Mit dem Pseudonym P. J. Parrish, lautmalerisch an das englische „perish“ (zerstören, sterben) anlehnend, kommen die beiden Autorinnen Kelly Nichols und Kris Montee daher. Sie kennen die Staaten dort oben, wo ihre Geschichte spielt - Michigan, Indiana, Ohio - an den Großen Seen an der Grenze zu Kanada, wie ihre Westentaschen. Und sie sind beide im mittleren Alter, und das als Vorteil, denn so dürften sie noch eigene Erinnerungen haben an 1975, das Jahr, in dem ihre Heldin 'Joe' als Rookie als Deputy beim Sheriff von Leelanau County anfängt. Das merkt man, dass da nicht jemand einfach Zweite-Hand-Material recherchiert hat, an schönen Details. Etwa die Beschreibung der zu trockenen, zu heißen Luft, die die unsäglichen Elektro-Radiatoren mit Anbeginn des Winters in den Räumen produzieren. Oder wenn Allein-Zeitungsmacher 'Theo' des „Echo Bay Banners“ die neue Schlagzeile händisch auf die Druckvorlagen auf den Leuchttischen montiert.
Dort, in Echo Bay, am Ende des „kleinen Fingers“ des wie ein Handschuh aussehenden Staates Michigan, am ozeangleichen Lake Michigan, tummeln sich die Sommertouristen aus den großen Städten Detroit, Indianapolis oder Cleveland. Doch sie kommen auch als Herbstlaubliebhaber und Skifahrer, etwas weiter im Landesinneren. Viele haben eine Urlaubshütte in den Wäldern oder an den Seen. Die größeren Orte des Romans gibt es wirklich, so Traverse City mit der Gerichtsmedizin oder Lansing, die Hauptstadt. Doch versuchen Sie nicht Echo Bay selber auf der Landkarte zu finden, wie dem Rezensenten passiert, denn im Anhang ist vermerkt, dass sich hier geografische Freiheit genommen wurde.
Wie auch immer, ist die Gegend toll skizziert. Und auch eine gewisse Langsamkeit. Die Polizisten müssen eben viel selber machen, ihr Zeug selber ins Labor in die nächstgrößere Stadt fahren oder Joe einen Fotofilm von Theo, dem Zeitungsmann, entwickeln lassen, weil es so noch am schnellsten geht. Fast eine Sehnsucht nach der guten, alten Zeit entwickelt sich beim Leser...
Da gibt es ganz grob drei Männersorten, mit denen sich Joe beruflich auseinanderzusetzen hat: die väterlich herablassende Art, etwa ihres Mentors Sheriff 'Leach', die Cops, die sie akzeptieren, wie sie ist, und dann die üble Sorte, die obszöne Herablassungen über sie machen darf, sogar in Anwesenheit des Sheriffs ungestraft, da dieser in seiner Herzensgutheit trotzdem nicht zu führen versteht und Auseinandersetzungen scheut. Selbst Verlobter 'Brad' kommt schnell mit dem zunehmenden Verlust seiner Beschützerrolle nicht mehr zurecht, als Joe sich im Job emanzipiert und in Situationen gerät, in denen sie mehr als „ihren Mann steht“. Ja, es wird um Serienmorde gehen, die bis in die Sechziger Jahre zurückreichen. Da sollte man nicht gleich abwinken, wenn man das Thema für sich persönlich als abgedroschen empfindet. Natürlich können P. J. Parrish das Thema nicht neu erfinden, doch der menschelnde, atmosphärische und eben nicht reißerische Ansatz mit diesem ausgezeichneten Lokalkolorit und Gefühl für die Zeit hebt das Buch aus dem Einerlei.
Besprochene Ausgabe: Knaur | 2009 | 575 Seiten | Broschur* | € 8,95
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