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Vom irischen Erzähler Patrick McCabe sind in Deutschland hauptsächlich sein "Butcher Boy", dt. "Der Schlächterbursche", und "Breakfast on Pluto" bekannt. Cineasten werden seinen Namen durch die Filme von Neil Jordan kennen. Beide genannten Titel verfilmten die zwei zusammen. Vom heiter-charmanten "Breakfast on Pluto" kehrt Patrick McCabe mit "Die heilige Stadt" wieder in rauhere Gefilde zurück, vor allem narrativ. Erzähler CJ McCool verlangt dem Leser volle Aufmerksamkeit ab.
Wieder zerbricht eine Figur am Zwangskorsett aus ständischem Denken - mit der Demarkationslinie protestantisch-katholisch -, an Frömmelei, die bei den Katholiken wahnhaft und greifbar im Alltag den Verstand zu ersetzen scheint, bei den Protestanten einzig zur dünkelhaften Abgrenzung dient, und an einer 1960er-Jahre ländlichen Lebewelt "rustikaler Authentizität", in der jeder Nachbar den anderen kontrolliert, wie McCool in einem seiner klaren Momente sinniert. Denn der erzählt jetzt aus einem Heim für "Beobachtetes" Wohnen, nachdem er den Großteil seines Lebens in der Psychatrie verbracht hat.
In seinen Erinnerungen haben die Swinging Sixties sein kleines Heimatstädtchen nur äußerlich aufgebrochen. Man gibt sich der Populärkultur hin und schwoft in den Clubs zu Andy Williams, den Carpenters oder den Göttern Beatles. Obwohl's nur für einen eckigen Ford Cortina reicht, kurvt McCool in seinem Ray-Davies-Rüschenhemd über die Landstraßen und hätte "genauso gut Lord Snowdon sein können." Die Peter-Stuyvesant-King-Size-Zigarette im Mundwinkel, denn damals zählte die Zigarettenmarke noch was ... Der Duft der großen weiten Welt. Doch ob er wirklich "eleganter Lebemann von gewisser lokaler Bedeutung" war, wird sich später noch rausstellen.
Vor und zurück springt McCool in seiner partiellen Lebensbeichte, bei der er dem Leser überlässt, ob der sich wirklich die Mühe macht, alles chronologisch und logisch einzuordnen. Man kann und muss manches einfach im Diffusen lassen; auch ohne auktoriales Wissen drehen sich die zentralen Figuren in McCool's Leben wie Arme einer Galaxis um das Zentrum eines Schäferstücks: Die Rolle des abweisenden Geliebten übernimmt der siebzehnjährige Schüler und Nigerianer 'Oboya'. McCool unterdrückt das homosexuelle Verlangen mit einer Mischung aus einem sich selbst auferlegten Pietismus und trotzhaften Ausbrüchen, etwa wenn er die Kirche beschmiert mit "Scheiß auf Jerusalem. Scheiß auf alle Neger!"
McCool's leibliche Eltern waren gemischt-konfessionell und so bleibt er für die einen protestantischer Bastard, für die andere Seite eben ein katholischer. Aus seiner Demütigung und Verwirrung heraus schafft er es sogar, einen Skandal zu evozieren, als er eine einstige noble protestantische Freundin seiner leiblichen Mutter nötigt, ihm einen Choral vorzusingen. Na ja - als 25-Jähriger auf ihrem Schoß sitzend ...
Doch auch Patrick McCabe hat seine Heiligen. Damit sind nicht die unzähligen Band-Namen gemeint. Die hat er sicherlich auch nur recherchiert, für's Zeitkolorit. Über-70-Jährige dürften die interessieren. Doch James Joyce taucht immer wieder auf, mal mit "Dubliners" oder "Ein Portrait des Künstlers als junger Mann" und freilich "Ulysses" und spiegelt sich in McCabe 's eigenem Text, etwa, wenn es über das Städtchen heißt:
Wo jede zufällige Geste mit unermesslicher Bedeutung aufgeladen schien, wo jeder Blick ein Zeichen war für die labyrinthische, vielschichtige Intensität unterdrückter Leidenschaften im Inneren.
Gott sei tot, sagten alle anderen in den 1960ern, sinniert McCool. Warum könne er nicht einfach so denken? "Die heilige Stadt" aus dem Choral wird noch lange für Zoff sorgen, wenn auch in Nahost, nicht mehr im waffenberuhigten Irland.
Besprochene Ausgabe: Berlin Verlag | 2012 | 224 Seiten | Festeinband* | € 19,90
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