Neal Asher - Der eiserne Skorpion: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur

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Neal Asher Der eiserne Skorpion

Neal Asher - Der eiserne Skorpion (2010) - Orig.: Shadow of the Scorpion (2008), engl.

Die Verstümmelten im Körper-Geist-Dualismus
Neal Asher hüllt die absurde Frage nach Moral im Krieg und die nach der Leidensfähigkeit der Künstlichen Intelligenz in brutale Military-SF.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 22.07.2010
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Die Bauern sollen sich gefälligst auf den Klimawandel einstellen, sagt heute die deutsche Verbraucher-Ministerin zu den Ernteverlusten, die im schon seit Jahren versteppenden Brandenburg voraussichtlich bis 30 % betragen werden. Dass sich in einigen Jahrzehnten die letzten Häuflein Menschen um restliche bewohnbare Flächen in Pol-Nähe balgen könnten, ist jedoch Neal Asher 's Thema nicht. Seine Menschheit hat sich ins All ausgebreitet; freilich, eine Illusion hat der zukunftsgläubige Techie Asher auf keinen Fall: dass kriegerisches Gerangel um Territorium, und sei es ein galaxie-weites, jemals aufhören würde, in egal welcher Zukunft.

So geht er der Frage nach, wie Held 'Ian Cormac', bekannt aus anderen seiner lose miteinander verknüpften Bücher um den Planetenbund "Polis", das werden konnte, was er ist: ein beinahe emotionsloser Vollstrecker der Ordnung im Namen der "Earth Central Security". Das Buch kann gut eigenständig gelesen werden, denn zwei kunstvoll verwobene Erzählstränge schildern Kindheit und Feuertaufe des jungen Soldaten Cormac. Doch vertritt Brite Asher in seinem Defensiv-Krieg-Szenario ein Auge um Auge, Zahn um Zahn, und begründet dies, manchmal im Subtext, manchmal direkt. Wem das nicht liegt, sollte im Zuge des Beatles-Jubiläums besser zum neuen Buch über John Lennon greifen.

Eine Kriegsdrohne namens 'Amistad', in Form an titelgebenden eisernen Skorpion erinnernd, spielt diesmal das mythisch angehauchte Element aus, mit dem Asher gerne einen vorerst nicht greifbaren, nicht einschätzbaren Feind ummantelt. Man hört davon, entweder aus ferner Vergangenheit, von weit her, oder beidem. Besonders Kind Cormac lebt in der Verklärung dieser metallenen Ungeheuer, die im zuletzt gefochtenen Krieg eine tragende Rolle spielten. "Es gibt nur wenige davon", wird ihm später als Erwachsener mitgeteilt. Aber die Drohne weiß viel über Cormac 's gefallenen Vater und über Cormac selbst ...

Einer Prozession Verstümmelter, die Stümpfe zur späteren Behandlung in regenerierendes Nano-Gewebe gepackt, sieht sich schon Kind Cormac gegenüber. Später wird ihn Asher begleiten, wenn er selber das Tun erlebt, was zu solchem führt. Er wird mannigfache Arten des Tötens sehen und selber töten. Zwei ihm nahestehende Kameradinnen - eine menschlich, eine ein "Golem"; so bei Asher Androiden in perfekter Menschen-Emulation - verliert er innerhalb kürzester Zeit. Er selbst muss andere töten, mit denen er noch kurz zuvor in einem verdeckten Einsatz auf der selben Seite kämpfte. Cormac kann die abstumpfende Wirkung durch die unabdingbare Verfolgung der Ziele eines Krieges noch gar nicht begreifen, wenn er sich etwa vorher fragt, ob er wohl zögern wird, diese Bekannten zu töten. Er ist nur wenig bestürzt, als er es getan hat. Er tröstet sich damit, dass die anderen ohne zu zögern den Schneidbrenner angeschmissen hätten, um Informationen aus ihm herauszufoltern, falls es andersrum gekommen wäre. "Der eiserne Skorpion" ist düster und illusionslos im Aufzeigen dieser Maschinerie, freilich, es ist SF, und so hält es uns auch mit der zweifelhaften Faszination an zukünftiger (Tötungs-)Technik oder den Implikationen fortgeschrittener Medizin-Techniken bei der Stange. Ein Oberschenkel ist schnell vom "Auto-Doc" wieder perfekt zusammengedengelt, doch deaktiviert der absichtlich nicht alle Nervenbahnen und lässt den Verletzten auch alles beobachten; der soll ja nicht dem Leichtsinn verfallen.

Nicht nur bei den KIs, auch beim Fleisch-Menschen ist es möglich, unliebsame Erinnerungen zu löschen, zu "editieren", wie es bei Asher heißt. Die Cormac näherstehenden KIs werfen ihm immer wieder vor, er würde sie nicht für voll nehmen, da er der altmodischen Ansicht fröne, nur im fleischlichen Batzen namens Gehirn sei die Entstehung von Gefühlen ernstzunehmen. Cormac wird eines Besseren belehrt werden. Und Asher 's Implikationen zum Thema Leid, Vergessen und zur Summe der Erfahrungen im Sinne der Gedächtnistheorie sind bemerkenswert. Aber eben auch die finsteren Ausführungen zu Tod und Folter sowie manch Cliffhanger, der dem Leser den Atem raubt.

Mit dem emotionslosen Cormac und den umso empathischeren KIs ist "Der eiserne Skorpion" eines der eindringlichsten Bücher Neal Asher 's geworden.

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Besprochene Ausgabe: Bastei-Lübbe | 2010 | 366 Seiten | Broschur* | € 8,99
 
* Festeinband: harte Buchdeckel
  / Broschur: weiche Buchdeckel

 
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