Sie bringen immer so eine Ruhe mit, die großen Epen aus den Siebzigern und frühen Achtzigern. Seien sie von Doris Lessing, Brian Aldiss oder eben Michael Coney. Ganz selten schreibt heute noch jemand so im Science Fiction-Genre. Deshalb werden diese Werke noch lange Bestand haben. Noch dazu spielen die „Träume von Pallahaxi“ („Hello Summer, Goodbye“ und „I Remember Pallahaxi“ im Original) auf einem Planeten, dessen exzentrische Umlaufbahn es schnell kalt werden lässt für seine Bewohner, gefährlich kalt. Also gute Herbst-Bücher. Doch natürlich gibt es warme Tage, an denen sich die jungen Helden mit ihren Jollen auf dem ebenso exzentrischen Ozean vergnügen.
Es ist ein kleines, noch agrarisch orientiertes Völkchen, das auf diesem Planeten in einem Binärsystem lebt. Und das ist das Problem: Bei einer bestimmten Konstellation fängt der Riesenplanet des Systems den kleineren ein und nimmt ihn mit in einen vierzigjährigen Winter. Eigentlich dürfte sich dort gar keine Zivilisation entwickelt haben, denn die würde jedesmal unweigerlich aussterben. Doch ranken sich die Mythen um diesen Zyklus, also muss es immer Überlebende gegeben haben. Es gibt noch eine andere intelligente Spezies, die nicht spricht, und so von den sprechenden Humanoiden kaum beachtet wird. Ihre Rolle wird sich zeigen...
Held des ersten Buches ist 'Druv'. Herrlich versetzt sich Michael Coney mit ihm zurück in die Pubertät. Es gibt Dünkel in dieser Gesellschaft, zwischen Stadt- und Landbewohnern, zwischen Privilegierten und weniger privilegierten. Im Urlaub am Ozean verliebt sich Druv in 'Pallahaxi Braunauge', eine Fischerstochter. Er muss sich mit seinen snobbistischen Eltern anlegen. Zudem herrscht Krieg im Hinterland, dessen Rechtfertigung und dessen Fronten vom Freigeist Druv immer mehr in Zweifel gezogen werden. Die Lage spitzt sich zu und in seiner persönlichen Rebellion schwingt Orientierungslosigkeit mit, denn scheinbar muss er sich für eine Seite entscheiden. Coney trägt gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wandel mit Ernsthaftigkeit vor, vergisst jedoch nicht, den Leser in ein Geflecht von Unabwägbarkeiten einzuspinnen. Dazu trägt auch die Schilderung der absonderlichen Fauna und Flora des exotischen Planeten bei: Etwa beim Unfall von Druvs Tante, als dieser noch Kind war. Als ihr Dampfwagen nachts in unbewohntem Gebiet liegenbleibt, fällt die Tante in einen Wahnsinn, den „Rennwahn“, der die Bewohner befällt, wenn sie zulange Kälte ausgesetzt sind, und stirbt. Druv lässt sich instinktiv von den „Lorin“, den nicht sprechenden Wesen, retten. Deren Rolle kann im ersten Buch nur erahnt werden und schlüsselt sich erst im zweiten auf.
Das ist alles gut komponiert, die Häppchen zum Verständnis, die einem Michael Coney nach und nach hinwirft. Die Dichte des ersten Buches gegen Ende haut einen um. Daran sollte sich manch heutiger Seitenschinder-Autor ein Beispiel nehmen. Aber auch Coney ist im zweiten Buch nicht mehr so straff. Da geht einem schon mal das Gelaber einiger etwas zu dümmlich dargestellter Dorfbewohner auf den Geist. Doch kriegt er den Bogen gegen Ende wieder, das, wiederum, bombastisch ist. Es sind nicht mehr dieselben Figuren, aber es gibt immer wieder schöne Querverweise vor allem auf die grandiose Lovestory des ersten Buches. Zudem befriedigend: Das erste Buch ist in sich ein vollwertiger Roman. Das zweite vervollständigt und vertieft das Wissen des Lesers um Pallahaxi. Es ist keine plumpe Fortsetzung. Coney muss es insgesamt geplant haben.
Was bleibt? Am längsten werden es die beiden sich sehr ähnelnden jugendlichen Helden mit ihrer jeweiligen Geliebten sein, die zwar schnell erwachsen werden mussten, doch ob sie sich dann langweilen, dass erfahren wir ja nicht mehr, in diesem Meisterwerk.
Besprochene Ausgabe: Heyne | 2009 | 608 Seiten | Broschur* | € 9,95
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel
2. Sean McMullen: The Miocene Arrow (2000), engl.
3. Iain M. Banks: Die Brücke (1998) - Orig.: The Bridge (1986), engl.
Ernest Cline:
Ready Player One
Crown, Festeinband
John M. Cusick:
Girl Parts - Auf Liebe programmiert
Baumhaus, Festeinband
Charles Stross:
Rule 34
Ace, Festeinband
Ben Tripp:
Infektion
Heyne, Broschur
Thomas Thiemeyer:
Das verbotene Eden - David und Juna
Pan, Festeinband
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