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 24.05.2012         Paul Di Filippo - Mund voll Zungen: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchtipps Bestseller   
Paul Di Filippo - Mund voll Zungen: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur

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- Mund voll Zungen

(2010) - Orig.: A Mouthful of Tongues (2002), engl.
Vom Blutkind im Wechselbalg
Suhrkamp wagt Porno. Im Kampf gegen den Machismo erschafft sich US-Amerikaner Paul Di Filippo eine Amazone, die ihrem Chef einer Biotech-Firma ein Schnippchen schlägt und sich mit einem totipotenten Lebewesen vereint. Mit Porn als Vehikel für die Reise in eine schönere Welt wird Sperma hektoliterweise fließen.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 05.12.2010

Paul di Filippo scheint ziemlich anti zu sein. Denn eigentlich täte es der Science-Fiction-Literatur als Genre gut, sich aus ihrem Schmuddel-Image der Bahnhofskioskliteratur zu befreien. Was macht also dieser Paul di Filippo - allerdings bereits 1999, erstmals verlegt 2002? Explizit erfindet er die Porno-Trash-SF neu. Retro, könnte man auch sagen, war doch Jane Fonda ausgerechnet im SF-Filmklassiker "Barbarella" die erste komplett nackte Frau im Mainstream-Kino. Doch so schwerelos nackt schwebend wie eben jene, präsentiert sich di Filippos Roman nicht. Die Frage, ob Porn und Science Fiction zusammen funktionieren können, ist dabei jedoch banal und willfährig. Wichtiger ist, was der Autor bewirken will. Wobei eine Grundunterscheidung bleibt: Ist Erotik in einen Roman elegant und gelegentlich - an den richtigen Stellen - eingestreut, wirkt sie auf die meisten Leser erfrischend, andernfalls nicht. Die Grenze hin zum eigentlichen Genre Pornografie ist schnell überschritten - und das ist dann eben Geschmackssache. Di Filippo schafft den Spagat jedoch.

Vielleicht schafft er ihn nicht für alle Leser. So dürften sich viele Science-Fiction-Leser von "Mund voll Zungen" anfangs begeistert zeigen, ob der Skizzierung einer latent bedrohlich wirkenden Stadt, deren Farben nie beschrieben werden, die aber sofort grau und verschwommen wirkt. Künftige Heldin 'Kerry' schlängelt sich an Riots, brennenden Barrikaden und Soldaten der "Garde" vorbei zur Arbeit als Sekretärin bei einem Biotech-Unternehmen. Wunderbar trefflich auch ihr Chef, als Archetyp des eleganten und nach außen hin über-korrekten Mannsbildes, das doch nur seine Untergebene unter sich zu liegen bekommen will. Dann geht es ratz-fatz, zwei Vergewaltigungen später - eine durch ihren Lover, eine durch einen Soldaten -, vereinigt sich Kerry mit einem totipotenten Lebewesen aus dem Labor der Firma.

Nun beginnt Paul di Filippo aka Kerry einen Rachefeldzug am gesamten Männergeschlecht. Die unzähligen monströsen Schwänze, losgelösten Zungen und ausufernden Mösen, mit denen Kerry penetriert, erstickt und vereinnahmt - sie ist Wechselbalg in Formvollendung - sind allesamt gebrochene Lanzen für das geschundene Frauengeschlecht. Das ist hehr. Das ist aber auch trashy und in seiner Übersteigerung wenig erotisch. Doch spiegelt es so auch genau die Unvollkommenheit und Vertracktheit unserer Libido. Wir würden am liebsten können wann es uns passt und mit wem es uns passt. Seltenst kommen Wunsch und Wirklichkeit überein. Denn freiwilliger Sex ist eines der am strengsten rationierten Dinge auf Erden. Sein Gebiet ist Kampfzone (Houellebecq) und nur der Stärkste, Charmanteste und Schönste wird immer gewinnen. The winner takes it all. Und so lässt er sich auch herrlich - mehr oder weniger freiwillig - als meistgebrauchte Waffe auf Erden einsetzen, für die man keinen Schein braucht ...

