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 24.05.2012         Michel Houellebecq - Karte und Gebiet: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchtipps Bestseller   
Michel Houellebecq - Karte und Gebiet: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur

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- Karte und Gebiet

(2011) - Orig.: La carte et le territoire (2010), französisch
Dämon Horst im Fotoautomat
Den Abgesang auf sich selbst selbst literarisch in die Hand zu nehmen, birgt nicht genügend Chuzpe: Im elegischen und inhaltslosen "Karte und Gebiet" lässt sich Michel Houellebecq als Romanfigur ermorden und reitet abgegriffen ein bisschen auf dem Kunstbetrieb rum. Der Prix Goncourt dafür wirkt wie der Hollywood-Alters-Oscar - allerdings ist der Autor erst Anfang fünfzig.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 08.04.2011

Der seit Langem nicht mehr in Frankreich lebende Michel Houellebecq behandelt seine einstige Heimat erstaunlich liebevoll in seinem jüngsten Buch. Nicht genug, dass sein Alter Ego im Lauf der Handlung wieder dorthin zurückzieht; ein Strang ergeht sich sogar im Entwurf einer Art neuen positiven Regionalismus des als Paris und Provinz verschrieenen Landes. Ein Unmut gegenüber der kulturnivellierenden Globalisierung zog sich bisher durch sein gesamtes Werk. Die französische Medien-Prominenz, die Houellebecq in Essays und Interviews gerne klar in Gut und Böse unterteilt, Hauptteil Letzteres, taucht in "Karte und Gebiet" zahlreich auf, genießt aber eher nichtssagendes Randdasein. Doch vielleicht genügte all dies der Prix-Goncourt-Jury, um den zeitgenössisch bekanntesten literarischen Sohn letztendlich mal auszuzeichnen. Oder sie zeichnete sich selber aus, indem sie kokettierend auf das Preisgeld von nur zehn Euro blickt, für ein Buch, das sich, wenngleich müde, mit der Unterordnung der Kunst unter den Kapitalismus beschäftigt.

So heißt denn eines der Gemälde von Hauptfigur 'Jed', Maler und Fotograf, "Damien Hirst und Jeff Koons teilen den Kunstmarkt unter sich auf". Dem steht etwa in selber Serie "Der Architekt Jean-Pierre Martin gibt die Leitung seines Unternehmens ab" oder "Bill Gates und Steve Jobs unterhalten sich über die Zukunft der Informatik" gegenüber. In einer weiteren Serie dokumentiert Jed "einfache" Berufe. Sein Anspruch: eine "objektive Beschreibung der Welt". Da schaut wohl Houellebecq, was Existenz und Arbeit bedeutet, und warum es der eine ganz hoch hinaus schafft, der andere weniger hoch. Ersteres scheint ihm im Kunstbetrieb zu willkürlich zu geschehen. Immer wieder reitet er auf den Neunziger-Jahre-Dinosauriern Koons und Hirst rum. Die Namens-Verunglimpfung und gleichzeitige Bewunderung Hirst's als Dämon Horst war damals hierzulande auf jeder Vernissage gang und gäbe; sein exemplarisches Auftreten in "Karte und Gebiet" als das Kunstmarkt-Böse schlechthin wirkt antiquiert. Das lehrt Houellebecq sogar selbst den Leser, wenn er in einem Exkurs zwischen Jed und dessen Vater das Anliegen der Präraffaeliten erklärt, die die freie Kunst ja schon seit dem Mittelalter für tot erklärten und ihren Abscheu gegenüber den Neuzeitlern Da Vinci oder Rembrandt ausdrückten, die in ihren Auftragswerkstätten vermutlich 50 bis 100 angestellte Maler für den Markt produzieren ließen. Es bleibt schal, das zum Thema eines ganzen Romans zu machen. Hinzu kommt ein eventuell bewusstes Stilmittel Houellebecq 's, das nach hinten los geht: Figur Maler Jed bleibt Künstler ohne Selbstreflexion. Was ihn antreibt, bleibt unerklärt. Denn interpretieren tuen ihn ja die Kritiker. Über den ganzen vierhundertseitigen Roman verteilt spricht er gefühlt unter hundert Sätze, meist kurze. Er ist ein Bartleby, gerne bleibt es auf interessierte Fragen bei einem "Ich bin mir nicht sicher". So kann man freilich nicht warm werden mit der Figur - das soll wohl so sein, sie soll eine künstliche bleiben - aber Lesevergnügen ist anders.

Da rein gedengelt kommt nun Michel Houellebecq als Romanfigur daher. Der berüchtigt-berühmte Autor soll das Vorwort zum Katalog der nächsten Ausstellung Jed's schreiben. Es klappt - nicht zuletzt durch seine tollen Worte verkaufen sich Jed's Bilder bald im Millionen-Euro-Bereich. Das ist also die Funktion der Figur: Ein schon Berühmter hypt den noch nicht Berühmten. Gut, schlecht? Egal. Hauptsächlich dient die Figur der Selbstreferenzierung und für den geübten Houellebecq-Leser dann leider als pain in the ass für ständige Selbstbeweihräucherung, getarnt als Kokettieren mit dem eigenen Unzulänglichen. Spezl Frédéric Beigbeder, realer Autor von zuletzt "Ein französischer Roman", darf freilich als völlig überflüssige Nebenfigur auch nicht fehlen.

Nicht einmal das Durch-den-Kakao-Ziehen der realen französischen TV-Prominenz während einer aufwändig organisierten Party gelingt. Klar benehmen sie sich daneben und die aufspielenden Neo-Volksmusikanten verschiedener Regionen sollen absurd wirken, doch das ganze Kapitel bricht so abrupt ab, als habe Houellebecq jetzt einfach keine Lust mehr gehabt. Der Love-Story-Strang um Michelin-PR-Frau 'Olga' endet so schnell wie er angefangen hat.

Im im letzten Drittel beginnenden Kriminal-Strang - die Figur Houellebecq wird ermordet; das geht schon seit Erscheinen des Originals durch die Presse, also verraten wir es auch an dieser Stelle - sagt der Kriminalkommissar, in über 90 Prozent der von ihm bearbeiteten Mordfälle wäre es um Geld gegangen. Die letzten paar Seiten von "Karte und Gebiet", die in die Zukunft und das Leben des alternden Jed führen, sind welche der wenigen, die im Buch mitreißen, das über die meisten Strecken zeilenschindend daherkommt. Der gewollte Gehalt bleibt aufgeblasen. Auf eine der tonangebenden Super-Galerien, die die Super-Künstler produzieren, kommen tausend kleinere, die sich und ihren Künstlern ein bescheidenes Bohèmien-Einkommen bescheren oder es gar aus Spaß an der Freude tun. Wer sich für eine Million ein Kunstwerk kaufen möchte, soll das tun. Der nächste ist mit einem für 50 Euro zufrieden. Das Business zu kritisieren ist so müßig, wie die Existenz von teuren Sportwägen zu hinterfragen.

Besprochene Ausgabe: Dumont | 2011 | 400 Seiten | Festeinband* | € 22,99


 

 

 

 
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel
 
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