Peter de Jonge - Die letzte Lüge: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur

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Peter de Jonge Die letzte Lüge

Peter de Jonge - Die letzte Lüge (2010) - Orig.: Shadows still remain (2009), engl.

New York ohne ein Gramm Fett
James Patterson 's Auftragsschreiber Peter de Jonge legt sein erstes Solo hin. Er führt uns fast „live“ durch seinen Wohnort und dessen Veränderungen. Bis dato der Krimi des Jahres und jüngster „High-Culture“-Literatur über die Stadt allemal überlegen.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 29.07.2010
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Peter de Jonge tut's mit 318 Seiten. 500 Seiten scheinen sich fatalerweise als allgemeines Krimi-Maß in den letzten Jahren eingebürgert zu haben. Auch im Allgemeinen sind davon etwa 200 Seiten Füllstoff, wie überstrapazierte Verfolgungsjagden oder müde Alltags- oder Familienerlebnisse des ermittelnden Cops, die die Figur nicht plastischer werden lassen, aber das Buch dicker. Okay - de Jonge wählt die etwas leichtere Variante: Seine 34-jährige Heldin 'Detective Darlene O'Hara' lebt allein mit Köter Bruno. Sie ist irisch-stämmig und in Brooklyn aufgewachsen. Sie arbeitet im 7th Precinct Detective Squad, Lower East Side. Bei fünf realen Detectives aus eben diesem Revier oder anderen in Manhattan recherchierte de Jonge für sein Buch. Es hat sich gelohnt. De Jonge 's geschultes Auge für Physiognomie und Gentrifizierungsprozesse seiner Stadt paart sich in „Die letzte Lüge“ mit den Erfahrungen dieser Polizisten mit den Bewohnern der Sozialwohnungsbauten, eingeklemmt zwischen den Luxus-Boutiquen und Sänger Moby's „TeaNY“.

Sehnsucht schwingt da mit, wenn Cop O'Hara die kläglichen Überreste an kleinen, engen Läden in der Orchard Street beklagt, die auf zwei Straßenzüge zusammengeschrumpft sind. Aber auch Erstaunen, wenn Sie - leider wegen einer Leiche - zum ersten Mal den versteckten, oder besser gesagt durch die Verkehrsführung etwas abgeschnittenen, East River Park entdeckt. Übrigens zieren elf ganzseitige atmosphärische Schwarzweiss-Fotografien die ansonsten schmucklose Broschur. Als O'Hara ein paar Nächte in einem „günstigen“ Hotel für 180 Dollar die Nacht absteigen muss, schaut sie gegenüber auf den Süsswarenladen „Economy Candies“. Keine Erfindung; das Foto folgt auf der nächsten Seite und löst wohlige Authentizitäts-Schauer aus. In einem asiatischen Supermarkt muss O'Hara die angebliche Einkaufsliste eines unter Mordverdacht Stehenden überprüfen und zwängt sich über eine Treppe zum Geschäftsführer in einen absurden 1,60 Meter hohen Büroraum in einer Art Zwischenstock. Wir trinken jede Menge mit ihr in diversen Bars, aber das ist kein Selbstzweck, kein müdes Barfly-Getue, sondern de Jonge gibt uns zum Beispiel elegant Biografie-Daten O'Hara's, wenn diese an der Bar in Gedanken versinkt. Noch eleganter, weil indirekt, macht er es mit der des Mordopfers: O'Hara scannt die verschiedenen Tageszeitungen, denen ihr Chef Infos zum Fall zukommen ließ.

Gesucht wird der Mörder einer 19-Jährigen, die es, angeblich aus sozial schwierigen Verhältnissen stammend, ins US-amerikanische Elite-Universitätssystem geschafft hat und beliebte und erfolgreiche Studentin an der NYU war. Wohltuenderweise gibt es in „Die letzte Lüge“ nur diesen einen Mordfall und auch kein Katz- und Mausspiel mit einem hyperintelligenten Mörder. Der tritt wirklich erst sehr spät auf und bis dahin sind es die kraftvollen Figuren O'Hara, Streife-Partner 'Krekorian', Ekel Mordkommissionschef 'Lowry' - „O'Hara, jedes Mädchen in Amerika hat ein Arschgeweih über dem Maurerdekolleté. Lassen Sie mich raten - Sie auch?“ -, Sympath Leichenbeschauer 'Lebowitz' und der Ex-Freund der Ermordeten, die mit ihrer Lakonie erfrischen.

Mit Trockenheit im Duktus schafft es de Jonge ohne übertrieben minutiös zu werden, den Leser fast fühlbar an Routinearbeiten, Fortbewegung innerhalb der Stadt oder Verhören teilnehmen zu lassen. Gefängnis auf Rikers Island (einem von elf dort):

Wer nicht glaubt, dass Frauen bescheuert sind, sollte sich mal am Samstagnachmittag in den Besucherraum von Rikers Island setzen. In dem verdreckten Saal stehen zweihundert Plastikstühle und auf jedem sitzt eine bis zum Anschlag aufgedonnerte Frau [...]

New York Hardcore Tattoos and Piercing ist so lang und schmal wie eine Kegelbahn und ausstaffiert wie ein alter Herrenfriseur.

O'Hara und Streife-Partner Krekorian im Auto:

Schweigend sitzen sie da und geben sich gegenseitig Raum zum Nachdenken.

De Jonge 's durchgängiges Präsens erzeugt dabei Intensität, weil es gut gemacht ist.
Nebenbei hat er keine Scheu, durch überzogene Political Correctness entstandene negative Konnotationen wieder zurechtzurücken, etwa die des Wortes schwarz. „Farbige Frauen“, lässt er O'Hara sinnieren, klänge nach dem Namen einer schlechten Soulcombo. Manch lauter Lacher ist auch enthalten, etwa wenn Filmmaker Polanski sein Fett abkriegt...

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