Michael Chabon - Die Vereinigung jiddischer Polizisten: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur

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- Die Vereinigung jiddischer Polizisten

(2008) - Orig.: The Yiddish Policemen's Union (2007), engl.
USA schmeißen Juden aus Alaska
Der junge Altmeister Chabon ist beim Erzählen als Kunstform angelangt. Hakelig, mit sperrigen Metaphern, mit Unordnung und mit ausufernd öden Personenbeschreibungen, vergibt er mit müdem Plot die Chance, aus einem interessanten Szenario etwas Gutes zu machen.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 05.09.2008

1940 kam vom damaligen US-amerikanischen Innenminister der Vorschlag, vertriebene Juden unter anderem in Alaska anzusiedeln. Im Gesetzgebungsausschuss des Kongresses versandete schließlich die ausgearbeitete Vorlage hierzu. Bei Chabon erhalten vertriebene Juden 1940 den 'Ickes-Pass', nach dem Namen des Innenministers Ickes, „ein besonderes Behelfsvisum aus besonders verschmierter Tinte auf besonders dünnem Papier“, was sie berechtigt, im föderalen Distrikt Sitka, Alaska - „eine gekrümmte Klammer felsiger Küste“ - zu leben.

Der Roman setzt ein in der Gegenwart, zwei Monate bevor Sitka wieder an den Bundesstaat Alaska zurückfallen soll. Wie im realen Staat Israel hatten sich die Bewohner über das ihnen zugesprochene Gebiet hinaus ausgebreitet. Die übliche Fremdenangst, religiöse Vorbehalte und der schlichte Futterneid hinzugerechnet, bewirkten, dass Sitka 60 Jahre in einem 'Interimsstatus' gehalten wurde und eine „Anwartschaft auf staatliche Souveränität wurde ausdrücklich ausgeschlossen.“

Chabon kann nun hier eine keinesfalls heile jiddische Welt, aber eine detailreiche Welt der Gauner und Polizisten zeichnen. Fast alles dreht sich ums Jiddisch-Sein - um die Gewohnheiten, die Eigenarten, wie ein Jid flucht, isst, sich anzieht, Schach spielt, eben alles, immer vor dem Hintergrund des Jiddisch-Seins, sogar in den Dialogen. Das wäre in etwa so, als wenn sich die Sachsen die ganze Zeit so unterhalten: „Du trinkst ja gerade Milch, du Sachse.“ - „Ja, wo du's gerade sagst, das ist schon eine sächsische Eigenart.“ - „Du als Sachse...etc.“
Und da beginnen Chabon's Probleme. Es mag sein, dass die Juden im Allgemeinen mehr über sich als Volk nachdenken als andere Völker - die Juden, die der Rezensent kennt, allerdings nicht - aber bestimmt nicht den lieben langen Tag lang und nicht in beiläufigen Gesprächen und schon gar nicht der gemeine Gauner oder der gewiefte Bulle. Der im deutschen und amerikanischen Feuilleton gepriesene Raymond-Chandler-Stil des Romans, nach einem der Erfinder des Hardboiled-Krimis, ist allerhöchstens dialektisch in der Abneigung des Distriktpolizisten Detective Landsman zum Schachspiel und der Liebe zum Schach bei Chandler's Philip Marlowe zu finden. Die hohe Künstlichkeit, der Versuch, ein Kondensat, ein Stilleben des Jiddischen in einen Thriller - der dadurch keiner werden kann - reinzupacken, gehen mit dem Genre nicht überein. Ein gescheitertes Experiment.

Chabon bemüht sich krampfhaft um Authentizität und produziert dabei nur exaltierte Künstlichkeit. Die Beschreibung von muffigem Kneipengestank liest sich bei Chabon so: „Vor kurzem muss jemand mit einem Eimer Bleiche hindurchgegangen sein, um einige Obertöne in den konstanten Basso continuo aus Schweiß und Pissoirgestank des Vorsht [Anm.: Name der Kneipe] zu tupfen. Über oder unter allem nimmt die scharfe Nase den Mantelfuttergeruch von abgegriffenen Dollarscheinen wahr.“ Bleibt dem Leser überlassen, diesen Absatz eine halbe Ewigkeit auseinanderzupflücken und zu inhalieren oder einfach nur genervt zu sein.
Sowas kann man mal machen, aber nicht auf jeder Seite und ellenlang.

Wirr führt Chabon gerade in der Anfangsphase Personen ein, dabei springend zwischen entfernter Vergangenheit der Zwanziger Jahre und des Zweiten Weltkriegs und der näheren, etwa den Siebzigern und Achtzigern sowie der Gegenwart. Oft streut er Informationen mitten zwischen einen Dialog, ohne Übergang. Das soll kunstvoll wirken, ist aber hölzern und stört fortweg den Lesefluss. Andere Hintergründe werden einem mehrmals wie ein Zaunpfahl unelegant um die Ohren gehauen.

Das Drumherumreden, Nicht-Zum-Punkt-Kommen in den Dialogen, um dann im Verschwommenen zu verharren und dreisterweise wirklich gar nicht zum Punkt kommen - soll das typisch jiddisch sein? Der Rezensent weiß es nicht, aber auf jeden Fall wird es den Leser gewaltig nerven. Ebenso unklar scheint, warum 50% der Dialoge aus derben Neckereien und fäkalsten gegenseitigen Beleidigungen - auch zwischen Freunden - bestehen müssen. Das läuft sich so schnell tot, als wenn ein Kabarettist versucht, über 45 Minuten hinweg nur Schimpfworte aufzuzählen.
Bei den langen, gestelzten Personenbeschreibungen bleiben die Figuren konturlos.

Die Geschichte um einen getöteten Junkie, den Ermittler Landsman, seiner Ex-Frau, der einflussreichen Verbover-Gang und vielen Nebenfiguren weitet sich zwar bis auf eine politische Ebene aus, bleibt aber ein beschlagenes Kaleidoskop vermeintlich jiddischer Lebensart.

Interview mit Michael Chabon: Link siehe linke Spalte.

Besprochene Ausgabe: Kiepenheuer & Witsch | 2008

      
 
 
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