Für den Eingeweihten sind die Ernie-Witze schon Kult.
- „Entschuldigung“, meldete sich eine Stimme von hinten, „aber ich glaube, ich habe einen Hai gefangen.“
- „Okay.“
Ersteres gibt ein US-amerikanischer Gelegenheits-Hochseefischer von sich, einer jener, die sich gerne für wenige Dollars im Indischen Ozean vor der Küste Kenias fühlen wie Ernest Hemingway. Sie sitzen im Kampfstuhl des einzigen Bootes der „Britannia Fishing Trips Ltd.“, dessen Skipper 'Jake Moore' deshalb mit einem müden Okay antwortet, weil er weiß, dass seine Kunden schon beim Zug eines mittleren Thunfischs denken, sie hätten einen riesen Marlin oder eben einen Hai am Haken. Für Jake und Partner 'Harry' haben solche Kunden alle denselben Namen: Ernie.
Jake ist traumatisierter Ex-Bulle aus England, mittlerweile mit Land und Leuten Kenias vertraut, und kann immer noch nicht wegsehen, wenn er direkt mit Ungerechtigkeiten konfrontiert wird. Und das macht verdammt viel Mühe in der Großstadt Mombasa, immer wieder wegzugucken, um noch irgendwie dem Brotjob mit den Fishing Trips nachzugehen. Wenn Jake nicht mehr weggucken kann, greift er seinem kenianischen Freund Detective Inspector 'Daniel Jouma' unter die Arme. Freilich haben der Offizielle und der Ex-Offizielle unterschiedliche Herangehensweisen bei der Lösung der Kriminalfälle, in die sie hineinschlittern. Diese absurd erscheinende Konstellation vor dem Kulturen-Schmelztiegel Mombasa geben den bisher von Nick Brownlee erschienenen Krimis „Mord in Mombasa“ und „Die Spur der Hyäne“ ihr explosives, atmosphärisches Moment.
Da gibt es wieder das bunte Universum an Originalen mit denen sich die beiden Lebenskünstler der „Britannia Fishing Trips Ltd.“ umgeben: Die zahnlose Malayerin Suki Lo von Suki Lo's Bar am Flamingo Creek, die ewig grantelnde Boots-Mechanikerin Missy Merredith, die zwar Single ist, aber schon lange nicht mehr Missy, oder der Berber, der sich, obgleich seit 40 Jahren in der Stadt, standhaft weigert, etwas anderes als seine Heimatsprache zu sprechen. Was hat diese Stadt nicht schon alles gesehen: Portugiesen, Araber, Briten, Berber, Algerier, Marokkaner, Holländer, ach - und Ost-Afrikaner. Im Kulturengemisch gedeiht eine Melange besonders gut und lässt sich herrlich vermarkten: Christentum gepaart mit unbedingtem Fetischglauben.
Praktiken, die in Afrika Gang und Gäbe sind, wie etwa das rituelle Aufschneiden der Bauchhaut von Kindern zum Befreien von Dämonen, dürften Nick Brownlee bekannt sein, so lässt er in „Die Spur der Hyäne“ solches Inspiration sein für eine europäisch-stämmige Nonne, die sich ihr ganz eigenes Geschäftssystem ausgedacht hat. Doch das ist nur ein Strang des Buches. Brownlee bringt noch einen mächtigen britischen Bau-Magnaten und dessen missratenen Sohn ins Spiel. Lange bleibt in der Schwebe, wie das Tun der beiden zu bewerten ist. Brownlee fällt auf keinen Fall von vornherein über die Briten als die Bösen her. Klar, das Zukleistern der Küste mit Hotels hat seine Licht- und Schattenseiten ...
In beiden bisherigen Büchern kommt dem Kampf von wenigen, integren Menschen aus Polizei und Wirtschaft gegen die allgegenwärtige Korruption in Kenia ein besonderer Stellenwert zu. Immer wieder finden Brownlee 's Helden kleine, wenn auch riskante, Möglichkeiten sich der Spirale von Erpressung und Nötigung zu entziehen. Manchmal können sie allerdings nur Kompromisse eingehen, die aber besser als nichts sind. So muss sich Daniel Jouma's neue Vorgesetzte Superintendent 'Elizabeth Simba' mit einem Protegé des Bürgermeisters rumärgern, der ihr in die Ermittlungen um eine Reihe scheinbar zusammenhangloser Morde pfuscht. Jouma selbst begegnet wieder seinem Erzrivalen 'Mugo', ein Polizist, der gerne falsche Geständnisse aus seinen Opfern herausprügelt, um schnelle Erfolge vorzuweisen.
Jouma hatte sich so daran gewöhnt, dass die einflussreichen Posten in Kenia mittels Bestechung oder Stammeshierarchie vergeben wurden, dass er es fast schon erfrischend fand, es mal wieder mit einem Fall von guter alter Vetternwirtschaft zu tun zu haben.
Jouma's neuer Partner bei der Polizei von Mombasa ist ein sympathischer 1,90 Meter großer Kenianer, der in Oxford ausgebildet wurde: Detective Constable 'David Mwangi'. Mit dieser Figur freundet sich der Leser schnell an, der Erst-Leser von Nick Brownlee wird jedoch zu Anfang des Romanes keine Freude an der Art und Weise haben, wie er die Figuren aus dem Vorgänger-Werk nur kurz umreißt, und aber doch in manchen fortgeführten Handlungssträngen mehr Wissen aus diesem voraussetzt. Dieses Ineinanderschieben von alter Handlung und komplett neuer ist eine Gratwanderung, die Brownlee nur leidlich meistert. Leider kann sf magazin die Wirkung letztlich nicht objektiv beurteilen, da wir beide Handlungen kennen. Doch ein wenig Vorstellungsvermögen und anfänglich aufmerksames Lesen wird erforderlich sein, falls man dies nicht tut.
Doch ist es auch die Kompaktheit des Stils, der, bei allem Humor, Nick Brownlee ausmacht. Es gibt keine künstliche Streckung auf den 390 Seiten. Aufmerksames - und aufgeregtes - Lesen ist also sowieso Pflicht. Im Showdown sind Jake Moore und Daniel Jouma dann schließlich mal wieder ganz auf sich alleine gestellt, nachdem sie sich mit einer faszinierenden Schar Verdächtiger afrikanischer und europäischer Herkunft auseinandersetzen mussten - eine Bande von Hippies eingeschlossen, die sich gegen die Räumung eines Dorfes einsetzen, an dessen Stelle ein Hotel entstehen soll. Aktualität und Authentizität besitzt das Buch in Hülle und Fülle. Also - was hindert einen, mal in Kenia Urlaub zu machen? Man wäre ein Ernie!
Besprochene Ausgabe: Knaur | 2010 | 400 Seiten | Broschur* | € 8,95
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel
1. Horst Eckert: Schwarzer Schwan (2011)
2. Urban Waite: Schreckensbleich (2011) - Orig.: The Terror of Living (2011), engl.
3. Yassin Musharbash: Radikal (2011)
4. André Meier: Letzte Losung (2011)
5. Sara Paretsky: Hardball (2011) - Orig.: Hardball (2009), engl.
Robert Ludlum, Eric van Lustbader:
Das Bourne Duell
Heyne, Festeinband
Linwood Barclay:
Weil ich euch liebte
Knaur, Broschur
Thomas W. Young:
Freeze - Gefangen im Eis
Piper, Broschur
Elisabetta Bucciarelli:
Ich vergebe dir
btb, Broschur
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