Einen 180-Grad-Schwenk vollzieht "Mund voll Zungen", wenn Heldin Kerry, bald als Bruja (Hexe) verehrt und gefürchtet, in den Dschungel Brasiliens flüchtet. Dem Grau der namenlosen US-amerikanischen Stadt stehen jetzt Saft, Überfluss und Farben entgegen. Und plötzlich ist Kerry dort, wo sie sich vor kurzem in der Unterhaltung mit ihrem Chef immer hinwünschte: "Eine Welt, in der ich wahrhaft frei bin und die Dinge mit allen Sinnen erleben kann." Das heißt nun vor allem, sämtliche Sanktionierungen der Geschlechtlichkeit über Bord schmeissen. Kerry nimmt und gibt. Nimmt literweise Sperma, das sie durch ihre übermenschlichen Fähigkeiten aus den Männern rauspresst und lässt nichts davon verkommen. Gibt Verstümmelten neue Glieder, wenn sie nett zu ihr waren, denn organisches Material aus dem Nichts zu schaffen ist für sie ein Leichtes. Oder sie gibt und nimmt gleichzeitig, wie beim ortsansässigen Groß-Gangster, den einst ein Feind per Hund kastrieren ließ. Sie lässt seinen Schwengel und die Eier nachwachsen, Ersteres so lang, dass sie es ihm anal einführen kann. Dann erlegt sie ihm eine Dauer-Ejakulation auf, sodass sich das Sperma durch den Mund wieder ergießt, das Wohnzimmer volllaufen lässt und schließlich auch noch die zwei Söhne des Gangsters ertränkt - die Kerry zuvor beim Sandwich-Geschlechtsakt unmerklich an ihren Penisen zusammengeschweißt hatte, um sie dann, mit dem Doppelschwanz als Griff, ins Sperma-Bad zu schleudern.

Den Machismo der Süd-Amerikaner, den die nervigen argentinischen Autoren - präsent als 2010er Gastland der Buchmesse - allenfalls kokettierend augenzwinkernd beleuchten, rammt Paul di Filippo in den Matsch wo er hingehört. Wenn schon Gesetzlosigkeit des Staates Bahia und seines Dschungels, dann bitte für alle. Wenn sich das kleine "Blutkind", das Kerry im Zuge ihrer Verwandlung getränkt aus ihrer endgültigen, letzten Dauer-Menstruationsblutung als "Kreatur aus lebenden, mit Menstruationsblut und Speichel befruchteten Baumwollstreifen" als kleiner Golem auf den Weg macht und zuletzt eine Wiedergeburt erfährt, wird klar, hier wird eine neue Daseinsstufe angestrebt. "Mund voll Zungen" wird kein reines Rache-Epos bleiben.

Der permanente Schöpfungsakt der Kerry drückt Sehnsucht aus, die unterschiedliche Ekstase der beiden Geschlechter zu vereinen, eine Ganzheit zu erleben, gespeist aus dem, was eigentlich zwei erleben. Sich in das andere Geschlecht hineinzuversetzen, den Geschlechtertausch jederzeit vollführen zu können, in orgiastischer Überhöhung. Kann kommen in der Zukunft, kann nicht. In einer Geschichte in der Geschichte greift gelangweilter Ehemann 'Sinval Tomoz' auf einen alten indianischen Mythos zurück und lässt ein Ebenbild von sich schnitzen, das als belebter Golem seine Frau befriedigt, während sich Tomoz selbst mit seiner Geliebten vergnügen kann. Die Geschicke drehen sich, als sein multipotenter "Repräsentant" auch bei der Geliebten auftaucht ... Die Totipotenz von Heldin Kerry bleibt bei ihm Wunschtraum.

Diese Implikationen und die Atmosphäre, die in guten Momenten an die fieberhafte, feuchtigkeitsdurchtränkte von Lowry 's "Under the Volcano" erinnern, wären allerdings mit etwas weniger Trash noch besser zur Geltung gekommen.

Besprochene Ausgabe: Suhrkamp | 2010 | 250 Seiten | Broschur* | € 10,00


 

 

 

 
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel
 
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