Sprich, damit ich dich sehe“ aufmerksam gelesen hat, wird verstehen, warum Schamis Charaktere nicht von dem psychologischen Tiefgang gekennzeichnet sind, der ein Hauptmerkmal der modernen europäischen Literatur ist und dessen Fehlen oft an seinem Werk kritisiert wird. Schami will Geschichten erzählen, Märchen, die ihre Bedeutung jenseits des akribisch Beschriebenen erhalten und über Länder- und Kontinentgrenzen hinaus wirken. Und genau darin liegt wohl der Schlüssel seines Erfolgs, denn als solchen muss man werten, was Rafik Schami gleich zu Beginn seines Buches zu berichten weiß: „2321 Lesung absolviert…und dazu 362.723 Kilometer gefahren. Das heißt vereinfacht, aber poetisch formuliert: In all den Jahren bin ich neunmal erzählend um die Welt gefahren.“
Besprochene Ausgabe: Hanser | 2011 | 176 Seiten | Festeinband* | € 17,90
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