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 24.05.2012         Olaf Kühl - Tote Tiere: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchtipps Bestseller   
Olaf Kühl - Tote Tiere: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur

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- Tote Tiere

(2011)
Butter bei den Baikal-Omul!
Zwischen Groteske, Abenteuer- und Reiseroman will der Erstling des Berliners Olaf Kühl schwanken, der ein deutsch-polnisches Gespann als Befreiungskommando für Michail Chodorkowskij nach Sibirien schickt.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 09.09.2011

Olaf Kühls Ich-Erzähler stellt sich dem Leser nicht groß vor, außer über ein paar wahllos erscheinende Erinnerungsschnipsel aus seiner Kindheit. Irgendwas mit Russland macht er, er scheint einigermaßen wichtig - er ist auf ein Botschaftsfest eingeladen -, und sein bester Freund scheint ein erfolgreicher polnischer Autor zu sein. Nur wer den Klappentext liest, erkennt im namenlosen Erzähler das Alter Ego Olaf Kühls und in dessen Spezl mutmaßlich das des realen polnischen Schriftstellers Andrzej Stasiuk, von dem Kühl viel ins Deutsche übersetzte. Bücher können ihren Schutzumschlag verlieren und damit die Klappe. Dann bleiben dem Leser zwei schale Kunstfiguren, die sich doppelt wie Schuljungen aufführen: sie geben fast ausnahmslos Banalitäten von sich und sie müssen nicht begründen, warum sie aufbrechen, um am anderen Ende der Welt Chodorkowskij zu befreien.

Im Brotjob ist Kühl Russlandreferent des Regierenden Bürgermeisters von Berlin und muss doch vor "Russophilie warnen", wie er 2004 in einem Interview sagt. Hilft ihm die jahrzehntelange Faszination für unsere östlichen Nachbarn beim Schreiben seines ersten eigenen Romans? Bedingt. Sein Schelmenstück "Tote Tiere" pendelt über zu große Strecken zwischen aufgesetzter Belehrung und gänzlicher Belanglosigkeit. Ein stimmiges Stück Prosa ist es nicht geworden. Dabei ist das geringste Problem, dass die erste Hälfte als Roman daherkommt, und sich Kühl in der zweiten als Thriller-Autor erprobt.

Die zwei Freunde stellen ein bisschen gegensätzliche Pole bezüglich ihrer Russland-Sicht dar. Der Erzähler, der Deutsche, schildert, warum der einstige Öl-Oligarch Chodorkowskij aus Sicht der herrschenden Klasse beseitigt werden musste. Der Pole 'Andrzej' schaut lieber stumpf der russischen Volksmeinung aufs Maul und repetiert diese: Chodorkowskij gehöre weggesperrt. Was ihn nicht daran hindert, den Gefangenen sympathisch zu finden, vielleicht, weil er selber mal im Knast war. Jetzt versuchen also die beiden, bei ihrer Annäherung an das sibirische Gefängnis, zudem noch in die russische Seele zu blicken, mit den Personen am Wegrand als Anschauungsobjekte. Dabei wird Allgemeingut in neue, bescheidene Aphorismen gepackt, "T34-Panzer, Stalinorgeln. Alles rostete. Russland, Rostland. Die Menschen hier aber erneuerten sich immer wieder", aber auch mit unsäglich Zotigem rumgeschmissen, etwa "Woran merkt man heute eigentlich, dass die Russen den Krieg gewonnen haben? Stehen wir nicht viel besser da als sie?", gefolgt von wahrlich abgegriffenen Ergüssen über die vermeintliche russische Sklavenmentalität. Die beiden beobachten hauptsächlich Frauen - normal, könnte man statuieren, sind sie ja Männer - doch selbst von denen wird nur die achtzehnjährige Prostituierte 'Natascha' einigermaßen plastisch. Bei ihren anderen wenig ergiebigen Beobachtungen von Menschen - und immer wieder Hunden?! - hat man eigentlich nur zwei Typen in ihren Fünfzigern vor Augen, denen der Geifer aus den Mundwinkeln runtersabbert, aber nicht die Beobachteten.

Beim Stichwort Natascha gibt's aber dann auch schon die zu frühe Klimax (des Buches), denn die stirbt und man ist noch meilenweit entfernt von einer Befreiung des prominenten Märtyrers. Den Rest der Geschichte wird fortan getrauert um Natascha. Erst auf den letzten Seiten wachsen die Helden nochmal über sich hinaus. Aber das ist 300 Seiten zu spät.

Besprochene Ausgabe: Rowohlt Berlin | 2011 | 288 Seiten | Festeinband* | € 19,95


 

 

 

 
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel
 
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