Das Zeitalter der Singularität, des exponentiell beschleunigten technologischen Fortschritts, war wohl eher vor der Erzählzeit von Paul Melko 's Geschichte "Der Ring" anzusiedeln, bevor sich da irgendwas heißgelaufen zu haben schien, und sich eine auf eine gesunde Milliarde zusammengeschrumpfte Menschheit nur noch über technische Artefakte wundern kann - besonders namentlich über den "Ring". Freilich lässt uns Melko bis zum Ende spekulieren, ob die Mehrheit seiner Menschheit in einer Katastrophe, gar Kataklysmus nennt es eine der Figuren, untergegangen ist, oder ob sie sich am logischen Ende einer jeden Singularität befunden hat: der Loslösung von der schnöden Fleischlichkeit und der Hinwendung zur Virtualisierung, zum reinen Geist, eine als Sublimation des kollektiven Seins sich in die Unendlichkeit ausbreitende elektromagnetische Welle.
Jedenfalls zieht sich der Ring als gewaltiges schimmerndes Band in Höhe des Äquators um die Erde. Die Zugangstechnik für seine Aufzüge ins All ist nicht mehr vorhanden. Ein klassisches Motiv der Science Fiction: die Figuren müssen sich abstrampeln, um die Zeichen aus der Vergangenheit zu entschlüsseln. Doch Paul Melko bringt etwas sehr Interessantes hinzu, was eher den Charakter seines Buches ausmacht: Seine Hauptfigur ist sogenannter Pod, der aus fünf einzelnen - genmodifierten - Menschen besteht. Die fünf sind von Kindheit an trainiert, eine Einheit zu bilden. Ihre unterschiedlichen Stärken können sie durch verschiedene Arten chemischer und gedanklicher Kommunikation jederzeit bündeln. So kann Melko eine völlig neue, zwitterhafte Erzählweise entwickeln, die Spaß macht. Er lässt die fünf sowohl aus ihrer Einzelperspektive als auch als symbiotisches Ganzes erzählen. Keine Angst, das macht er mit unangestrengter Leichtigkeit, und seine Figuren sind sehr liebenswert.
Da ist 'Moira', die Moralinstanz, die Ethikerin, 'Manuel', der pfiffige Tatmensch - wäre er kein Fünftel eines Pod-Quintetts; es wird Phasen geben, in denen die Pod-Mitglieder auf sich allein gestellt sind -, 'Quant', die liebenswert verquere Autistin, "Mathematikgenie, intuitives Medium der physikalischen Gesetze", die über den Rest ihres Pods sagt "Ohne euch wäre ich nicht mal ein richtiger Mensch", da ist 'Strom', die Kraft des Pod, ein bärenhafter Typ, und schließlich 'Meda', das Interface des Pod, seine Stimme und Repräsentantin. "Ohne den Pod wäre keiner von uns ein richtiger Mensch", sagt die einmal folgerichtig.
Nein - "Der Ring" nimmt keine Pro- oder Kontra-Haltung bezüglich Implikationen der Gentechnik ein. Er macht was wesentlich Realistischeres und Sinnvolleres. Vielleicht aus einem einfachen Syllogismus heraus: Ebenso wenig wie das Ausrotten von Fauna und Flora seit dem Beginn des exponentiellen Anstiegs unserer Bevölkerung vor nunmehr 150 Jahren jemals geschasst werden wird, nicht einmal nach nunmehr 50 Jahren Ökologiebewegung, wird Gentechnik und die Erschaffung neuer Arten jemals geschasst werden. Das heißt, es ist ganz klar einzugestehen, dass niemand mehr wert auf Natürlichkeit legt und Natur in Kunst übergehen wird. Melko schaut jetzt schon, welche Probleme an neuer Segregation auf die neuen Menschensorten zukommen. Er stellt nicht die Herstellung von Neuem ethisch in Frage, er belässt vielmehr die Ethik in ihrem zutiefst Menschlichen: Wie ein Individuum entstanden ist, interessiert nicht - sondern, dass es ein ebensolches ist, mit allen seinen bis dato erkämpften Rechten.
"In der Podgesellschaft kann ein Einzelner nicht funktionieren", sagt Strom an einer Stelle. Aus dieser konstruktivistischen Sicht müssen den Podlern die "Singletons" komisch vorkommen. Die leben als "rückwärtsgewandte Maschinenstürmer" in Enklaven ein uns bekanntes konventionelles Menschendasein. Man reibt sich, doch gemeinsamer Hauptfeind scheinen Teile der wiedererwachenden einst untergegangenen Kultur zu sein ...
Schön an "Der Ring" ist der Hybridcharakter von sattem Abenteuerroman und durchdachter Science Fiction. Klar stolpern die fünf respektive der Eine in nichts weniger als die Rettung der Welt. Das geschieht ohne Hast und mit genügend Zeit, den Pod gut kennenzulernen. Paul Melko erzählt sanft und sogar teils im Positiven kindlich und naiv, dem zarten Alter der fünf angeglichen. Das Buch hat keine einzige Länge, bleibt stets in angenehmem Fluss, ohne sich in aufgesetzter Spannung zu verstolpert. Mühelos schildert Melko atmosphärisch eine tagelange Flucht auf dem Amazonas, ebenso wie die phantastische Synergie, die Menschengehirne als Schwarm heraufbeschwören könnten ... Dann sind die fünf wieder mit drei Bären unterwegs - und können mit ihnen kommunizieren; und es wirkt null lächerlich, sondern vollkommen stringent.
Besprochene Ausgabe: Heyne | 2011 | 432 Seiten | Broschur* | € 8,99
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3. Caragh O'Brien: Die Stadt der verschwundenen Kinder (2011) - Orig.: Birthmarked (2010), engl.
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