Lieber Science-Fiction-Leser! Nimmt der Rezensent mal an -, da Sie sich eventuell über unsere Rubrik Negative Utopien hierhin geklickt haben. Lesen Sie mal einen Houellebecq! Der wird Ihnen um die Ohren klatschen. Der bringt seine Themen so düster, wie Sie es aus Dystopien der SF zu kennen meinen, aber, und das ist das Fatale: Er tut es im Fluss unserer Gegenwart und haut uns damit tiefer in die Magengrube.
In „Die Möglichkeit einer Insel“ hält er jedoch einen anderen Schriftsteller-Kniff parat: Eine Gegenwarts-Erzählung und ein Erzählstrang in der Zukunft wechseln sich kapitelweise ab. Und dies ohne Anstrengung für den Leser; im Gegenteil: Es erfrischt. Banal zu erwähnen, dass Houellebecq, als einer der besten Schriftsteller der Welt, keine Probleme mit Erzählstrukturen hat.
Vielleicht rückblickend augenzwinkernd bedient er hiermit zudem zwei Klientele: Seine Stammleser, die er in den SF Anteilen bestimmt hart fordert - doch die Kunst muß immer lieber etwas überfordern - und den Erstleser, der, gelockt vom Label „SF“, erschrickt über Houellebecq's Formen der Provokation, das Aussprechen des ungefilterten Gedankens ohne die Rücksicht auf 'political correctness'.
„Eine außerordentliche historische Gelegenheit zu einer vernünftigen Bevölkerungsverminderung hatte sich zu Beginn des 21. Jahrhunderts geboten [...] sowohl in Europa - aufgrund des Geburtenrückgangs - als auch in Afrika - aufgrund von Epidemien und Aids. Doch die Menschheit hatte es vorgezogen, diese Chance nicht wahrzunehmen, indem sie eine massive Einwanderungspolitik betrieb“ läßt Houellebecq Daniel25 schreiben, den 25sten Klon und Neo-Menschen, der die DNA von Daniel trägt, der menschlichen Hauptfigur und Ich-Erzähler des Romans. Solches, als Beispiel, kann nur einer aussprechen, der sich seit langem aus seinem Heimatland Frankreich selbst verbannt hat und tatsächlich zeitweilen auf einer Insel lebt. Einer, der auch ganz offen Hiebe gegen den Islam verteilt, schon seit einer Zeit, als sich die offizielle Kulturpolitik noch aus falsch verstandenem Toleranzansatz Selbstbeschränkung auferlegt hatte.
Doch mehr als Sticheleien und radikale Ansätze im Gesellschaftlichen und Politischen steht auch diesmal der Mensch mit seinem Wollen und Scheitern im Mittelpunkt. Und hierbei nichts weniger als seine Abschaffung angesichts seiner Unfähigkeit zur Liebe und seinem ständigen Schwanken zwischen Hochgefühl und Hoffnungslosigkeit.
Daniel zerbricht zum ersten Mal halb am Scheitern seiner Beziehung mit Isabelle. Das Scheitern seiner nächsten Liebe besorgt ihm den Rest. Daniel und Isabelle sind im selben Alter. Isabelle arbeitet in der Medien-Branche mit ihrem Jugendwahn und gibt Erwerbs-Arbeit sowie Fitness-Arbeit an ihrem Körper schon mit Anfang 40 auf. Sie fühlt sich nicht mehr begehrt und nicht mehr schön, was aber eine Autosuggestion ob des Zustands der Gesellschaft ist, in der sie lebt. Daniel kann ihr Zerbrechen und damit das der Beziehung nicht aufhalten. Zunehmend bekommt er selber Probleme mit dem Älterwerden.
Die Gedanken der „Elohim“-Sekte betrachtet er zuerst mit analytischem Interesse, empfindet sie aber zunehmend als konsequent und unabdingbar. Die Elohim erschufen einst den Menschen und sind eine weit über ihm stehende außerirdische Spezies. Sie werden wiederkommen und die Menschheit in ein glanzvolles Zeitalter führen. Mit diesem Überbau - der Hoffnung, der Vorbereitung auf die Wiederkehr und dem dafür nötigen Lebensstil - hält die Sekte die Leitfäden zur Lebensführung ihrer Mitglieder zusammen.
