Michal Zamir - Das Mädchenschiff: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur

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Michal Zamir Das Mädchenschiff

Michal Zamir - Das Mädchenschiff (2007) - Orig.: Sfinat ha-Banot (2005), hebräisch

Vor dem nächsten Schuss
Die Tel Aviverin Michal Zamir erzählt 24 Monate Wehrdienst einer Achtzehnjährigen im Schnelldurchlauf, die Kapitel orientiert an ihren fünf Abtreibungen in dieser Zeit. Neben den Sonderfaktoren Frau und Israel ist es auch eine Hommage an jeden Wehrdienstleistenden, der in den Mechanismus Armee hineinriechen darf.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin * 08.01.2009
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Die Langeweile, das schlichte Dienst tun, auch wenn der Dienst nur in purer Anwesenheit besteht, in einer unwohnlichen, rein funktionellen Umgebung, überführt den Geist in eine Art runtergefahrenen Schutzmodus. Man schaltet höhere Hirnbereiche und Gedanken aus, um keinen Schaden zu nehmen. Die vielfältigen Aktivitäten und Signale des Körpers werden auf Grunddaseinsfunktionen reduziert. Die Empfänglichkeit für die Unwirtlichkeit, das Unmenschliche des Armee-Mechanismus und das Ausgeliefertsein an die Kälte im Winter und an die Hitze im Sommer wird gedämpft. In einem virtuellen Kokon lassen sich die Monate des Wehrdienstes mit minimaler Beschädigung überstehen.

Zamir 's Helden suchen die einzige ihnen zur Verfügung stehende Ekstase im puren Sex, für Sex mit Liebe reichen die Gefühle nicht aus, denn die sind ja, wie oben beschrieben, sorgsam abgekapselt. Aber auch die älteren Berufssoldaten, zuhause mit Frau und Kindern, nehmen ihre Frustrationen über den Job als Rechtfertigung, sich auf den Stützpunkten sexuell auszutoben. Da prallen willenlose, ohnmächtige Geilheit junger Rekrutinnen mit der Bestätigung suchenden Geilheit fünfzigjähriger Schmerbäuchiger aufeinander. Dabei beschreibt Zamir - entgegen dessen was der Klappentext suggeriert - keine einzige Vergewaltigung. Sie beschreibt vielmehr ein Reservat, den Stützpunkt, auf dem der, der es will, in zumindest gesetzlich legitimer Art auf leichteste Weise zum Schuss kommen kann. Zamir zeigt, dass beide, Beute und Jäger, in diesem Spiel zu bemitleiden sind. Die Verzahnung von Zivil- und Militärgesellschaft erzeugt neben dem Moral-Kosmos einer westlichen Gesellschaft ein Parallel-Konstrukt, das aus der Verabscheuung der Notwendigkeit der Armee entspringt. Sie steht außerhalb der Normalität und wird so auch ausgenutzt für Verhaltensweisen, die normalerweise so nicht im Normen-Kanon toleriert wären. Denn perverses Verhalten in einer perversen Situation wird nicht als pervers aufgefasst. Es hebt sich auf, sozusagen.

Die namenlose Protagonistin Zamir 's schlittert von Fick zu Fick, wie alle ihre Kameraden. Etwas sorglos ist sie dabei schon. So hat sie zwei Wochen vor ihrem Entlassungsurlaub die fünfte Abtreibung hinter sich. Doch mit Hilfe der schlafwandlerischen Wahrnehmung dieser Figur, schafft es Zamir, auch den Leser diese Abschaltung von Bedeutung, das Abschneiden von jeglicher Kultur innerhalb dieser 24 Monate nachfühlen zu lassen. Die Nachlässigkeit der Rekrutin ist nicht Dummheit geschuldet, sondern einem Fehlen von jeglichem Vergleichsmaßstab innerhalb der Abgeschlossenheit, die Zamir "Das Mädchenschiff" nennt. Denn die Rekruten gewöhnen sich sehr schnell ab, überhaupt noch bei Urlaub nach Hause zu fahren, da sie auch bei ihren Familien, die die gesellschaftliche Schieflage schon lange stoisch hingenommen haben, keinen Trost finden.

Dieser Tage gehen wieder Kassam-Raketen aus dem Himmel nieder. Durch die permanente Frontstellung seit 1948 hat die israelische Gesellschaft ebenso permanent einen harten Tribut zu entrichten.

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Besprochene Ausgabe: marebuchverlag | 2007 | 220 Seiten | Festeinband* | € 22,00
 
* Festeinband: harte Buchdeckel
  / Broschur: weiche Buchdeckel

 
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