21.11.2017   Rezension, Buchbesprechung, Buchkritik   Literatur, Buch, Kritik         Michelle Haimoff - Die besten Tage unseres Lebens: Buch Kritik Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchtipps Bestseller   
Michelle Haimoff - Die besten Tage unseres Lebens: Buch Kritik Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur
 

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- Die besten Tage unseres Lebens

(2014) - Orig.: These Days Are Ours (2012), engl.
Sicherheit ist ein Sehnsuchtsort
New Yorkerin Michelle Haimoff schildert gutsituierte Anfang-Zwanzigjährige, die versuchen, ihr Zwangskorsett der Lebensplanung zu zerreißen, nicht wissend, ob sie es selbst angelegt haben oder hineingezurrt wurden. Ein brillanter Roman, mit Not auf hohem Niveau, in würdiger, etwas biederer Nachfolge von "Unter Null".  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 10.05.2014
Michelle Haimoff - Die besten Tage unseres Lebens
Zoom Michelle Haimoff - Die besten Tage unseres Lebens

Dinge hallen nach. Das geht sogar rückwärts aus der Zukunft. Michelle Haimoff ist jetzt in ihren Dreißigern und sie hat in der Stadt der Städte die bisherigen Metakatastrophen des 21. Jahrhunderts erlebt: 9/11 und Lehman. Für die Ängste und Sorgen ihrer Roman-Schützlinge hat das Rückkopplungen. "Die besten Tage unseres Lebens" spielt sechs Monate nach 9/11, und sie können noch gar nicht wissen, dass ihre Schöpferin Haimoff beim Schreiben ihrer Geschichte schon wieder eine Rezession durchlebt hatte - die nach Lehman (das Original erschien dann 2012). Schön stellen etwa ihre Figuren Berufsbilder im Finanzbiz in Frage, die im Jahre 2002 noch gar nicht unbedingt in Verruf waren. Doch ihr Buch geht ins Universellere: Die Helden straucheln und strampeln um Lebensfindung direkt nach College oder University, sind ziemlich exakt alle 23, hängen vielleicht noch ein spezielleres Studium hinten dran, und sind mit eher konservativer Familiengründungsdoktrin ausgestattet. Einengung macht Michelle Haimoff im Status ihrer Clique: Die Eltern sind alle wohlhabend bis reich.

So kann die Vernarrtheit von Hauptfigur 'Hailey' in den angehenden Anwalt 'Brenner' durchaus befremdlich wirken. Doch Haimoff wird ihre Tagträumereien (und Taten) ihm bezüglich sehr genau in der Mitte des Buches beenden. Hailey wird kein Naivchen aus reicher jüdischer Familie bleiben, soviel sei versprochen. Es ist ein Vorteil, dass "Die besten Tage unseres Lebens" gekonnt einen Spagat vollzieht. Die Autorin hütet sich davor, ihre Twens in eine Bret-Easton-Ellis-Hölle zu setzen - so verloren sind ihre Schützlinge nun auch wieder nicht -, weiß aber ebenso, dass Sich-Abstrampeln im Leben nicht automatisch zum letztendlichen Jane-Austen-Glück führen wird. Bei Michelle Haimoff sind selbst die typischen Chick Lit- oder Romance-Themen auf einer kunstvollen Ebene angesiedelt. Wenn ihre Heldin nunmal wieder vom Full Monty Beruf, Ehemann und Kindern träumt, dann schließen sich jähe Brüche in lakonischem und elegantem Duktus an, die die Blase platzen lassen und dem Leser in den Magen hauen.

Der Zeitrahmen ist ein komprimierter. Es geht um wenige Tage. Das Gegenteil des Entwicklungsromans. Ein Zeiten- und Gemütsbild erschaffen anhand weniger Ereignisse. Doch Michelle Haimoff hat nichtmal Probleme damit, auf wenigen Absätzen eine komplette Vorstellungswelt zu erzaubern, etwa wenn der geschiedene Dad - auch aus der Familie mehr oder weniger ausgeschieden - Tochter Hailey beim Essenstreffen zum x-ten Mal die "Brautkleidgeschichte" erzählt.

Die Erwartungen der "New-York-City-Privatschulschiene" erörtern die Freunde oft selbstironisch in den Bars. Alle wohnen sie fast fussläufig aufeinander, von Upper West Side zu Greenwich Village oder Upper East Side bis Lower verteilt. Oder man absolviert "die jüdische Feiertagsrunde" an Pessah. Wollte Hailey direkt und sofort einen Job, bräuchten ihre einflussreichen Eltern oder deren Freunde nur ein paar Anrufe tätigen. Doch sie will nicht ...

Sie zelebrieren ihre Unentschlossenheit in allen Dingen; so hadern sie auch mit ihrer Stadt, oder ihrem Stadtteil Manhattan, eine weitere Hauptfigur in "Die besten Tage unseres Lebens". Manchmal ist es die beste Stadt der Welt, dann wiederum will man verschwinden - in eine unbenennbare Sicherheit an einem anderen Ort. Über die "Jetzt-erst-recht"-Rede von Tom Cruise bei den Oscars 2002 wird gelästert, aber mehr über das wie, als über die Aussage. Doch dann sagt man wieder, New York verlange zu viel ab, paradoxerweise den reich Geborenen überproportional viel, um als erfolgreich zu gelten, als anderen Schichten. "Die zeitlose Fantasie, New York zu verlassen", drückt es ein Anfang dreißigjähriger Personalmanager aus, der es in Augen von Bewerberin Hailey geschafft hat, sich aber doch als ganz anders entpuppt.

Vielleicht stellt man sich Heldin Hailey bildlich als Anna Kendrick vor, die US-amerikanische Schauspielerin, die in den vergangenen Jahren am perfektesten das All-American-Girl verkörpern konnte. Die Dialoge sind knapp und oft pointiert, aber nicht die größte Stärke des Buches. Das ist schon der Innere Monolog Hailey's zwischen den direkt gesprochenen Zeilen. Das sind ausgefeilte Sätze, elegant in Form und Gehalt und oft von hinten durch die Brust ins Auge. Oder wenn Michelle Haimoff sie mit einer Freundin das Unbeschreibliche beschreiben lässt: beide in Angesicht von Ground Zero.

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Besprochene Ausgabe: Manhattan  |  2014  |  336 Seiten  |  Festeinband*  |  € 17,99

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