Sektenhaftes ist ja ein Lieblingsthema Houellebecq's. So gehören diese Passagen wieder zum Süffisantesten und Differenziertestem im Buch. Houellebecq scheint Sekten ohnehin gern als Metapher für einen gesamtgesellschaftlichen Zustand zu setzen oder zumindest für das in ihm schlummernde Potential an Aufmüpfigem. Er macht hierbei nie den Fehler, die einzelnen Figuren ins Lächerliche zu ziehen.
Die Forschung des „Professors“ - wichtigstes Mitglied neben dem Gründer - auf dem Feld des Auslesens der Neuronen-Informationen des Gehirns ist allen anderen Instituten weit voraus. Geldmittel gibt es genug. Tatsächlich spielt auch der Glauben in diese Arbeit hinein, nicht nur der reine Forscherdrang. Jetzt schließt sich das Bild: Die reale Erlangung der Unsterblichkeit mit der Garantie zum Erleben der Wiederkehr der Elohim!
Die augenblickliche Schwierigkeit, so der Professor, sei noch, eine bijektive Beziehung zwischen den Neuronen im Moment des Todes eines Menschen und dem Speichergerät herzustellen. Da die Lebensdauer des Letzteren praktisch unbegrenzt sei, bestehe der nächste Schritt einfach darin, die Information in Umkehr wieder dem Gehirn eines Klons einzugeben.
Toll gemacht sind die kommentarhaft gehaltenen Rückblicke der Klone viele Generationen später, aus denen hervorgeht, dass diese Pioniere und ihre Geisteshaltung, wenn auch das Ziel einige Hundert Jahre später erst erreicht wurde, die Grundlage für die Religion der Neo-Menschen bildet, für die allerdings die paar noch verstreut lebenden Menschen nur noch eine verachtenswerte Sackgasse der Evolution darstellen.
„Das Klonen ist nur eine primitive Methode, die die natürliche Fortpflanzungsweise direkt nachahmt; die Entwicklung des Fötus im Uterus hat keinerlei Vorzüge, im Gegenteil, sie führt leicht zu Missbildungen oder Geburtsfehlern;“ In vielen solcher Ausführungen suggeriert uns Houellebecq die Unausweichlichkeit des Endes des Menschens. Schon unterhalten sich die ohne physische Nähe lebenden Neo-Menschen bei ihren übers Netz stattfindenden „Intermediationen“ über Gerüchte von „Softwaremutationen“ ihrer lenkenden Infrastruktur, die letztlich auch sie selber gegenüber der Digitalen Intelligenz obsolet werden lassen werden.
Schon der Mensch Daniel erkennt im Professor: „Er versuchte eine neue Gattung zu schaffen, und diese würde keine größere moralische Verpflichtung den Menschen gegenüber haben als diese gegenüber Eidechsen oder Quallen;“
Doch auch die fast emotionslosen Neo-Menschen, die Zustände wie „Liebe“ oder „Glück“ nicht nachvollziehen können - und auch nicht sollen, als vermeintlicher Vorteil gegenüber dem Menschen -, beginnen eine Unerlöstheit zu spüren...
Houellebecq sagt: Der Mensch muß sich in seiner Angst vor dem Älterwerden bessern. Es gibt keine Alternative.
2. J. L. Bourne: Tagebuch der Apokalypse (2010) - Orig.: Day by day Armageddon (2009), engl.
3. Caragh O'Brien: Die Stadt der verschwundenen Kinder (2011) - Orig.: Birthmarked (2010), engl.
Ernest Cline:
Ready Player One
Crown, Festeinband
John M. Cusick:
Girl Parts - Auf Liebe programmiert
Baumhaus, Festeinband
Charles Stross:
Rule 34
Ace, Festeinband
Ben Tripp:
Infektion
Heyne, Broschur
Thomas Thiemeyer:
Das verbotene Eden - David und Juna
Pan, Festeinband
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