"Klar doch, große feindselige Außerirdische, die Geschmack an Menschenfleisch finden", sinniert Commander 'Jebel' kurz nach dem ersten gründlich gescheiterten diplomatischen Treffen. Ein Szenario, das sogar jeder B-Movie-Produzent abgelehnt hätte, denkt er. Doch Autor Neal Asher ist gottseidank kein solcher. Er haut sofort los. Nach zehn Buchseiten fliegen Gedärme und rauchende Gliedmaßen umher, schmelzen Panzerplatten, kann kaum noch jemand atmen in der von brennendem Isoliermaterial rauchgeschwängerten Luft. Der Botschafter der Menschen hängt zappelnd in der Luft, an der Hüfte gepackt von der Klaue eines Pradors - einer gepanzerten, krebsartig anmutenden Spezies. Die Schere klappt alsbald auch zu und erzeugt zwei Botschafter, als die Situation vollends außer Kontrolle ist und die Prador vorläufig den Rückzug antreten.
Solch ein Zusammentreffen sich völlig Fremder mit beinahe unendlich viel Unabwägbarkeiten ist ein klassisches Szenario, etwa gerne angewandt, wenn im Western zwei Banditenfraktionen irgendetwas austauschen wollen. Warum verhandeln oder bezahlen, wenn's auch mit Gewalt geht. Asher zelebriert dieses Momentum mehrfach in "Prador Mond". Dessen Eigendynamik ist ähnlich dem Roulettespiel, und vielleicht entwickelt es durch seine Variationsbreite die Faszination fürs Erzählen in Film oder Buch. Neal Asher beherrscht es jedenfalls mal wieder - wie in allen seinen Büchern - meisterlich.
Asher sei es gegönnt, einen Großteil seiner Romane mit viel Tech-Babble und vor allem expliziter Gewaltdarstellung zu füllen. Es passt in ihre gründliche epische Strukturierung und wartet stets mit Unterfütterung durch die moralischen oder unmoralischen Motivationen der Protagonisten auf. Klassiker H. G. Wells etwa, baut zwar in seinem "Krieg der Welten" über zwei Drittel hinweg eine schon äußerst beklemmende Stimmung auf, die aber ihre endgültige Düsternis erreicht, wenn auch er, freilich dezenter als Asher, konkreter schildert, was Menschen körperlich erleiden. Und natürlich spielt "Prador Mond" in einer sehr fernen Zukunft, in der sich die Menschheit mithilfe von Masse-Portalen und Beherrschung von Subraum-Reisen weit ausgebreitet hat.
Schon mal einen gefühlten Vorgeschmack geben auf die Verschmelzung von fleischlichem Hirn und Denken mit dem einer Künstlichen Intelligenz mittels wie auch immer geartetem Interface, gehört zum Handwerkszeug eines Science-Fiction-Schriftstellers. Schmunzeln lässt in "Prador Mond" ein Schiffskapitän, der eingekapselt und neuronal verbunden zusammen mit der Schiffs-KI ein kilometerlanges Schlachtschiff steuert. Eigentlich wäre dieser beschleunigungsempfindliche Fleischbalast gar nicht nötig. Doch aufgrund der entstandenen Krise, war es nicht schnell genug möglich, in dem Oldtimer die Befehlskettenstruktur umzubauen, die - wie zur damaligen Bauzeit üblich - einen menschlichen Befehlsgeber vorschrieb, da man noch gewisses Unbehagen gegenüber Künstlicher Intelligenz bewahrte ...
Die Dimensionen der Grausamkeit machen sich beim Leser durch eine einfache Wahrnehmungsumdrehung manifestierbar, die schon H. G. Wells anwandte: Er lässt die Marsianer die Menschen mästen - das, was normalerweise der Mensch etwa mit dem Hausschwein tut. Die robusten Prador wundern sich über das Gequieke ihrer menschlichen Gefangenen, ihr ständiges Blutverlieren, wenn man sie nur leicht ankratzt, und dass sie es einfach nicht lange machen, wenn man ihnen irgendeine Gliedmaße abtrennt. Das Gespenstische ist ja, dass die Lautäußerungen für die fremde Spezies keine Bedeutung haben, wenn sie etwa Gefangene an den Händen zusammengetackert anstatt zusammengebunden abführen ...
Ach ja, das Oldtimer-Schlachtschiff heißt "Occam Razor" (sic!). Schaumer mal, ob es eine Lösung findet, zusammen mit Commander Jebel, Golem 'George' und der Runcible-Technikerin 'Moria', in einem totalen Krieg, in dem es schlicht ums Überleben geht.
Besprochene Ausgabe: Bastei-Lübbe | 2011 | 285 Seiten | Broschur* | € 6,99
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2. J. L. Bourne: Tagebuch der Apokalypse (2010) - Orig.: Day by day Armageddon (2009), engl.
3. Caragh O'Brien: Die Stadt der verschwundenen Kinder (2011) - Orig.: Birthmarked (2010), engl.
Markus Stromiedel:
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John M. Cusick:
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