'Grandma Tambo' hatte schon unzählige Orkane erlebt in ihrem Leben, an der Ostküste Afrikas, in Kenia. Gezählt hat sie die Hütten, die ihr schon weggeblasen wurden: vierzehn. Dieser Morgen nach dem Sturm bringt mal etwas Neues: eine recht unansehnliche, angespülte Leiche lehnt an einer Palme. Die bringt einiges in Fahrt in der Welt der Klein-Ganoven und Bosse im Nationalitäten-Schmelztiegel Mombasa mitsamt seinen europäischen Glücksrittern und Gestrandeten. Schließlich auch bei den global agierenden Drahtziehern...
Der Engländer Nick Brownlee gibt ein farbiges Bild der Ostküste Kenias mit allem Licht und mit allen Schatten. Kaum Einbußen an Gästen haben die Luxus-Hotels mit ihren von Sicherheitskräften abgeriegelten Strandabschnitten zu verzeichnen, nach der Präsidentschafts-Wahl 2007 und dem darauffolgenden Blutbad. Einige 'Ernies' bleiben jedoch seitdem aus; so bezeichnen die Führer von Hochsee-Angeltouren vor allem die Gringos, die sich nach einigen Stunden im „Kampfstuhl“ auf Marlin-Jagd vorkommen, als seien sie Ernest Hemingway, wobei sie mit ihren Dollars um sich schmeissen. Diese Menschen geben in wenigen Stunden Monatsgehälter der Einheimischen aus; auch Polizisten verdienen nicht viel, verdienen aber gerne etwas dazu. Das wird Brownlee auch erzählen, aber ohne Wertung, und in einem Fall sogar mit Verständnis.
Der englische Ex-Polizist 'Jake', der durch einen traumatischen Vorfall seinen Dienst quittierte, lebt seit sieben Jahren in Kenia und schlägt sich mit seinem Partner, einem Boot und einer schäbigen Büro-Hütte als 'Britannia Fishing Trips Ltd.' durch.
„Als ich damals in dieses Land kam, war eines der ersten Dinge, das ich zu sehen bekam, eine Leiche auf dem Highway von Mombasa [...] Sie war so flach wie ein Fladen aus ungesäuertem Brot, weil die Trucks und Autos einfach drüberfuhren, als wäre es ein toter Hund. Später habe ich erfahren, dass die Leiche fast zwei Tage dort lag, bevor die Polizeidienststellen in Mombasa und Malindi sich geeinigt hatten, in wessen Zuständigkeitsbereich sie fiel.“
Das Leben geht schnell in Mombasa, so sind die dicken Bandenbosse Anfang 20, die Nachwüchsler in der Pubertät und ihre Prostituierten Kinder. Die Banden versorgen so gut wie alle Staatsdiener mit besseren Einkommen: „So war es schon immer gewesen in dieser Stadt. Nur die Gesichter wechselten.“
So müsste sich Nick Brownlee wahrscheinlich fragen lassen, ob er am Tod eines Einheimischen einen ähnlich passablen Krimi hätte aufziehen können, am Tod einer Person, nach der kein Hahn kräht, die entweder innerhalb der Banden lästig geworden war oder den Burgfrieden mit der Staatsmacht zu sehr ausreizte. Er nimmt nämlich die - ihm als Engländer und auch in England Lebender - leichter zu beschreibende Variante, und lässt einen immigrierten US-Amerikaner unter mysteriösen Umständen ums Leben kommen. Die Figur Jake, der Ex-Engländer, tut sich mit einem der wenigen nicht korrupten Polizisten Mombasas zusammen - und so ergibt sich ein angelsächsisch-kenianisches Wesens-Gebräu seines Krimis. Aber das ist ordentlich, und mehr kann man vom „Beobachter“ Nick Brownlee auch nicht verlangen. Und seine, die post-kolonialen Verzerrungen ausnutzenden, Angelsachsen und Europäer stehen auch weit böser da als die Kenianer.
„In einem durchschnittlichen Monat reichte das Gehalt des Inspectors, um die Miete für seine Wohnung in Mombasa zu zahlen und seiner Frau Winifred genug Haushaltsgeld zu geben, dass sie davon essen konnten. Er wusste, dass er den Betrag durch Schmiergelder mit Leichtigkeit hätte verdreifachen können“
Die Stärke des Buches ist, zu zeigen, wie leicht man in Verbrechen reinrutscht, ohne sich klar zu machen, dass man, zumindest in einem Land wie Kenia, dann nicht einfach lebend wieder aussteigen kann und wie man, auf der Seite des Gesetzes stehend - fast - keine Wahl hat Korruption abzulehnen, in einem System, bei dem alle mitmachen.
Fast entschuldigen muss man die niederen Dienstränge der Polizei, die, um das Leben ihrer Familien zu schützen, monatlich Klecker-Beträge von den Banden annehmen, in einem System, das eben von sich aus keine Sicherheit bieten kann und angesichts eines globalen Systems, bei dem sich von Übergabe zu Übergabe illegaler Güter unermessliche Gewinnspannen ergeben, auf ihrem Weg in die reichen Staaten.
Besprochene Ausgabe: Knaur | 2009 | 394 Seiten | Broschur* | € 8,95
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