Olen Steinhauer - Der Tourist: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur

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- Der Tourist

(2010) - Orig.: The Tourist (2009), engl.
Der lustlose Tourist
Schauspieler George Clooney's Produktionsfirma hat die Filmrechte gekauft und er selber möchte den Touristen spielen, einen CIA-Agenten, der sich zur Ruhe gesetzt hatte und sich freiwillig zurückmeldet.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 15.01.2010

15 Kilo hatte Clooney zugelegt für seine Rolle im hochgelobten Terroristen-Thriller „Syriana“ von 2005. Diesmal müsste er sich Kinder zulegen, um authentisch rüberzukommen, denn 'Milo Weaver', der Tourist, ist seit sechs Jahren verheiratet, etwa zeitgleich mit einer schweren Verletzung, nach der er den Dienst quittierte. Passen täte die Rolle allemal, geht es mal wieder um Mea Culpa der US-amerikanischen Geheimdienste und sublimen Antiamerikanismus, den der dort geborene Olen Steinhauer, derzeit in Ungarn lebend, durch den ganzen Roman zieht.

Mit „Nie wieder Tourist“ ist das erste Kapitel überschrieben. Da lernen wir eine Art Anti-James-Bond kennen, dessen von Berufs wegen auferlegter Running-Gag an den Passkontrollen der Flughäfen die Antwort „Ich bin Tourist“ ist. Überall wo's brennt wird Milo Weaver unter den verschiedensten Identitäten von seinem Boss per telefonischer Benachrichtigung hingeschickt. Den hat er seit Jahren nicht mehr von Angesicht zu Angesicht gesehen. Fragen nach Sinn und Zweck der Aufträge ist dabei auch nicht erlaubt. Er muss sich einfach darauf verlassen, dass die Aktionen seinem Land dienen. Das will er immer weniger. Ständig philosophiert er über Selbstmord, selbst im Moment, in dem er im Zuge des Personenschutzes auf einer niederländischen Politikerin liegt und über die beiden ein Kugelhagel hinweggeht.
Er ist Dexedrin-abhängig. Das ist eine Art sauberes Speed, das wohl die Zappeligkeit weglässt. Was aber trotzdem ziemlich absurd ist. Jemand der wirklich abhängig davon wäre, wäre als Spion absolut unbrauchbar. Aber vielleicht will Steinhauer das sagen, denn schon auf Seite 50 kriegt „Der Tourist“ einen Brustschuss ab.

Sieben Jahre später meldet sich ein Erzfeind Weaver's auf den Plan und eine befreundete Agentin wird des Verrats beschuldigt. Ein Kernthema Olen Steinhauers und jedes Agententhillers. Du kannst als Agent nur deinem schlimmsten Feind trauen, wenn er gerade auf dem Sterbebett liegt und dich um irgendeine letzte Gunst bittet. So ähnlich heißt es an einer Stelle des Romans. Hinzu kommt der Konflikt Familienvater - Spion. Der wirkt sehr gekünstelt. Bei einem Polizisten mag der vorhanden sein. Bei im Roman geschilderten Top-Spionen sollte Steinhauer erst mal bei der CIA anrufen, ob da ein einziger dabei ist, der eigene Familie hat. Nun, ein Kunstgriff also, und so kann Steinhauer uns, die Leser, und auch seinen Agenten die meiste Zeit im Unklaren darüber lassen, was eigentlich abgeht. Denn sein sympathischer Tourist drängt ja einigermaßen zum Weiterlesen. Die Plots dagegen sind alle nur angerissen, als Beispiel eine Aktion in Slowenien: Ein bosnischer Serbe, Kriegsverbrecher großen Formats, soll mithilfe einiger Millionen Dollar verraten worden sein: „Karadžić, Mladić oder irgendein anderer gesuchter -ić“. Genau das ist die Crux in „Der Tourist“. Die Beliebigkeiten und auch die Clichés. Ein wenig weiter treffen wir auf einen russischen Exilanten; die sind anscheinend immer schwer reich und grundsätzlich per Du mit allen Spionen in dem Land, in dem sie gerade leben. Man versteht, man macht die Nacht zum Tag, weil man einfach Wodka trinken muss. Wann hat diese Leier in Spionage-Thrillern endlich ausgedient?

Es gibt noch viele Plots, u. a. in Frankreich, Russland, China und dem Sudan. Die bleiben alle des Verfolgens nicht wert. Steinhauer baut auf seinen Zwitter Charakterstudie Milo Weaver und Thriller. Doch er missbraucht den armen Agenten, um seine eigene Agitation voranzutreiben. Ein Agent, der die Ziele seines Arbeitgebers anzweifelt, die Werte seines Landes, dessen Geschichte - ein intellektueller Prügler sozusagen, ein Philosoph mit den neuesten technischen Tötungs-Gimmicks - den gibt es nicht, eine solche Figur führt sich selbst ad absurdum.

Besprochene Ausgabe: Heyne | 2010 | 544 Seiten | Festeinband* | € 19,95
 
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel

      
 
 
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