Peter Richter - Gran Via - Spanische Vorkommnisse: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur

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- Gran Via - Spanische Vorkommnisse

(2009)
Ein Jahr Madrid queer und straight
In einer Mischung aus WG-Soap, Studentenleben, Nachtleben und Kunstgenuss kann sich selbst Peter Richters deutscher Held im Madrid der Neunziger fallen lassen.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 13.09.2009

Es gab in den Achtzigern die Movida Madrileña, die Madrider Bewegung, die alles aufschäumte, was vor dem Tode „El Caudillo“ Francisco Francos zugeschüttet war. Plötzlich war alles queer, schrill, sexsüchtig, drogensüchtig und gecrosst aus New Wave und Punk und man lebte von nachts bis vormittags. Einer der das überlebte und für sein Alter immer noch hyperaktiv ist, ist etwa der Filmemacher Pedro Almodóvar. Peter Richter spürt in „GRAN VIA“ den Nachwirkungen hinterher, sein Roman spielt in den Neunzigern. Für ein Jahr - 1997 - steigt sein verhalten wirkendes Alter Ego, ein Kunstgeschichte-Student, in einer Wohngemeinschaft in der Calle del Desengano ab. In dieser „Straße der Enttäuschung“, die parallel zur ehemaligen Prachtstraße Gran Via verläuft, zofft man sich in den Hinterhöfen mit den viel zu eng aufeinanderhockenden Nachbarn, doch der Held gewinnt schnell Freunde in seinen durch die Bank exzentrischen Mitbewohnern und zumindest Respekt bei den Prostituierten und sogar unerwartete Hilfestellung durch die eingangs eher lästigen „nordafrikanischen Taschendiebe“, die ihrem Geschäft auf der Gran Via nachgehen und die Desengano als Rückzugsraum benutzen.

Am Ende des Jahres stirbt ausgerechnet eine schwerkranke Veteranin der Movida, es hat sich ausgefeiert, und was sie sich im Leben noch wünscht, ermöglicht ihr einer der WG-Bewohner, selbst queer, mit einer Schein-Hochzeit: verheiratet wollte sie noch werden zu Lebzeiten; soviel Katholizismus muss sein.
In einer hoffnungslosen Schlacht einiger WGler mit spanischen Faschos stärken plötzlich die von ihrem Tagesgeschäft heimkehrenden afrikanisch-stämmigen Migranten die Reihen. Was wird bleiben, von dieser nun eingeschworenen deutsch-spanischen Gemeinschaft, dieser Clique, deren Mittelpunkt trotz hoher Fluktuation immer die Wohnung in der Calle del Desengano blieb?

Doch von Anfang an. Mit hintersinnigem, zotigen Wortwitz und scharfer Beobachtungsgabe schildert Peter Richter das Hineinschlittern seines Helden in dieses spanische Jahr. Richtig deutsch geht es noch zu, als der Held mit der Studentengruppe auf Studienfahrt in Madrid weilt und süffisant das letzte gemeinsame Abendessen der Exkursion beschreibt. Man ahnt es, eine Gruppe Individuen, die sich unter normalen Umständen nie freiwillig in einer Kneipe zusammenfinden würden. So etwa 'Charlotte von Ziesar', eine jener Frauen, „die ihre Zigarette nach dem Anzünden in einem weiten Halbkreis nach rechts außen schwenken und dabei mit geschürzten Lippen den Rauch auspusten.“ Am nächsten Tag fliegen alle nach Hause, der Held bleibt, eingeschrieben an der Uni. Und purzelt in die WG mit ihren Lebenskünstlern José María, queer und gleichzeitig als Vermieter fungierend und von Liebhabern umringt, María José - ja, die beiden Namen einfach umgedreht - eine „buddhahafte“ Erscheinung und liebevoll die Mumie genannt, oder Heiko, deutscher Ingenieur, durchtriebener, als es der Beruf annehmen lässt.
Man liebt sich und man schlägt sich, mit vielen Dritten, eben wie in einem Almodóvar-Film. Nebenbei studiert der Held ein bisschen. Peter Richter, selbst studierter Kunstgeschichtler, tracktiert uns bisweilen mit Kunstwissen, das man überblättern kann, oder sich aber auch erinnert fühlen kann, an dieses Schwingen von intellektuellen Reden während der eigenen Studienzeit, dieses exaltierte Getue um angelesenes Wissen, das später, im wahren Leben, kein Mensch mehr abfragt und das schon damals nur als Tand dient, jedoch todernst vorgetragen im unbedingten Glauben an die eigene Bedeutsamkeit.
Zuweilen wird er aber doch etwas zu schwafelig und es ist ja wohl auch ein schwieriges Unterfangen, in einer solchen frei ausgeschmückten Nacherzählung des selber über ein Jahr hinweg Erlebten, einen Spannungsbogen aufrechtzuerhalten. Da kommen schon mal Einbrüche und sogar die geschliffene Sprache sackt in manchen Kapiteln in die Beliebigkeit. Doch, Zack, landen wir wieder in Szenen, bei denen man laut auflacht. Die Betrachtungen des Helden zu politischen Themen dagegen sind allzu schwarzweiss und auch auf seine Erfahrungen mit Baulöwen und Kunstmäzenen und seine Campingerfahrung außerhalb der Stadt hätten wir verzichten können.

Doch insgesamt ist es ein Buch, das in der Lebendigkeit einer Ausnahmeerfahrung strahlt und gleichsam Elegie bietet, da es weiß, dass es einen weit zurückliegenden Lebensabschnitt des Helden beleuchet. Und den einer Gegend, für die Richter den typischen Segregationsprozeß im Schnelldurchlauf skizziert:

Aber inzwischen haben sich in den alten Bordellen der Gegend die ersten Modeboutiquen eingenistet. Noch zehren sie von der ruchlosen Legende und der legendären Ruchlosigkeit. Aber man weiß ja, wie so etwas weitergehen wird. Diese kleinen Boutiquen fliegen wieder raus, und Stefanel zieht ein, oder Sisley [...]“

Besprochene Ausgabe: Goldmann | 2009 | 196 Seiten | Festeinband* | € 17,95
 
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel

      
 
 
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