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Wenn man auf das Wohnhaus von Ex-Cop 'Jack' und seiner Ehefrau 'Amy', Werberin in führender Position, zugeht, sieht es erstmal aus wie ein Atombunker, witzelt Erstgenannter. Das liegt daran, dass das Grundstück in der Nähe Seattles auf der Rückseite steil zu einem Tal hin abfällt. Von vorne schroff und nur einstöckig, ist das Haus zum Tal hin zweistöckig mit einer durchgehenden Glasfront. Ein atemberaubendes Panorama mit Wald und See wartet auf der Terrasse.
Diese Ausweitung des Blickwinkels von etwas Undurchschaubarem hin zur klaren Lichtheit könnte als Eingangsmotiv zu "Die Eindringlinge" von Michael Marshall kaum besser gewählt sein. Denn nachdem er spitzbübisch und klassisch im vorangehenden, allerersten Kapitel zwei Ermordete serviert, muss man lange warten, die beiden Toten - von denen man kaum mehr erfährt als Alltägliches - in die Geschehnisse des Buches einordnen zu können. Und das macht gar nichts. Es folgen einfühlsame Stränge, die vergessen lassen, sich in einem Thriller zu befinden, teils in einer Sprachmacht, die eher dem literarischen Roman denn dem Genre-Buch schmeichelt.
Zuerst sind es die Nebengeschichtlein, die faszinieren, wie etwa die in bestechender Wortwahl vorgetragene Dramatik um das Teenagertum an sich, wenn sich Jack zurückerinnert an die Highschool-Zeit. Die realen Columbine-Attentäter klassifizierten ihre Welt in die Jocks, also Siegertypen, und die, die nicht Jocks waren. Ihr Ende ist bekannt. Doch auch Jocks können ihre Probleme haben. Ein ganz großes kriegt 'Gary Fisher', als er erkennen muss, dass sich ein unscheinbares Mädchen seinetwegen umgebracht hat; es himmelte ihn an - was ihm nicht bewusst war, weil er sie kaum beachtete. Fisher zieht sich aus seiner Jock-Position zurück und findet ganz neue Werte im Leben. 20 Jahre später meldet sich ebendieser beim einstigen Mitschüler und jetzigen Ex-Cop Jack ...
Dann sind es die eigentlich sympathischen Ehepartner Amy und Jack, die schaudern machen. Eine Art Vorhölle bricht für Jack herein, als beim ständig per elektronischer Kommunikation turtelnden Päarchen der Kontakt abreißt. Amy, die von Berufs wegen in den ganzen USA unterwegs ist, hat sich in einem von ihr bevorzugten Business-Hotel nie angemeldet. Grandios schildert Autor Michael Marshall die Hilfslosigkeit und zunehmende Verzagtheit des Ehemanns.
In ebensolcher emotionalen Dringlichkeit ist die Parallelgeschichte einer Neunjährigen erzählt. Und hier spannt sich der breite Fächer auf, auf dem sich die Genreverquickungen von "Die Eindringlinge" erstmals abzeichnen. Hier kommt eine Prise Übernatürliches mit rein und spätestens mit der Figur 'Shepard' sind die Verschwörungsanbeter gut bedient: Von diesem Ex-Agenten bleibt lange unklar, ob er ein Retter ist, der harsche, brutale Methoden anwendet, um ein vermeintlich hehres Ziel zu erreichen. Die Kunst Michael Marshall 's dürfte sein, seinen Roman so ausgereift zu erzählen, dass er auch Leser, denen dieser leichte Dreh ins Fantastische an sich zuwider wäre, sicherlich mit Begeisterung bei der Stange halten kann.
Freilich bedient sich Marshall Mitteln, die immer wieder - egal wie oft in Film oder Buch wiederholt - bestens funktionieren. So etwa mit dem Foto, das Jack in Zusammenhang mit den Morden von Schulkamerad Gary präsentiert wird. Deine Ehefrau, von der du meinst, sie im Laufe der Ehejahre bis in die Details kennengelernt zu haben, ist auf diesem wichtigen alten Foto, mit einem mysteriösen Kerl zu sehen ... Du beginnst nachzuforschen.
Michael Marshall kann auch mal einfach nur sechs Seiten lang den Strand von Cannon Beach beschreiben. Das ist für einen Thriller ungewöhnlich und es ist großartig. Zwischen den Strängen mit Menschen, die scheinbar gar nichts miteinander zu tun haben, ist einzig allein die Erzählkraft über weite Strecken der Klebstoff. Den wird Marshall nie ganz austrocknen lassen. Eindeutig Festes wäre öde und so spielt "Die Eindringlinge" bis zum Ende mit den Fäden.
Besprochene Ausgabe: Knaur | 2011 | 512 Seiten | Broschur* | € 9,99
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