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- Die Interessanten

(2014) - Orig.: The Interestings (2013), engl.
Normal sein
Der Drang, besonders sein zu wollen, scheint biologisch wohl sinnvoll. In der Zivilisation führt er eher zur Selbstqual, weiß die US-Amerikanerin Meg Wolitzer, und schaut auf ihre Handvoll Freunde - "Die Interessanten" - über mehrere Jahrzehnte hinweg.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 19.08.2014
Meg Wolitzer - Die Interessanten
Zoom Meg Wolitzer - Die Interessanten

Wolitzer, geboren 1959, lässt ihre Figuren zum ersten Mal 1974 aufeinandertreffen, im avantgardistischen Sommer-Camp "Spirit-in-the-Woods". Sie sind alle um die 15. Das passt zur Autorin, die in ihren Romanen gerne beleuchtet, was die ideengeschichtlichen und faktischen Umbrüche der 1960er Jahre für die Kinder derer bedeuten, die diese Ideen ausgebrütet haben und leben. Für ihre Achtundsechziger - drüben ist am ehesten der Begriff Hippies gebräuchlich - war es ein Leichtes, aus Konventionen auszubrechen, in einer saturierten überreichen Nation. Überleben konnte man immer. Der Druck auf die Nachkommen wird ein anderer. Vor dem gerne gepriesenen geschichtlichen Scheidepunkt hieß es: Du machst jetzt einen anständigen Beruf - Stadtsparkasse oder Buchhalter! Danach heißt es: Du bist dazu verdammt, dich zu entfalten und dem Ruf deiner Kreativität in dir zu folgen! Na vielen Dank. Wolitzer interessiert freilich die psychologische Selbstzerfleischung, doch nebenbei bemerkt, beschreibt sie ungewollt, wie es dazu kommen konnte, dass in heutigen Gesellschaften einst angesehene Berufsgruppen um Mindestlohn kämpfen müssen.

Erzählerin 'Jules' wird später Psychotherapeutin. Mit 15, im "Spirit-in-the-Woods", ist sie die einzige, die nicht aus einer reichen Familie aus Manhattan stammt. Dennoch kann sie mit ihrem Esprit einen Platz in der Runde der "Interessanten" ergattern, wie sich das halbe Dutzend nennt, bestehend etwa aus dem Sohn einer berühmten Folk-Sängerin - die es sich nicht nehmen lässt, jeden Sommer unangekündigt und mit Kurzauftritt selbst nochmal den Spirit des Camps einzuatmen (und sich anhimmeln zu lassen) -, aus dem zeichnerisch sehr begabten 'Ethan', einem Mädchen, dem Tanz in die Wiege gelegt scheint, oder dem Geschwisterpaar, das einfach nur reich ist.

Jules vergöttert diese Bande ein für allemal und bleibt verklärend auf der Vergangenheit hängen. Sie beobachtet über die kommenden Jahrzehnte hinweg, ob die Freunde und freilich sie selbst die Selbstverwirklichung schaffen, ob die Saat aufgeht, die damals als Prämisse gelegt wurde. Nur zwei der Einstigen kann Jules in diesem Sinne bewundern: Ethan hat eine berühmte TV-Trickfilmserie am laufen und 'Ash' ist bekannte Wohltäterin und Gutmensch. Doch mit Abstrichen, da Ash's Anstrengungen vom reichen Ehemann finanziert sind. So wirkt Jules' "Ash-und-Ethan-Neid", wie sie es selber nennt, reichlich obskur. Doch Meg Wolitzer schafft das Kunststück, Jules trotzdem als halbwegs sympathische Erzählerin dastehen zu lassen, mit der sich viele Leser identifizieren werden können.

Ehemann 'Dennis' macht einen technischen Job an einem Krankenhaus und ist auch leidlich abgenervt, von Jules' Sichtweise. Während er liebevoll sein Fünf-Gewürze-Huhn zubereitet, hat sie bereits den alljährlichen Weihnachtsbrief von Ash und ihrem Gatten in der Hand - ein Brauch, bei dem man auf ein paar Briefseiten humorvoll mitteilt, was im Jahr passiert ist - und ihre Laune sinkt:
"Ash und Ethan waren niemals untätig, niemals im Stillstand, und was sie machten, wurde ausnahmslos zu etwas Wundervollem. Wenn sie Hühnchen kochten, ernährte es einen ganzen Subkontinent."

Das erste Viertel von "Die Interessanten", das die Leichtigkeit und die Gier und das Verlangen der Jugend schildert, ist naturgemäß am süffigsten zu lesen. Dann, mit der Erwachsenenperspektive von Jules bekommt das Buch abrupt einen melancholischen Schleier, den es auch nicht mehr ablegen wird. Es bleibt erzählerisch interessant, sic!, bei Bevorzugung eines nur sanft plätschernden Erzählflusses, mehr Überschwang im Urteil gibt es nicht her und will es auch nicht. Doch Meg Wolitzer 's These ist steil und wichtig, um dazu beizutragen, in jeder Gesellschaft dem Hinterherhecheln nach dem "Kreativ"-Beruf oder dem Unbedingt-Studieren-Müssen entgegenzuwirken. Yes, you can be normal!

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Besprochene Ausgabe: Dumont  |  2014  |  608 Seiten  |  Festeinband*  |  € 22,99

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