Mustafa Faizade - Libellenfänger - Afghanische Erinnerungen Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur

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Mustafa Faizade Libellenfänger - Afghanische Erinnerungen

Mustafa Faizade - Libellenfänger - Afghanische Erinnerungen (2009)

Kandahari-Paschtunen, Kabuli-Jungen und Cheri Cheri Lady
Der 33-jährige Münchner Mustafa Faizade blickt zurück auf seine Kindheit in Afghanistan, während der die bis heute andauernde Katastrophe über das Land hereinbrach. Sein anschließender Fluchtbericht ist ein Blick in die Hölle, in das perverse Geschäft des Schleusertums.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 27.12.2009
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Flucht, in der düstersten inhaltlichen Bedeutung des Wortes, ist Thema von „Libellenfänger - Afghanische Erinnerungen“. Wie es dazu kommt, so etwas auf sich zu nehmen und wie es sich ausformt und anfühlt, wenn die Sache angetreten ist. Wie es sich anfühlt, in null Grad kalten Kellern in irgendeinem Ex-Ostblock-Land neben den Exkrementen der Mit-Flüchtlinge auszuharren und nicht zu wissen, wann die Schleuser wieder auftauchen oder ob überhaupt; mit Lungenentzündung auf einer Matratze liegend, die schon mehrere Wellen der bis hierhin überlebenden Kunden gesehen hat - behindert ein zu kranker Flüchtling die Schleuser-Operation, verschwindet er erschlagen auf Niemehrwiedersehn.

In die Goldenen afghanischen Siebziger hinein wird Mustafa Faizade 1976 geboren. Man gibt sich westlich, man trägt edle Anzüge, Frau trägt Mini-Rock und man fährt immerhin einen VW „Käfer“. Inwieweit sich die Verhältnisse in der afghanischen Gesellschaft ohnehin, ohne Zutun eines einschneidenden Ereignisses, mittelfristig radikalisiert hätten ist eine hypothetische Frage - denn 1979 besetzt die Rote Armee das Land.
Rasend schnell erwachsen werden Mustafa, bester Freund 'Roschan' und Konsorten. Man genießt zwar Schulbildung, pflegt aber gleichzeitig diverse „Businesses“ mit den sowjetischen Soldaten. Die brauchen Dope, Zigaretten, Digitaluhren, Jeans, Alkohol. Die Gegenleistungen sind Geld, Kraftstoff, Munition und bei den etwas älteren Jungs eine ungestörte Stunde mit russischen Marketenderinnen. Freund Roschan eignet sich das typische Hazardeurtum der Kriegszeiten an und verzichtet auf Tauschgeschäfte. Er klaut tonnenweise Diesel und riskiert dabei jedesmal seine Erschießung. Mit dreizehn Jahren sitzen beide auf vielen tausend Dollars; Mustafa investiert in eine Geflügelfarm, Roschan verwirklicht seinen Traum von einer eigenen Mode-Boutique.

Doch nach Abzug der Sowjets 1989 verschlechtert sich die Lage für Jungs in Mustafas Alter. Denn genau das Alter spielt für die sich gegen die Glaubenskämpfer wehren müssende Marionetten-Regierung keine Rolle, wenn sie von der Straße weg Jugendliche zum Armee-Dienst rekrutiert. Ein Volk kämpft nun endgültig gegen sich selbst, spätestens nach dem Sturz der Regierung Nadschibullah 1992. Von außen schüren und beeinflussen dies seit Jahren saudische Wahabi, die in der pakistanisch-afghanischen Grenzregion Madrassen - Koranschulen - betreiben lassen. Mustafa kriegt seit Mitte der Achtziger mit, wie Bekannte und Verwandte nach dorthin verschwinden und als gehirngewaschene Fanatiker zurückkehren. Freund Roschan wird später Taliban werden.

Ein paar Jahre kann Faizade Senior als hoher Regierungsbeamter immer wieder schützend die Hand über Mustafa legen. Dann wird er ermordet. Mustafas Flucht beginnt.
Das Geschäft mit einem ersten Schleuser mißlingt spektakulär. Mustafa verliert 13.000 DM ohne jede Gegenleistung. Aus ist der Traum von einem sicheren Flug in die USA. Anstelle tritt jetzt eine Odyssee über Land Richtung Paris. Eingestreut in Mustafa Faizades Erzählung sind Informationen über die Zersplitterung der Afghanen in Volksteile, die alle anderen Volksteile verachten und solche, die mit allen anderen gut können. Der Jugendliche Mustafa reagiert entsetzt auf die Feindseeligkeit, die ihm schon entgegenschlägt, kaum dass er sich eine Großstadt weiter von seiner Heimatstadt Kabul entfernt hat, nämlich bis nach Kandahar. Auf damals sicher traumatisch wirkende Szenen - wie etwa die Kandahari-Mullahs, die zu einem Dieter Bohlen-Video onanieren - kann Mustafa Faizade mittlerweile schmunzelnd zurückschauen.

Anfangs wirkt die naiv-kindliche Erzählweise Mustafa Faizades leider ermüdend für den Erwachsenen. Seine Stärke erweist dieser spröde Stil jedoch im Fortlauf, wenn Faizade seine Leser ohne geschliffenes Wortwerk gegen die Unmenschlichkeit des Mechanismuses Flucht prallen lässt, wenn der Leser Fußwanderungen bei Minusgraden mitertragen muss und die Entmenschlichung der Schleuser sowie letztendlich der Flüchtenden untereinander, die sich zwischen Kampf um die eigene nackte Haut oder Mitgefühl entscheiden müssen.

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