Sie schaut sich die Rollenverteilung zwischen diesen Gruppen an, während der langen Vorlaufszeit zur Staatsgründung, während der Pionierzeit und bis hinein in die Gegenwart. Herausgekommen ist ein sehr informatives Stimmungsbild, das journalistisch in großen Teilen sauber erarbeitet ist, aber eine starke persönliche Färbung transportieren will und dies auch nicht verhehlt.
Die Benachteiligung der eingewanderten „Misrachim“, der maghrebinischen und orientalischen Juden, im ehemaligen Mandatsgebiet Palästina und schließlich in Israel, im Vergleich zu den europäisch-stämmigen Juden, den „Aschkenasim“, wird Hauptthese in „Wir sehen aus wie der Feind“ sein. In ihrem anklagenden Buch, das nicht mit harschen Worten wie „Rassismus“ spart, erstellt sich Shabi eine Bilanz, die auf einem Wunschdenken für Gleichheit in ökonomischer Entfaltungsmöglichkeit aller Menschen basiert, obwohl in beschriebenen Zeiträumen diese Möglichkeiten zwischen den Gruppen Misrachim und Aschkenasim nicht größer hätten sein können.
Der Zionismus, die Bewegung um jüdische Nationalbestrebungen, war eine europäische. Die Idee um eine Heimstatt für alle Juden wird schließlich unter anderem mit stark sozialistisch geprägten Ansätzen umgesetzt. Das betrifft die straffe Aufbau-Planung eines möglichst schnell wirtschaftlich autarken, neuen Staates und die Propagierung der Gleichheit aller seiner Bürger, in einer Phase, in der der Staat seine zukünftigen Bürger erstmal mit allen Mitteln - auch brutalen und fragwürdigen - überhaupt ins Land holen muss. Die Weichen sind 1948, im Jahr der Staatsgründung, schon gestellt: Der Großteil der bis dahin nach Palästina eingewanderten Juden sind europäisch-stämmig. Politische Ämter, Führungspositionen und Parteiensystem liegen von Anfang an in ihren Händen. Fehlen noch ausreichend Bürger, um dem Staat eine kritische Masse zu geben. Viel müssen die Israelis für die Erreichung dieses Ziels nicht mehr tun: Mit Staatsgründung werden die Juden in den maghrebinischen und nahöstlichen Ländern oft zu Feinden im eigenen Land. Mit einer massiven Public Relations-Kampagne, so würde man heute sagen, werden diese Glaubensbrüder nach Israel gelockt. Manch Bombe, die im Ausland vor einem jüdischen Café hochgeht, ist gar vom Geheimdienst gelegt, um Feindschaft künstlich zu erzeugen und zur Auswanderung zu drängen.
Rachel Shabi umreißt gut exemplarisch für einige Länder, darunter natürlich auch der Irak, das Zusammenleben der muslimischen und jüdischen Gemeinden vor dem Einschnitt Staatsgründung. Das war größtenteils harmonisch und viele muslimische Freunde der weggehenden Juden waren fassungslos ob der plötzlichen Radikalisierung und Verschlechterung der Situation. Dann, die Ankunft in Israel: Die nicht-europäischen Juden werden überproportional oft nach simplen funktionalen Kriterien angesiedelt. Man braucht sie entweder als Arbeitskräfte in der Landwirtschaft oder als Industriearbeitskräfte in den meist in unwirtlichen Gegenden eigens gegründeten sogenannten Entwicklungsstädten. Diese finden sich etwa am Rande der Negev oder an der Grenze zum Libanon. Es sind heute noch die Orte mit den meisten Geringverdienern und Transferleistungsabhängigen.
Es gab auch, wie Shabi schreibt, eingewanderte Bagdader Ingenieure, die erstaunt waren von der Rückständigkeit des frühen israelischen Staates. Doch konnten der Großteil der misrachischen Einwanderer in Bildung und wirtschaftlichem Status nicht mit den Aschkenasim mithalten. Freilich wurden auch in der Folgezeit Diskussionen um soziale Gerechtigkeit immer wieder von offizieller Seite untergebuttert, etwa mit Hilfe der Litanei vom Feind von aussen, der zuerst überwunden werden müsse. Die Schieflagen in der Bildungs- und Sozialpolitik, die Shabi beschreibt, als Beispiel etwa das mitunter schlechtere Bildungsniveau der dritten Generation der Zuwanderer verglichen mit der Ursprungsgeneration, erinnern auch an deutsche Verhältnisse und da werden sich die meisten Staaten, nicht nur Israel, an die Nase fassen müssen.
Shabi führt viele Beispiele für offenen oder verdeckten Rassismus zwischen den besprochenen Gruppen an. Sie zog im Zuge der Recherchen für ihr Buch nach Tel Aviv. Sie führt weniger statistisches Material oder konkrete Untersuchungen an, denn Interviewaussagen ihrer Verwandten, Freunde und wildfremden, auf der Straße angesprochener Leute, an. Das hinterlässt immer den Beigeschmack der gezielt ausgesuchten Befragungsgruppe. Oft düpiert sie den Leser, indem sie über zwanzig Seiten hinweg ihren Argumentationsstrang zieht, um ihn dann, unter Aufwendung ihrer journalistischen Korrektheit, mit der Anführung knapp umrissener Gegenargumente auf wenigen Zeilen, selber ad absurdum zu führen. Das ist jedoch für den Leser kein Nachteil, sieht er doch so eindeutig, dass viele Facetten beleuchtet werden müssen. So bietet Rachel Shabi mit „Wir sehen aus wie der Feind“ - ob bewusst oder unbewusst - eine Mischung aus Anliegen, Anklage und Objektivität.
Besprochene Ausgabe: Berlin Verlag | 2009 | 288 Seiten | Festeinband* | € 19,90
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