Original Onkel Kaan, so die Gefahr, der bleibt nach Lesen von „So wie ich will - Mein Leben zwischen Moschee und Minirock“ als Figur wohl länger im Gedächtnis, als die Autorin Melda Akbas selbst. Denn trotz reißerischem Titel läuft für die alles recht unspektakulär, wenngleich vorbildlich. Freilich, sie ist intelligent, weiß was sie will und nimmt sich das größtmögliche Stück vom zur Verfügung stehenden Bildungsangebotkuchen - im Gegensatz zu vielen Altersgenossen. In die Moschee gehen nicht einmal mehr viele der älteren Mitglieder der weitläufigen Familien um Mutter und Vater. Und der Minirock-Streit zwischen Eltern und ihren Lolita nacheifernden Sprößlingen ist so alt wie das Modestück selbst und in allen Kulturen der gleiche. So what! Was bleibt, von Melda Akbas' Buch? Die Erkenntnis, dass das Sich-Erkämpfen von Freiheiten eines muslimischen Teenagers geringfügig anstrengender verlaufen kann als bei einem nicht-muslimischen, einiges an Genderproblematik - sprich, die selbstverständlicheren Freiheiten von Jungen in Fragen wie Freundin oder Heirat - und eben ein streckenweise vergnügliches Tagebuch in - Respekt, da wohl ohne Ghost geschrieben - jugendlicher, direkter, schnörkelloser Sprache. Also alles andere als ein bierernstes Problembuch, aber auch nicht wirklich spannend für skandalsuchende Kids, Melda ist entspannt züchtig, was sämtliche Verlockungen in diesem Alter angeht.
Deutschland heißt nicht USA, und so liefen hier in den letzten 50 Jahren Dinge eben anders als dort, wo sich jeder eingewanderte Ire, Italiener, Inder nicht genug beeilen kann, sich lieber gestern als heute Amerikaner zu schimpfen und sofort dazugehören will. Die Gründe für diesen Unterschied kann auch Melda Akbas nicht erklären, das ist auch nicht Ansatz ihres Buches, es liest sich eben einfach nur traurig, ihre Beispiele der Verwandten, die sich ganz konsequent nur innerhalb der Herde ihrer Mitemmigranten bewegten und - vielzitiertes Beispiel - nie die Sprache ihres neuen Lebensmittelpunktes lernten. Für Meldas Mutter war von vorneherein klar, dass sie für ihre Tochter mit dem Status türkisch-stämmig einiges regeln muss: Gleich zu Beginn des Buches die Geschichte der Namenswahl - Melda wurde Melda, weil es ein türkischer Name ist, der in Deutschland leicht zu sprechen und zu schreiben ist.
- “Baba, ich bin achtzehn! Ich tue, was ich will!“
- „Dann schließe ich die Tür ab! So gehst du nicht raus!“
- „Ich sehe doch völlig okay aus.“
- „Du rennst rum wie ein Hippie!“
Ruhig mehr von diesen slapstick-artigen, aus dem Leben gegriffenen Dialogen hätte Melda Akbas bringen können. Gerne hätte man mal zugehört, was die unzähligen Cousinen und Tanten so tratschen, wenn sie sich auf beschriebenen Familienfesten treffen oder sonst irgendwas zu regeln haben. Oder was wohl Baba so mit der von ihm „geduldeten“ deutschen Freundin Franziska von Sohn Tayfun so gequatscht hat. Lustig immer wieder die Episoden vom lausbubenhaften Onkel Kaan, etwa sein Alkoholexzess mit Ansage, der für Familieneklat sorgte.
Etwa ein Drittel des Buches bilden ihren Werdegang und Aktivitäten im Bereich Schülerpolitik ab sowie bei der Türkischen Gemeinde in Deutschland. Das ist für jeden Schüler interessant, der sich ähnlich engagieren will.
Bei allem wirkt Melda Akbas kaum wie ein Teenager, sondern arg rational und intellektuell. Eine achtzehnjährige Technokratin. So gibt es keine einzige Äußerung über eine Lieblings-Band oder Lieblingsbücher oder -filme. Die Stelle als Bundespräsidentin wäre gerade zu haben, Frau Akbas. Sie schreiben doch im letzten Absatz, dass Sie sich gerade mit dem Auszug aus dem Elternhaus beschäftigen.
Besprochene Ausgabe: C. Bertelsmann | 2010 | 240 Seiten | Broschur* | € 14,95
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