Der Apalachicola River ist ein mächtig breiter Fluss, der sich im Norden von Florida, USA, durch dichte, sumpfige Wälder seinen Weg zum Golf von Mexiko bahnt. Ambitionierter Hobby-Fotograf 'Remington' geht dort seiner Leidenschaft nach. Wenn er nicht gerade einen Florida-Schwarzbären vor der Linse hat, lässt er die Gedanken schweifen. Erinnerungen an die regelmäßigen Jagdausflüge mit dem verstorbenen Vater drängen sich auf, ebenso wie er Streitgespräche mit Ehefrau 'Heather' nochmal abspult, mit der die Beziehung gerade nicht zum Besten steht. Doch bei alldem steht der Genuss des Alleinseins in der Wildnis im Vordergrund.
Im Nachwort führt Michael Lister unter den literarischen Einflüssen Ernest Hemingway als ersten Namen an. Das hätte er nicht gemusst, man ahnt es anhand der Gedankeneinschübe Remingtons, die sich um das Verhältnis zum Vater drehen. Die erreichen bei Lister freilich nicht die Kunstfertigkeit einer Nick-Adams-Story. Da ist wenig zwischen den Zeilen und in den Zeilen nicht viel mehr, als das Bemühen des Vaters, die Jagdleidenschaft auf den Sohn zu übertragen - der lieber Fotos schießt als totschießt - sowie die sprachlich minimalistische Männlichkeit, wenn er den Sohn dann im Teenageralter in vermeintlich coolen Worten ermahnt, Kondome zu benutzen.
An anderen Stellen versucht Michael Lister mit einem unbeholfenen Stilmittel Meister Hemingway, der oft nur zwei-wortige Sätze verwandte, noch zu toppen, indem er's mit einem macht, und dann noch mit Absatz:
Abend. Glut.
Dunkle Figuren.
Schuss.
Explosion.
Blüte aus Blut [...],
dürfte sich im englischen Original kaum weniger peinlich ausnehmen.
Blut? Ja, wir sind in einem Thriller. Aber da sind ja noch die Tiere. Und so allein ist Remington im Wald nicht. Andere knipsen und jagen mit ihren Gewehren ... Michael Lister engagiert sich im wahren Leben für Naturschutz, erfahren wir im Pressetext. Auch das hätte man nicht erwähnen müssen. Noch vor und während der Thriller-Komponente von "Selbstauslöser" erfährt der Leser mehr über Florida-Schwarzbär oder Wassermokassinschlange, als ihm lieb ist, in dieser plump ambitionierten Art, die Leute, die der Natur eher passiv gegenüberstehen, erst recht verschrecken dürfte.
Der Plot ist ähnlich dem des Antonioni-Films "Blow Up". Ein Mord wird per Kamera festgehalten. Nur ist in "Selbstauslöser" alles moderner. Die Kamera war eine infrarotausgelöste für Tier-Aufnahmen. Und es geht holterdiepolter. Im selben Moment, in dem dem Tierfotograf dieser Umstand bewusst wird, fliegt ihm auch schon die erste Gewehr-Kugel um die Ohren. Er, als Zeuge, soll sterben. Er wird zum Gejagten, und der atemlose Galopp, mit dem Michael Lister seinen Action-Part jetzt durchzieht, wird nur durch Gedanken an Vater oder Ehefrau unterbrochen. Das erzeugt leider keine Dynamik im Hauptstrang, sondern Ermüdung.
Letztendlich wird Sohn Remington all das erfüllen, was sein Vater sich jemals ausgesprochen oder unausgesprochen in Hinsicht Mannhaftigkeit von ihm gewünscht hat - und gleichzeitig trotzdem scheitern. Das hat Michael Lister wenigstens richtig von seinem Lieblingsvorbild Hemingway abgeguckt.
Besprochene Ausgabe: Hoffmann und Campe | 2011 | 240 Seiten | Festeinband* | € 19,99
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