Die Frauen in den Geschichten, die der in Istanbul lebende Murathan Mungan aufzeichnete, sind uns manchmal sehr nah, wir sympathisieren mit ihnen, manchmal versuchen sie sich im materialistischen Glanz ihrer in guter Partie geheirateten Ehemänner zu sonnen und sind doch in schizophrener Weise unglücklich, sodass wir sie mehr bemitleiden als dass wir sie verachten, und manchmal führen sie ein Leben, das noch ganz im Patriarchat alter Schule wurzelt und müssen sich, wenn schon nicht an Gold und Geld, an der Häuslichkeit von Häkeldeckchen und Porzellan-Schwänen erfreuen. Große Unterschiede im Bezugsgeflecht Tradition und Modernität scheinen sich verorten zu lassen innerhalb der Türkei: Jede der Geschichten spielt in einer anderen Stadt, verteilt quer durchs Land, von Istanbul über Kayseri bis Diyarbakır.
Seinen moderner lebenden Figuren gibt Murathan Mungan gerne eine nebulöse Vergangenheit mit politisch linken Aktivitäten und gar Gefängnisaufenthalten. Andersherum passiert das nicht. Es kommen keine ehemaligen Junta-Sympathisanten vor. Doch wird auch diese Lebewelt gestriffen, als eine gerade in Diyarbakır recherchierende Journalistin eine Freundin aus Kindertagen trifft, die dort mit ihrem Ehemann, einem Terror-Fahnder, lebt... Noch während des Gespräches der beiden Frauen im Cafe türmt sich eine unüberwindbare Mauer zwischen ihnen auf; „An der Stadtmauer von Diyarbakır“ nennt Mungan diese Story erstmal unverfänglich.
Wie auch ein anderes Wiedertreffen eines dieser fremdartigen wird. Über die Ich-Erzählerin erfährt man gar nicht soviel. Doch ihr Nachmittag mit 'Gülsüm', einer alten Freundin ihrer Schwester, erzeugt in ihr erst Abscheu und dann Empathie. Gülsüm zelebriert das Vorzeigen ihrer Errungenschaften reicher Mann und nobles Haus als Werbeverkaufsshow. Als sich ihre innere Leere schon offenbart hat, setzt sie noch eins drauf und führt der Erzählerin im Wohnzimmer einen Bauchtanz vor, den sie lernte, weil sie in einschlägigen Lokalen bemerkt hätte wie sehr ihr Mann darauf stehe. Mungan kleidet das Absurde und Groteske in schlichte Worte. Gülsüm wird gegen Ende noch weinend zusammenbrechen.
Irre schnell und als Kondensat beschwört Murathan Mungan in seinen Kurzgeschichten ganze Lebensläufe herauf, manchmal lässt er auch in einem Absatz eine Figur entstehen.
Wie viele Mädchen ihrer Art war sie darauf aus, so schnell wie möglich zu heiraten und Kinder zu bekommen. Sie hatte einen einfachen Geschmack, vertrat durchschnittliche Ansichten, hatte ihre Vorzüge und wusste sich zu bescheiden.
Oder die erfolgreiche 'Esme', die nicht zuhause rumsitzen und auf den Ehemann warten wollte, die sich jetzt aber in einer Rolle befindet, die sie so auch nicht haben wollte: Nämlich die Rolle der Geschäftsfrau, die immer zu spät nach Hause kommt, und sich so fortwährend bei Mann und Kind entschuldigen muss. Das Zurückblicken in der Zeit, die Veränderungen bei den Freunden und Verwandten und das Weggehen aus der Heimat - im Sinne von aus der Geburtsstadt weggehen - sind Grundgerüste in fast allen Geschichten. In der um die Intellektuelle 'Nazan', die sich bei einem letzten Besuch in der nun leeren Wohnung der verstorbenen Freundin und Zieh-Mutter an diese zurückerinnert, brechen sich Wehmut und nüchterne Sprachgewalt Mungans am besten Bahn. Gut auch in der um die Gerichts-Ärztin 'Sevgi', die sich an ihre aus armen Verhältnissen stammenden Eltern erinnert, die eher nicht wollten, dass Sevgi so weit in die Sterne reicht, aus Angst, sie könnte sie irgendwann verachten. Daran denkt sie während sie in einer armen Gegend ein Mädchen von dem Strang befreit, mit dem es sich aufgehangen hatte.
Freilich bringt er uns auch in Rage, wenn wir schon wieder auf so ein Frauchen treffen, deren Lebensblase zerbricht, weil ein Besuch einen Nippes-Schwan zerstört. Wir ertragen es kaum. Doch ist es eben da und Mungan schreibt es auf. Und verbreitet es und man kann darüber reden. Das ist gut.
Besprochene Ausgabe: Blumenbar | 2010 | 352 Seiten | Festeinband* | € 21,90
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel
2. Jonas-Philipp Dallmann: Notschek (2011)
3. Gavin James Bower: Dazed & Aroused (2009)
4. Ron Leshem: Der geheime Basar (2011) - Orig.: Megilat zchujot hajareach (2009), hebräisch
Martin Amis:
Die schwangere Witwe
Hanser, Festeinband
Shumeet Baluja:
Silicon Jungle
suhrkamp nova, Broschur
Moti Kfir, Ram Oren:
Sylvia Rafael. Mossad Agentin
Arche, Festeinband
Martin Amis:
1999
Rowohlt, Festeinband
Sorj Chalandon:
Die Legende unserer Väter
dtv premium, Broschur
Douglas Coupland:
Eleanor Rigby
Hoffmann und Campe, Festeinband
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