Man sieht nichts - außer den Buchstaben - und man hört nichts in einem Buch. Manche Bücher erzeugen dennoch eine rege visuelle und akustische Pseudowahrnehmung beim Leser. Kurz: Sie kommen mehr wie ein Film daher. Bei Palmer ist dies mehr offensichtlich als sublim. Sein Haupt-Business Screenwriting schlägt durch. Das ist toll in den Klamaukpassagen seines anarchischen Punk Pirate Space Opus. Es stellt aber umso mehr Palmer's Schwächen in den erzählerischen Anteilen in Kontrast. Um bei Äquivalenten zu bleiben: Ein Autorenfilmer wird Palmer nicht gerade. Seine Erzählkraft beim Gehalt einer Geschichte, in Hintergründen und Emotionen bleibt ebenso plakativ wie das Vordergründige. Nach diesem Erstling muss Palmer sich noch steigern, eine gesundere Mischung finden. Sonst schaltet der Zuschauer bei Folge 2 ab.
Bei allem ist „Debatable Space“ über große Teile erfrischend. Die Crew des Piraten und Helden 'Captain Flanagan' ist so bunt zusammengewürfelt, wie sich das für ein Piratenschiff gehört. Alby, das lispelnde Flammenwesen - „A pillar of flame stands before me, shimmering, crackling, speaking. It's alive. 'Hello Alby, ' I say." Wobei es schwierig wird, ihm die Hand zu geben. Jamie, der Computer-Nerd, in 'Arrested Development'. Er ließ seine körperliche Entwicklung mit zehn Jahren stoppen und ist jetzt 120 im Körper eines Kindes. Die golden-flauschig schimmernde Katzenfrau Kalen, der zottelige, unbekleidete, genoptimierte 'Loper' - über dessen Genitalien 'Lena' nachdenkt und die mit ihr neuronal verbundene KI sofort antwortet: „'Eleven inches, retractable, here's an image of the Loper erect.' I burst out laughing, no one knows why." - und mehr oder weniger menschlich gebliebene Außenseiter mit ihren Spleens.
Flanagan hat diese unangreifbare Autorität, die sich aus schlauer Zurückhaltung, nie zur Schau gestellter Intelligenz und so etwas wie Liebe zu seiner Crew speist. Mit ihrer leichten Trotteligkeit ist die Figur allerdings unverkennbar stark an Josh Whedon's Captain Mal Reynolds aus der legendären Fernsehproduktion „Firefly“ angelehnt.
Flanagan vor der Kaperung von Lena's Raum-Yacht:
„She's not running?“
„She's not running,“ says Brandon.
„Then, let's play it safe. Stealth,“ I say.
„We got no stealth capacity, Cap'n.“
„I know, I know, just... look, just try to be discreet. Don't talk so loud.“
Natürlich geht es um Gerechtigkeit. Und die Piraten sind die Guten. Nichts weniger als die Befreiung des bekannten Universums von der Tyrranei ist das Ziel. Alle Figuren haben ihre Geschichte der Vertreibung, Vergewaltigung, Mord oder Verstümmelung in ihren Familien. Eines der stärksten SF-Elemente sind die (via Quantenverschränkung auch über stellare Entfernung ohne Zeitverlust gesteuerten) 'Doppelganger Robots' - ja, genauso geschrieben im Original. Als ungeahnte Gipfelung an menschlicher Perversion kann sich der biologische Mensch virtuell komplett in diese hineinversetzen und sie zum vergewaltigen und verstümmeln auf Welten benutzen, deren menschliche Bevölkerung nur diesem Zweck dient. Das Herren-Regime kann dies tatsächlich als notwendige Aggressionsabfuhr ummäntelt. So wie es auch die Hauptfigur Lena zeit ihres Lebens beherrscht, sich gut aus der Verantwortung zu stehlen mit Selbstlügen und Verdrängung. In ihrer Ignoranz und Eitelkeit macht sie lieber die Augen zu vor ihren eigenen Verstrickungen in einer düsteren Vergangenheit...
Aber da scheint Hoffnung zu sein, denn Palmer packt diesen Charakter als einzigen in eine Art Entwicklungsroman mit Hilfe vieler Rückblenden. Und da kann sich einiges entwickeln, ist Lena doch mittlerweile 1.200 und hat noch lange nicht Lust, den Löffel abzugeben.
Wenn Leute, die man das ganze Buch schon kennt, unvermittelt in der Schlacht fallen, hat man den herben Geschmack des Krieges auf der Zunge, der sich pervers speist aus Selbstaufopferung, Heroismus, Idealismus und Sinnlosigkeit.
Finten, wie die von der Piraten-Crew zu Millionen billigst hergestellten Nanobots aus Plastik, gefüllt mit Badeöl, funktionieren halt leider nicht immer.
1. Neal Asher: Der eiserne Skorpion (2010) - Orig.: Shadow of the Scorpion (2008), engl.
2. Philip Palmer: Zone (2008) - Orig.: Debatable Space (2008), engl.
3. Adam Roberts: Sternennebel (2006) - Orig.: Salt (2000), engl.
4. Frederik Pohl: Gateway (2004) - Orig.: Gateway (1976), engl.
5. Joe Haldeman: Der ewige Krieg (2000) - Orig.: The Forever War (1988), engl.
Ernest Cline:
Ready Player One
Crown, Festeinband
John M. Cusick:
Girl Parts - Auf Liebe programmiert
Baumhaus, Festeinband
Charles Stross:
Rule 34
Ace, Festeinband
Ben Tripp:
Infektion
Heyne, Broschur
Thomas Thiemeyer:
Das verbotene Eden - David und Juna
Pan, Festeinband
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