Googelt man Autor Miron Neghabian, gelernter Mediziner und Deutscher mit iranischen Wurzeln, so stößt man auf seine Doktorarbeit „Medizinische Aspekte im Werk von Max Frisch“. Seine Figur 'Mishu' - oder auch 'Herr Martin', je nach einer ihrer zwei Identitäten - hasst die Schweiz. Aber diese Figur würde jedes Land hassen, in ihrem Überlegenheitswahn. Doch dazu später.
Irgendwie hat es seine sich kapitelweise abwechselnden zwei Hauptfiguren ganz schön aus der Bahn gebrettert. Da ist besagter Herr Martin/Mishu und Herr Schiller. Der eine lässt sich turnusmäßig einweisen in die Psychatrie, eigentlich schon sein Leben lang, den anderen haut eine zuende gegangene Beziehung um, aber das war auch nur der Tropfen, ... Sie wissen schon; anstatt zu zweit, fliegt er alleine in Urlaub, unter anderem verbringt er zehn Tage in einem buddhistischen Kloster. „Herr K. und der Schnee“ kommt langsam in Schwung, doch gewinnt schnell Dürrenmatt-Format und nimmt Klamaukanleihen bei Lars von Triers „Idioten“.
Doch arbeitet der Roman mit einer eleganten Halbierung, soviel muss man verraten. Nach zwei Wochen ist es mit Herrn Martins Psychatrie-Aufenthalt vorbei und zeitgleich tritt Schiller wieder aus den Klostermauern heraus. Erst dann eigentlich, in der zweiten Hälfte des Romans, lernt man die beiden besser kennen.
Schräg scheint Herr Marin schon, doch seine erste Einweisung mit 13 Jahren war ein Zufall aufgrund eines missverstandenen Abschiedsbriefes. Doch die Masche lässt den arbeitslosen Möchtegern-Schriftsteller nicht mehr los. Um sich von seinem Arbeitsagenturbetreuer nur nichts aufdrücken lassen zu müssen, ist er mittlerweile geübt im Simulieren von Krankheitszuständen. Meist fährt er mit einer phobischen Störung ganz gut, weil einfach zu merken - SAAT: Schwitzen, Atemnot, Augenflimmern, Todesangst. Mal muss man auch variieren zur Depression - zweites SAAT: Schlafstörung, Appetitverlust, Antriebsschwäche, Traurigkeit. Seine behandelnde Ärztin lässt offen, ob sie den Betrug durchschaut - verschmitzt wie sie ist -, ungewollt muss sich Herr Martin Sachen an den Kopf knallen lassen, die dem Zyniker tatsächlich eine Narzistische Persönlichkeitsstörung bescheinigen, ihn selbst als „Opfer der eigenen Überlegenheit“ etikettieren. Das hat natürlich Gründe...
Schiller scheint das Gegenteil von Martin: Erfolgreicher Arzt, der auch die Dinge macht, mit denen man vermeintlich das Leben spürt: die Kurztripps mit Partnerin in europäische Städte, zu Freunden oder auch einfach so, den regelmäßigen Sport im Club zweimal die Woche, den Skat-Abend, die Fernreisen in die letzten Paradiese - aber mit allem Komfort sollte es sein -, die Besuche bei den Verwandten eher kurz haltend, aber gehört halt auch dazu. Seine Verlobte ist weg und er sitzt im Kloster in Birma und scheuert sich die Hüftknochen wund auf der Rattanrolle, die auf seinem Betonbett liegt. Sprechen darf er nicht, doch der Abt darf, mit seiner eigentümlichen Verleugnung des Ichs: "No me, no mine..." ist sein ödes Mantra. Nach pharmainduzierter Erleuchtung am letzten Tag wird Schiller das zuviel. Eine Affäre im benachbarten Bangkok gibt ihm den Rest... Heimatliche Arroganz und Selbstsicherheit bröckeln.
Ja, Neghabian basht auf die Borderliner, bei denen immer am meisten Tumult ist, auf die Magersüchtigen, so auf Mila, die „heulte den halben Vormittag lang, weil sie offenbar mehr zugenommen hatte als Bea“, und macht Klamauk aus den regelmäßigen, illegalen Kneipentouren ins Dorf, die sich die Insassen gönnen. („Einige von uns sind ziemlich schnell betrunken, was wahrscheinlich mit den Medikamenten zu tun hat.“) Dabei lehrt uns Miron Neghabian aber, dass wir uns nie zu sicher fühlen sollten oder anderen überlegen. Zu schnell kommt's anders... Und wer wer ist im Roman, bleibt auch noch abzuwarten.
Besprochene Ausgabe: Dresdner Buchverlag | 2009 | 179 Seiten | Festeinband* | € 17,90
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel
2. Jonas-Philipp Dallmann: Notschek (2011)
3. Gavin James Bower: Dazed & Aroused (2009)
4. Ron Leshem: Der geheime Basar (2011) - Orig.: Megilat zchujot hajareach (2009), hebräisch
Martin Amis:
Die schwangere Witwe
Hanser, Festeinband
Shumeet Baluja:
Silicon Jungle
suhrkamp nova, Broschur
Moti Kfir, Ram Oren:
Sylvia Rafael. Mossad Agentin
Arche, Festeinband
Martin Amis:
1999
Rowohlt, Festeinband
Sorj Chalandon:
Die Legende unserer Väter
dtv premium, Broschur
Douglas Coupland:
Eleanor Rigby
Hoffmann und Campe, Festeinband
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