Philip K. Dick - Das Orakel vom Berge: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur

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- Das Orakel vom Berge

(2008) - Orig.: The Man in the High Castle (1962), engl.
In Verführung bunter Seide
Egal ob in der Alternativwelt Dick's oder in der seines Romans im Roman oder in der wirklichen Geschichte: Es kommt immer der Punkt, nein zu sagen.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 22.06.2008

Mr. Childan, ein Antiquitätenhändler in San Francisco, schildert uns zu Beginn der Geschichte einen Nachmittag in seinem Laden. Gerade mußte er sich etwas ärgern, über ein Telefonat mit einem Kunden. Der Kunde mit japanischem Namen hatte, wenngleich ansonsten höflich und der Etikette entsprechend im Ton, absichtlich den Namen Childan's ein paarmal falsch ausgesprochen. Eine sublime und gleichzeitig höchst wirkungsvolle Art, das Gegenüber herabzusetzen.
Auf die Straße schauend, tagträumt er angesichts der in farbenfrohen Seidenkleidern vorüberflanierenden Mädchen „dunklen Typus“. Ein dunkler Schatten holt ihn auch hier gleich ein, wäre doch eine Verbindung mit so einem Mädchen „mit Schwierigkeiten verbunden“.
Schnell gewinnt Childan jedoch Aufwind, als ein in seinen Kenneraugen sofort als kultiviert eingestuftes junges Paar seinen Laden betritt. Es begegnet Childan mit ehrlicher Höflichkeit und Offenheit und schon malt sich Childan eine über das rein Geschäftliche hinausgehende gesellschaftliche Verbindung aus: zu Japanern der gehobenen Mittelschicht.

Die Achsenmächte Italien, Japan und Deutschland haben den 2. Weltkrieg gewonnen. Die Japaner halten die Pazifikküste der ehemaligen USA besetzt, die Deutschen setzten sich in den Wirtschaftszentren der Ostküste fest. Der Krieg ging 1947 zuende, es ist das Jahr 1962.
So der Plot von Philip K. Dick's berühmtem Alternativwelt-Roman.

Im ruhigen Stil eines Graham Greene taucht Dick in Sorgen und Nöte einer Handvoll Repräsentanten verschiedener Gesellschaftsgruppen und Lager ein. Trotz ihrer Unterschiedlichkeit sind ihre Geschicke verknüpft. Dick kann seine Verhaltensstudie zum Thema Opportunismus und Handlungsfreiheit so durch mehrere Facetten beleuchten.
Der Name Greene drängt sich zudem auf angesichts eines klassischen Agententhriller-Erzählstranges innerhalb dieser Verflechtungen. Wie auch die anderen Personen, obgleich sie keine Agenten sind, etwas Undurchschaubares und Lauerndes ausstrahlen. Etwas lastet auf ihnen. Sie scheinen gebeutelt von der politischen Entwicklung sowie ihrem eigenen schlechten Gewissen, das mal einem persönlichen Versagen in der Vergangenheit entspringt, mal dem Es-Sich-Bequem-Machen in der Gegenwart. Zudem scheinen sie Angst zu haben vor Entscheidungen - Entscheidungen, die Veränderungen hervorrufen könnten, die in Zugzwang setzen könnten, der Bequemlichkeit ein Ende setzen könnten.
Doch ihre innere Unruhe steigt... und die Protagonisten werden nicht auf einen Schlag die Welt verändern, aber Zeichen setzen...

Das wirklich Unspektakuläre der Erzählweise und der Geschehnisse in weiten Strecken der Handlungsstränge als Kontrast zur Ungeheuerlichkeit der geschilderten politischen Lage macht diesen Roman fantastisch. Die Figuren und die Atmosphäre sind plastisch trotz - oder gerade wegen - der fast schon an Ereignislosigkeit grenzenden Passagen. Diese unterstreichen jedoch die meist im schönen Mittel des Inneren Monologs vorgetragenen Entwicklungen der Personen.

Die schöneren Miniaturen im Roman erinnern den heutigen Leser an den ruhigen Fluß von Wong Kar-Wai-Filmen.

Mit Hilfe eines verbotenes Buches im Buch wiederum, ändert Dick nocheinmal die Wirklichkeit: In dieser Version verloren zwar die Achsenmächte, aber Großbritannien wird noch vor den USA die beherrschende Weltmacht und führt ein grausames Regiment.
Die Frage nach Schuld, Opfer oder Täter muß sich jeder Einzelne immer wieder stellen, sagt Dick, je nach Realität in der er sich befindet und unabhängig von Nomenklatur der Diktatur, die ihm diese gerade vorspielt.

Besprochene Ausgabe: Bastei Lübbe | 1980

      
 
 
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