Paul McAuley - Der stille Krieg: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur

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- Der stille Krieg

(2010) - Orig.: The Quiet War (2008), engl.
Der Ewige Krieg als Doppel-LP
Paul McAuley arbeitet hart an der Grenze zwischen Faszination an und Beiseitelegen von seinem Buch. Mindestens 200 Seiten an Doppelungen und ein misslungener Krimi-Strang lindern das Vergnügen am ansonsten brillanten Blick in die Zukunft.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 04.07.2010

Die obige Referenz an Joe Haldeman's Klassiker "Der ewige Krieg" ist durchaus ernst gemeint. Denn die ersten hundert Seiten entfaltet Paul McAuley in "Der stille Krieg" eine Art positives Epigonentum, indem er in völlig ruhigem Ton vom Unfassbaren, Undenkbaren, Unmenschlichen schreibt. Er lullt uns ein, als gehe es um die harmlosen Erlebnisse eines kleinen Kindes an einem heiteren Sommertag, aber die Welt, die er gerade umreißt, ist eine sehr beschränkte, die einer Orbitalstation, in der genetisch optimierte Geschöpfe auf alle erdenklichen Arten trainieren zu töten. Sie sind die erste Reihe einer neuen Soldaten-Zucht, der nicht nur physische Ertüchtigung zuteil wird, sondern auch eine Gehirnwäsche in einer mittelalterlich anmutenden Hierarchie von Pfaffen und Lektoren und in der Gesellschaft ihrer Brüder, die allesamt Dave heißen, Dave #8, Dave #21, etc.; wobei die Nummern nicht fortlaufen, einige nicht so optimale Brüder waren schon "verschwunden", immer nachts.

Hin und wieder unterhielten sich die Jungen über die Helden, die sie am meisten bewunderten, und die Schlachten, in denen sie gern gekämpft hätten, und stellten Vermutungen darüber an, wo sie nach Beendigung ihrer Ausbildung wohl eingesetzt werden würden [...]

Andere - teils gruselige, teils in ihrer wissenschaftlichen Schlüssigkeit eher aufreizend faszinierende - Implikationen der Gentechnikmöglichkeiten wird uns der gelernte Botaniker McAuley noch zukommen lassen. Das sind auch im Fortlauf des 720-Seiten-Romans immer wieder die stärksten Elemente. Apropos Botaniker - freilich, auf Ebene der Flora und mikrobischer Lebewesen schlägt McAuley zeitweise über die Stränge und wird zu akribisch. Wer diesen wissenschaftlichen Ideenreichtum um Energiegewinnung, Geschlossene Recyclingsysteme und optimierte Ökotope, die irgendeinen Stoff produzieren, mag, ist belohnt - wer nicht, liest quer, dieses ins Kraut schießen ist klar abgegrenzt und nicht direkt handlungsrelevant. Groß, es biegt einem die Zehennägel hoch, beschreibt er hingegen ein Optimierungsprogramm menschlicher Piloten, die sowieso schon der Spitzen-Riege angehören und sich diesem freiwillig unterziehen; denn welcher Enthusiast wäre nicht gerne fliegender Halbgott... Mit Neuverknüpfungen und Erweiterung des Nervensystems - etwa einem künstlichen Netzwerk aus Neuronen um die Wirbelsäule und Robotern, die mit tausenden nanometer-großer Tentakel die Kortizes-Verbindungen herstellen - soll den Piloten ein direktes Einklinken in die Steuerungssysteme ihrer Jäger ermöglicht werden. Klar gibt es wieder Ausschuss, durch nicht mehr zu bändigende epileptische Anfälle und Schizophrenie.

Aldo Ruiz begann Streitgespräche mit einem unsichtbaren Gegenüber zu führen und schrie voller Wut die Luft vor sich an. Als er anfing, auf sich selbst einzuprügeln, wurde er entfernt, und der Rest der Staffel sah ihn nie wieder.

Nein, so ein Flieger der Zukunft sitzt nicht in seinem Jäger. Er ist in seinem intelligenten Libellenanzug in Gel eingelegt in die Blechbüchse der Lebenserhaltungssysteme, die den Körper soweit sedieren, dass er nur noch dazu dient, das gepimpte Gehirn des Piloten am Leben zu erhalten. Er "sieht" nur über die vielfältigen Sensoren des Schiffs und er hat Phantom-Gefühle bis in die Flügelspitzen seines Kahns hinein. Der Pilot ist das Schiff. Als Gimmick kann er sich mental in den "Hyperreflex-Modus" schalten, alles verläuft für ihn jetzt in Zeitlupe und er kann den Reaktionen innerhalb der Zehntelsekunden eines Gefechts nachkommen.

Als Botaniker kann uns Paul McAuley richtig schön Angst machen vor der bevorstehenden Klimakatastrophe. Die Story spielt Anfang des 23. Jahrhunderts und auf der Erde repariert man, was klimatischer und ökologischer Kollaps und die sich daran anschließenden weltweiten Bürgerkriege angerichtet haben. Alles höchst authentisch. Da möchte man seinem eigenen Vermieter an den Hals gehen, der sich spröde weigert, das Haus zu isolieren, und wundert sich, dass ihm die Politik immer noch die Möglichkeit lässt, sich zu weigern. Gut, wahrscheinlich eh schon egal, bei McAuley arbeitet man mit tausend Tricks wie Spiegeln im Orbit und Pflanzenzüchtungen, die Treibhausgase wieder zu verringern, trotzdem ist der derzeit angenehmste Lebensort immer noch die Antarktis. Wie Mahnmale stehen dort noch Ölplattform-Gerippe und andere Anlagen vor der Küste, mit denen man selbst während der Erwärmung noch versucht hat, Methan- und Ölfelder auszubeuten. An Land allerdings häufen sich eher Panzerwracks. Passiert, wenn 7 Milliarden plötzlich dort hin wollen...

Eine der vielen Hauptfiguren gerät immer wieder zwischen die Fronten der Machthaber auf Good Ole Earth und Potentaten der "Außenweltler", die sich einst auf Saturn- und Jupiter-Monden in Habitaten angesiedelt hatten. Gerade heraus: Diese Figur nervt in ihrer Naivität, die nur dazu herhalten muss, künstliche Plot-Sprünge von einem Mond, von einem Habitat, zum nächsten machen zu können. Kernfigur ist schon eher die Wissenschaftlerin 'Sri', die sich zwar ähnlich von den Mächtigen treiben lässt, aber immerhin noch ihre zweifelhafte Entschuldigung hat, ihre Genialität unter allen Umständen ausleben zu müssen; eine wahnhafte Wissenschaftlerin, ein Wernher von Braun der problemlos für Nazis oder Amis baut, ein weiblicher Dr. Frankenstein, der Empathie mit seinen Geschöpfen unter allen Umständen unterdrückt; eine großartige Figur, die beim Leser Sympathie und Abscheu erzeugt.

Mit weiteren Figuren, die eher dümmlich über Sein oder Nichtsein in einem sich anbahnenden Krieg entscheiden, muss man sagen, dass "Der stille Krieg" literarisch dürftig und auf Science-Fiction-Seite hochwertig ist. So ist es leider nur was für den geübten Quer-Leser, der es gewohnt ist, Spreu von Weizen zu trennen und dabei gleichzeitig noch Lesegenuss filtrieren kann. Ein unbedarfter Science-Fiction-Neuling wird so ein Buch nach hundert Seiten in die Tonne kicken und das ist keine gute Werbung für das Genre.

Besprochene Ausgabe: Heyne | 2010 | 720 Seiten | Broschur* | € 8,95
 
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel

      
 
 
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