Mit Philipp Tingler und seiner Figur, dem erfolgreichen Schriftsteller 'Oskar Canow', tingeln wir durch die In-Lokale der deutschen Hauptstadt, durch's auch in der Literatur mittlerweile arg strapazierte Borchardt, kurz Borchi, durch Cocktailempfänge in Grunewalder Villen, durch den Stehempfang bei Chanel am Kudamm, dann durch den Schauplatz Zürich, am Schauspielhaus durch Podiumsdiskussionen oder in der Bahnhofsstraße durch den Saint Germain Club.
Geleitet durch Assistentin 'Kelly' begleiten wir Canow bei seiner Terminplanung, die Treffen vorsieht mit Chefredakteurinnen der "Zeit am Sonntag" oder der "Architectural Finest" - denn Canow ist auch Inneneinrichtungskoryphäe -, mit seinem Hedge-Fond-Manager, mit seinem Personal Trainer und seinem Physiotherapeuten. Er schreibt auch selber Kolummnen, wie "Style Your Life" für das "Sonntagsblatt" oder "Sonntagsbesuch" für die "Sonntagspost". So sind sämtliche gesellschaftliche Termine auch irgendwie Arbeit, zumindest redet man sich es ein, es wird wohl stimmen.
Philipp Tingler treibt uns durch viele Drinks und Mittagessen mit Redakteurinnen von Blättern wie "Mode", "Morgenzeitung", der Kunstzeitschrift "Monoman", "Fancy Living" und "Frankfurter Zeitung". Die Zeitschrift "Stil und Etikette" und die TV-Sendung "Nachtclub" reißen sich um ihn.
Oskar Canow muss ja besprochen werden. Oder zumindest auftauchen, auch wenn's Klatsch ist.
Er betrachtet sich selbst im preußischen Sinne als streng arbeitend, wenn er etwa zurückblickt, "was er hinter sich gebracht hatte in den letzten paar Tagen:"
Einen Lunch im Restaurant San Nicci mit seiner Freundin Anne Stefani von Vanity Fair, die ihm erzählte, wie sie in Kitzbühel in Manolo Blahniks und Pailletten durch den Schnee gestakst war und so gefroren hatte wie noch nie. Darüber hinaus war es noch um die letzte Mailänder Fashion Week gegangen, und Mailand war auch Thema bei Dagmar von Rautes Geburtstagsparty im Grill Royal gewesen, sowie bei Oskars Lunch mit Simone Groll, Stilchefin der Illustrierten Komet [...]
Und so fort. Wer diesen Stil mag, wird belohnt, auf den 350 Seiten.
So. Um was geht es denn nun eigentlich in "Doktor Phil"? Denn bisher scheint die Lektüre der realen GALA während des Zahnarztbesuches wesentlich interessanter als diese Rezension. Oskar Canow müsste ja eigentlich rundherum glücklich sein, mit seiner perfekten und reichen Gattin, seinem Jet-Set-Lifestyle und seinem schriftstellerischen Erfolg. Doch es geht ja immer noch besser und immer noch höher hinaus. Angekommen zu sein, zufrieden zu sein, gilt in heutiger Zeit als Versagen, als Rückschlag. So ist das Angebot des Teufels, der eines Tages in Canows Wohnung steht, nicht vergebens. Der verspricht Canow eine noch bessere Schreibe und noch mehr Annehmlichkeiten im Leben. Die Gegenleistung ist hanebüchen...
Trotz Faust-Bezug, endlosem Name- und Marken-Dropping und viel Tumult bleibt das alles recht gehalt- und leblos.
Besprochene Ausgabe: Kein und Aber | 2010 | 320 Seiten | Festeinband* | € 19,90
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel
2. Jonas-Philipp Dallmann: Notschek (2011)
3. Gavin James Bower: Dazed & Aroused (2009)
4. Ron Leshem: Der geheime Basar (2011) - Orig.: Megilat zchujot hajareach (2009), hebräisch
Shumeet Baluja:
Silicon Jungle
suhrkamp nova, Broschur
Moti Kfir, Ram Oren:
Sylvia Rafael. Mossad Agentin
Arche, Festeinband
Martin Amis:
1999
Rowohlt, Festeinband
Sorj Chalandon:
Die Legende unserer Väter
dtv premium, Broschur
Douglas Coupland:
Eleanor Rigby
Hoffmann und Campe, Festeinband
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