„Rost“ ist in Pennsylvania, Ur-USA und einer der Gründerstaaten, angesiedelt. In „Philly“, Philadelphia, der größten Stadt des Staates , wurde am 4. Juli 1776 die Unabhängigkeitserklärung unterzeichnet. Eher traurig berühmt, Harrisburg, die Hauptstadt mit angerostetem Atommeiler 1979. Isaac und bester Buddy 'Poe' wohnen etwa 60 Kilometer von Pittsburgh entfernt. Pittsburgh, kaum größer als Augsburg, - welch klingender Name. Der riecht nach Stahl, Bruce Springsteen und Schweiß. Oder besser, roch. Heute ist dort Dienstleistung. Aber die hatte lange Zeit nicht alle die wieder in Lohn und Brot gebracht, die aus der Stahlbranche und ihren Zulieferern ausgeschieden waren. Philipp Meyer beschreibt die Landschaft als hügelig und beim Überqueren jeder Kuppe scheint ein zerfallenes Industrieareal im nächsten Tal auf einen zu warten.
White Trash - der Begriff ist nicht schön, aber gerade für Pennsylvania doppelt treffend, mit seiner geringen Anzahl an schwarzen Bewohnern. Akribisch beschreibt Meyer diese ehemals stolze Arbeiterklasse. Das Tal, in dem Isaac und Poe, beide Anfang zwanzig, aufwuchsen, habe „hundertfünfzigtausend Arbeitsplätze eingebüßt [...] Eine Hälfte wurde zu Sozialhilfeempfängern und die andere wieder zu Jägern und Sammlern.“ Poe haust mit seiner Mutter in einem Trailer mitten im Wald und auch Isaac kümmert sich um nur einen Elternteil, den invaliden Vater. Die Mutter beging Selbstmord. So stehen die Dinge. Die Alten können ihre Kinder nicht (mehr) unterstützen und die Juniors sehen nicht ein, warum sie für ihre gestrandeten Erzeuger zuständig sein sollten. Isaac plant Flucht und versucht Poe zu überzeugen, mitzugehen. Doch Sonne wird nie scheinen in diesem Buch, „Rost“, soviel sei verraten, der Leser sollte die Liebe zu dieser harten Form von Sozialdrama mitbringen.
Doch symbolisch in einer der dachlosen Fabrikhallen, kommt es nach wenigen Kilometern Flucht zur Auseinandersetzung mit drei Obdachlosen. Poe ist zu diesem Zeitpunkt noch unschlüssig mitzugehen; er begleitet den Freund eher nur, so wie man jemanden zum Bahnhof begleitet. Tatsächlich will Isaac à la Kerouac auf einen Zug Richtung Kalifornien aufspringen. Einer der Obdachlosen stirbt. Ob seiner Statur und Aussehen hatten Poe und Isaac ihm kurz zuvor den Spitznamen „Der Schwede“ gegeben. Die ersten weißen Siedler Pennsylvanias kamen aus Schweden ...
Sport und Uni. Das scheint in US-Amerika dieselbe Medaille. Isaac, hochintelligent und mit starkem Wurfarm, hatte alle Hoffnung, auf einer der Ivy League Unis angenommen zu werden. Der Begriff stand ehemals für den sportlichen Zusammenschluss von acht Instituten. Heute ist es der Inbegriff für diese Elite-Unis selbst, darunter Yale oder Harvard. Isaac lässt seiner Schwester den Vortritt. Poe, bis vor Kurzem begehrter Football-Star, lehnt Stipendien ab, einfach aus Trotz, weil alle ihm sagen, er müsse darauf eingehen. Jetzt haben beide den Mord an den Hacken.
Die Tat stellt Philipp Meyer an den Anfang des Buches. Das ist ein Vorgehen, das dramaturgisch Risiken birgt. Meyer meistert diese, indem er im Fortlauf sehr respektvoll die Gefühlswelt seiner beiden Hauptfiguren durchleuchtet, wenn auch stellenweise etwas hakelig, da er sie eine Art Bewusstseinsstrom durchlaufen lässt, allerdings in ungewöhnlicher Mischung Dritte Person und Erste. Mit Cop 'Harris', der noch an das Gute glaubt und sich mit Isaac und Poe auseinandersetzen muss, Meyer 's erzählerischer Kraft und der vermeintlichen Liebe der US-Amerikaner zu ihren Underdogs, hat „American Rust“, so im Original, dort überschwengliches Lob eingeheimst. Ein solides Buch für alle anderen auf jeden Fall.
Besprochene Ausgabe: Klett-Cotta | 2010 | 460 Seiten | Festeinband* | € 22,95
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel
2. Jonas-Philipp Dallmann: Notschek (2011)
3. Gavin James Bower: Dazed & Aroused (2009)
4. Ron Leshem: Der geheime Basar (2011) - Orig.: Megilat zchujot hajareach (2009), hebräisch
Shumeet Baluja:
Silicon Jungle
suhrkamp nova, Broschur
Moti Kfir, Ram Oren:
Sylvia Rafael. Mossad Agentin
Arche, Festeinband
Martin Amis:
1999
Rowohlt, Festeinband
Sorj Chalandon:
Die Legende unserer Väter
dtv premium, Broschur
Douglas Coupland:
Eleanor Rigby
Hoffmann und Campe, Festeinband
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