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 24.05.2012         Michel Houellebecq - Ich habe einen Traum - Neue Interventionen: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchtipps Bestseller   
Michel Houellebecq - Ich habe einen Traum - Neue Interventionen: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur

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- Ich habe einen Traum - Neue Interventionen

(2010) - Orig.: Interventions 2 (2009), französisch
"Ich habe das Gefühl, ein paar innovative und glanzvolle Jahre mitbestimmt zu haben"
Müde ist er nicht, Houellebecq, kam doch gerade sein jüngster Roman auf Französisch heraus. Auf Deutsch trösten wir uns derweil mit einer Sammlung an Essays vorwiegend aus den Nuller-Jahren.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 22.10.2010

Nach "Die Welt als Supermarkt" von 2000 ist "Ich habe einen Traum - Neue Interventionen" der neue Essay-, Interview-, Vorworte- und Nachworte-Band, für alle, die nicht ständig alle wichtigen französischen Kultur-Zeitschriften abonniert haben. Die Palette reicht von einer liebevoll-zärtlichen Hommage an den Musiker Neil Young bishin zum gewohnten Linken- und Philosophen-Bashing aus den Zeiten der härtesten Diskurse um die Person Houellebecq sowie seiner Mitstreiter der "Neuen Generation" oder der Liste der "Neuen Reaktionären".

Im Gespräch mit Gilles Martin-Chauffier und Jérôme Béglé erläutert Houellebecq, wie Mitte der Neunziger das vom Taschenbuchverlag J'ai lu eingeführte Etikett "Neue Generation" zuerst alle Beteiligten genervt habe, seien sie doch alle zusehr Individualisten gewesen. Nachträglich betrachtet sei es die Wahrheit gewesen. Houellebecq 's "Ausweitung der Kampfzone" war erschienen, Vincent Ravalec, Guillaume Dustan und Maurice G. Dantec traten in Erscheinung. Philippe Djian sei Vorreiter, wenn auch mit geringem Einfluss, gewesen. Die Interviewer und Houellebecq sind sich einig, dass diese innovative Phase etwa zehn Jahre angehalten hat und die Französische Literatur wieder auf ein geglättetes Mittelmaß abgesunken sei. Houellebecq begründet, unter anderem unter Zuhilfenahme der großen französischen Literaten des vorletzten Jahrhunderts:

Wenn eine Gesellschaft stark und selbstsicher ist, wie das Frankreich des 19. Jahrhunderts, dann verkraftet sie eine negative Literatur. Das kann man vom heutigen Frankreich nun wirklich nicht behaupten. Die Leute brauchen Zuspruch. Sie ertragen nicht mehr die leiseste Spur von Negativität, ja nicht einmal von Realismus.

Im selben Gespräch (2006) kündigt er an, "zu seiner Jugendliebe, der Science-Fiction", zurückkehren zu wollen. Seit seinem grandiosen "Die Möglichkeit einer Insel" (2005) hat er das leider nicht fortführend wahr gemacht. Sein neuer "La carte et le territoire" ist Gesellschaftsroman über den Kunstbetrieb. Warum gibt es wenig gute Science-Fiction?, wird er gefragt. Er antwortet mit dem Vorteil der SF, der ihr gleichzeitig zum Nachteil - im Sinne von Vermarktbarkeit - gereicht: Die SF-Literatur sei poetischer und empfänglicher für das Träumen, es sei möglich, "dass die Handlungsmotive der Romanfiguren weniger von einer allen bekannten, von der Balzacschen Dichotomie (Genuss und Geld) bereits gut zusammengefassten Realität diktiert" würden. Dadurch sei sie aber eine "zu intelligente Literatur, die Emotion, die sich aus der persönlichen Identifizierung herleitet, kommt nicht in Gang." Es gäbe nur wenige Science-Fiction-Romane mit bewegenden, unvergesslichen Helden. Das reize ihn. Nur zu, Herr Houellebecq, wir sind gespannt!

Im Text "Dem 20. Jahrhundert entwachsen" eröffnet er selbst dem nicht speziell in Science-Fiction-Literatur Interessierten deren Entwicklung in den entscheidenden 1940er und 1950er Jahren sowie eine Art Kompendium, welche dieser Werke man gelesen haben sollte (sprich: welche Titel man launig in der Cocktailrunde erwähnen sollte, ohne sie gelesen zu haben). Mit schwungvoller Launigkeit erklärt er, warum natürlich nach Auschwitz noch Gedichte möglich waren und warum die SF-Literatur nach Hiroshima erst in den Rang "der wirklichen Literatur aufsteigen konnten."

Müde mag er sein, der Vergleich, der jetzt kommt: deutscher Buch-Autor Thilo Sarrazin 2010 und Franzose Michel Houellebecq im Jahr 2001. Zuerst die Übereinstimmungen: 2001 erscheint "Plattform", in dem nur der Überempfindliche zuviel Religionskritik entdeckt - wie kann es anders sein, an der Religion des Islam natürlich. Houellebecq sagt im Gespräch mit Christian Authier, die Seitenhiebe auf Religiöse in Plattform seien überhaupt nicht von ihm als Grundelement des Romans angelegt worden. Die darauffolgenden Anfeindungen hätten ihn völlig überrollt. "Plattform" - Houellebecq - ist ein gutes Buch, "Deutschland schafft sich ab" - Sarrazin - ist ein gutes Buch. Was machen beide Autoren jedoch?: Im Medienzirkus um ihre Bücher herum, reissen sie Klappe auf, und ziehen Hass auf sich. Houellebecq unbewusst, mit seinem anti-kulturrelativistischem Zitat "Der Islam ist die dümmste der Religionen", das in dem historischen Land, das als erstes die düstere institutionelle Macht der Religion gestutzt hat, eigentlich niemanden mit der Wimper hätte zucken lassen sollen - sollte man meinen. Sarrazin dagegen ist Profi, und weiß, welche Häppchen er der Medienmeute liefern muss, damit sie durch aus dem Zusammenhang gerissene Zitat-Fetzen die Diskussion weiter und weiter anheizt. Perfekt gemacht - ob einem das gefällt oder nicht. Das Anliegen beider, die ihrer Meinung nach eingeschlafene, uniforme politisch korrekte Klasse wachzurütteln, ist wiederum dasselbe.

Einfach witzig liest sich ein Artikel aus dem Le Figaro, aus dem sich erahnen lässt, mit welcher Chuzpe und Verve in Frankreich kulturelle und gesellschaftspolitische Diskussion geführt wird. Darin geht es um Historiker Daniel Lindenbergs Pamphlet, in dem er namhaften französischen Schriftstellern, Intellektuellen und Historikern vorwirft, konservativ, reaktionär, rassistisch und sexistisch zu sein. Der Begriff Neue Reaktionäre war geboren. Houellebecq tauchte freilich auf, in dieser Liste und zitiert viel aus den Auseinandersetzungen dieser Zeit - mit Wortschöpfungen der Kollegen wie "Softpamphlet", "Zentrumsextreme", "Manifest für freies Denken" liest sich das wie Harry Graf Kesslers Tagebuch zu Anfang der aufgewühlten deutschen 1920er Jahre.

Freilich, zwei, drei schwache Essays sind enthalten, doch die guten lohnen den Kauf des schön gestalteten Bändchens allemal.

Besprochene Ausgabe: Dumont | 2010 | 120 Seiten | Festeinband* | € 17,95


 

 

 

 
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel
 
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