
Somalia, ach ja, woher kennen Sie das gleich noch? „Landshut“, wenn Sie etwas älter sind, „1993“, wenn Sie nicht zu jung sind. 1992, ein Jahr vor der „Schlacht von Mogadischu“, hatte die UNO-Mission UNOSOM begonnen, um 4,5 Millionen von Hungertod bedrohten Menschen zu helfen. Nur, Hilfeleistung führt nicht automatisch nachhaltig zu Dank in einem Bürgerkriegsland. Die Logistik für die Hilfslieferungen war ohne die Einbeziehung sich bekriegender Clans gar nicht zu bewerkstelligen. Diese gehen schnell dazu über, mit den Gütern einen eigenen Wirtschaftskreislauf zu organisieren. Die ausländischen Soldaten versuchen dies zu verhindern. Und schon stehst du als Feind im Land, das dich gerade noch als Retter feierte: Black Hawk Down (Ein Hubschraubertyp und Kinofilm von Ridley Scott zum Thema).
Auf diese Zeit geht Nuruddin Farah 's „Netze“ nicht ein. Seine somalisch-stämmige Heldin aus Toronto, Kanada bricht in der Gegenwart auf nach Mogadischu, um ein Grundstück ihrer Familie einem Warlord zu entreißen. Ja, klingt ein bißchen absurd, doch ihre Familie war und ist nicht die ärmste und hat viele Beziehungen. Ihre persönliche Motivation, das Vergessenwollen ihrer gescheiterten Ehe und den Tod ihres Sohnes, mag man auch abstrus finden - ganz klar Todessehnsucht muss man es nennen, wenn man im Fortlauf des Romans über die Zustände in Mogadischu erfährt. Doch wie auch immer, mit seiner Figur hat sich Nuruddin Farah ein Vehikel geschaffen, um auf die somalische Gesellschaft, an der er kaum ein gutes Haar lässt, eine Außenperspektive zu ermöglichen - und vermeintlich zu schauen, was geht, um aus der Misere herauszukommen. Das scheint ein hehrer, fast verwegener Anspruch, für jemanden wie Farah, der jetzt im Westen und Südafrika lebt. Doch seine Fiktion - die eben nicht als reine Fiktion daherkommen will, sondern auch als Lehrstück für die Realität dienen soll - scheint sich auf Besuche und Recherchen in Somalia und Mogadischu zu stützen, wie er in der Danksagung berichtet. Und was er im Roman berichtet ist nicht moralisierend, zumindest nicht auf die Weise „Die Person tut das und das. Das ist schlecht von ihr“, sondern eher indem er ganz natürlich unseren Ekel und Abscheu vor Verhaltensmustern, unsinnigen Traditionen und ureigenst geglaubten Vorrechten erzeugt. Klar ist aber, er tut es aus westlicher Sicht. Für Islamisten dürfte Farah ganz eindeutig „anti-islamisch“ und für traditionelle männliche Somalis ganz eindeutig Nestbeschmutzer sein. Einzig Frauenheld dürfte Farah nach diesem Buch sein, sind doch unabhängige Frauen-Netzwerke in Mogadischu das Hauptthema des Buches.
Es gibt anständige Männer im Buch. Doch besonders in der ersten Hälfte des in kompaktem Schreibstil gehaltenen und sehr klein gedruckten 500-Seiten-Werkes schlägt einem eine unangenehme Machowelt um die Ohren: kath-süchtige Hänger - das Kath lässt das Zahnfleisch verfaulen, so ist der Mundgeruch meterweit -, ihre Körper schwitzen beim Nichtstun aufgrund der Droge, sie prügeln Frauen, die prüde Sexualmoral in ihrem Land begünstigt die Sublimation von Frustration in Gewalt. Selbst die Exil-Somalierin in Toronto ist davor nicht gefeit. Zu ihrer ersten, unangenehm verlaufenden Scheinehe musste sie sich von ihrer Mutter verkuppeln lassen. Die zweite Ehe, aus Liebe, zumindest von ihrer Seite, endet in Ausnutzung und Gewalt. Die Vernetzung, Kungelei und Kuppelei unter den somalischen Familien-Clans im In- und Ausland hat jedoch auch positive Seiten, als 'Cambara', die Hauptfigur, in Mogadischu ankommt. Zügig schart sie ein Dutzend Leute um sich. Es ist die Vernunft-Fraktion, die sich gegen Machotum, Gewalt und überkommene Strukturen wehrt. Doch scheinbar etwas ohne Abstand wettert der Intellektuelle Farah gegen die bäuerliche Bevölkerung, die aufgrund der Klimakatastrophe einst in die Städte strömen musste. Ihnen legt er zwischen den Zeilen die Zerstörung der einst kulturell blühenden Metropole Mogadischu zur Last. Klimakatastrophe und einstiger Diktator Siyad Barre scheinen ihm zweitrangig. Sein Hauptaugenmerk liegt eben in der Bewusstseinsbildung jedes einzelnen Individuums.
Der Stil des Romans: Zwischen der flirrenden Spannung bei Ortswechseln Cambaras in der Bürgerkriegsstadt, gespenstisch zu Fuß in Burka - Körperzelt, wie sie Cambara nennt - oder in Allrad-Lastern mit dem Schutz von bis an die Zähne bewaffneten neuen Freunden, fügt Nuruddin Farah Rückblenden, Erinnerungen und Gedankenflüsse seiner Protagonistin ein. So lernen wir teilweise erst in der Rückschau die Bedeutung anderer Figuren erst wirklich kennen. Farah erzeugt durch dieses Changieren zwischen „Action“, ja, man muss es so nennen, und Charakterstudien eine hohe Dichte bei konstantem Fluss.
Die Frauen-Netzwerke organisieren alles mögliche, sichere Unterkunft für Gewaltopfer, ärztliche Hilfe oder eine Genossenschaft, die aus Zuwendungen von Exilanten einen Mehrwert schafft. Mit einem Bein stehen auch sie immer im Krieg. Auch sie beschäftigen ehemalige Armee-Angehörige als Bodyguards und als Geleitschutz für ihre Allrad-LKWs. Sicher, Cambara kann mit Dollars rumschmeißen, und auch den Frauen-Netzwerken scheint nie das Geld auszugehen. Das wirkt alles ein bisschen surreal. Doch geht es Farah um das Prinzip, nämlich das der kleinen, individuellen Schritte zu einer Verbesserung.
Die flirrende Atmosphäre des Buches ist meisterlich. Auf sprachliche Blumigkeiten verzichtet Nuruddin Farah völlig. Passend zum Projekt, das Hauptfigur Cambara gegen Ende durchziehen wird: innerhalb eines dreifachen Sicherheits-Kordons aus MP-bewaffneten Kindersoldaten, ehemaligen Armee-Angehörigen und schließlich den „Technicals“, das sind Kampfwagen, und nur mit handverlesenen Gästen.
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Besprochene Ausgabe: Suhrkamp | 2009 | 500 Seiten | Festeinband* | € 28,80
* Festeinband: harte Buchdeckel
/ Broschur: weiche Buchdeckel
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