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 24.05.2012         Matias Faldbakken - The Cocka Hola Company: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchtipps Bestseller   
Matias Faldbakken - The Cocka Hola Company: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur

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- The Cocka Hola Company

(2005) - Orig.: The Cocka Hola Company (2001), norwegisch (TB-Ausgabe)
Deep Throat mit dem norwegischen Allesverweigerer - Teil 1
Matias Faldbakken 's Helden wettern gegen „scheißeuropäische Vielfalt“ oder gegen die „Faszinationsdiktatur“ der Kulturschaffenden im Projekt FasciNATION. Lieber machen sie auf ÜBERBLOND.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 18.05.2009

Im März kam auf deutsch Matias Faldbakken 's neuester, dritter Roman raus: „Unfun“. Grund genug, mit den beiden Vorgänger-Romanen „The Cocka Hola Company“ und „Macht und Rebel“ [kein Schreibfehler] dem Schalk der norwegischen Literatur auf den Zahn zu fühlen. „The Cocka Hola Company“ schockierte 2001 und ist mittlerweile im Literaturkanon angekommen und zu Bühnenfassungen verarbeitet worden.

„Hate your friends“ ist eine Hymne der Punk-Band Lemonheads, und mit ähnlich absurder Methode dreht Faldbakken den Spieß der Konsensgesellschaft um, und rammt ihn seinen Lesern in den Bauch. Locken tut er uns nicht mit Bierernst, sondern mit dem ganz normalen Familienleben der Angehörigen einer kleinen Porno-Produktionsfirma mit Namen DESIREVOLUTION. Wir fühlen uns heimelig. Es ist wie das genüßliche Gucken von Folgen einer Soap-Opera. Da ist PapaHans, der Chef, Ritmeester, der Porno-Ideologe, Simpel, der die Firma mehr oder weniger verschmilzt mit der Durchführung seiner anarchischen „Projekte“, und natürlich gibt es Darsteller. Motha, Simpels Frau und Mutter des verhaltensgestörten Lonyl und die bißchen tumben beiden Casco und Tiptop. Dafür sind sie aber Typen „die derart gut aussehen, dass man nicht weiß, tragen sie das Haar nach vorn gekämmt oder nach hinten.“

Die Dauerverweigerung des kleinen Lonyl, der erst drei Jahre gar nicht spricht, dann wenig, die Lehrer und die ganze Schule zur Verzweiflung bringt, nur Carpaccio ißt und alles mit Edding volltaggt, ist das beständige Basisgrummeln in „The Cocka Hola Company“. Gegen diese krasse Ablehnung der gesellschaftlichen Erwartungen wirkt der Aktionismus des vierzigjährigen Simpels fast hilflos. „Tram-Slam“, die Entführung einer Straßenbahn - wohin entführen, sie fährt auf Gleisen? - „Fuck up the Neighbourhood“, „Rentnerjagd I, II und III“ sind Simpels eigene Projekte. Doch auch DESIREVOLUTION als Sammelpunkt verquerer Köpfe, denen Geld verdienen allein zu wenig ist, setzt Kontrapunkte: Mit 'Speedo' haben sie einen Zwangsalkoholikervertrag geschlossen, einem Menschen, der gar „nicht zum Trinker disponiert“ war. Geistiger Kopf Ritmeester lebt auf 22 qm mit Isolationsvertrag. Nur ein Mitarbeiter von DESIREVOLUTION darf ihm einmal die Woche Bedarfsgüter bringen, aber nicht mit ihm sprechen. In der Zeit, die er sonst mit Menschen verbracht hätte, kann er sich mit zahllosen Abos von Zeitschriften und Fachblättern up to date halten und seine genialen Drehbücher und Direktiven schreiben.
Fazil gehört zum Umfeld, betreibt ein „ironisches Türkenprojekt“: Sein Imbiss vertreibt DESIREVOLUTION-Videos von unter der Theke.

Faldbakken schreibt gegen den Herdentrieb seiner Landsleute, als hinge sein Leben davon ab. Simpel lässt er die Kulturtouristen verachten, die ständig nach „da runter“, also nach Resteuropa fahren müssen, um sich die Großstädte anzugucken, Kunst, Architektur, Museen, Stadtplanung, Lebensart, Hochkultur. Gegen die Kulturschaffenden im eigenen Lande wird er sehr bald im FasciNATION-Projekt ein Zeichen setzen, denn mit „dem fotzenmäßig selbstverliebten Design sind alle auf einmal so wahnsinnig bewusst und selbstbewusst und selbstkritisch und autonom und aufmerksam und konsumskeptisch und kuturindustrieskeptisch und wertekritisch und innovationsskeptisch und designskeptisch und zenmäßig und kontrovers und rebellisch [...]“, und, glaubt man Faldbakken - selbst Bildender Künstler -, doch nur konform.

Neben diesen Hieben gibt es einfach viel Wortwitz und Mitfühlen mit den Figuren. So sind schon mal über zwei Seiten hinweg nur die Titel bisher produzierter Filme zu lesen, darunter die ÜBERBLOND-Reihe; man kann sich vorstellen, wie Faldbakken mit Freunden in der Runde in der Kneipe sitzt und sie ehemals auf Bierdeckel notiert wurden. Oder zwischendurch von Ritmeester eine „Genregranate“ zitiert, tatsächlich eine ausgezeichnete Kurzgeschichte in der Geschichte.

Letztlich stellt Faldbakken noch seinen ganzen Plot ad absurdum. Ein Roman im Porno-Metier, in dem eine - freiwillig? - impotente Figur sagt „Die Leute müssen irgendwie um jeden Preis beweisen, dass bei ihnen fickmäßig alles im Lot ist“ und genüßlich den gesellschaftlichen Graben zwischen Fickern und Nichtfickern beschreibt.

Faldbakken 's Kernpunkte, die sich im ersten Moment unverschämt radikal anfühlen, relativieren sich doch erstaunlich oft, blickt der Leser erst in sich selbst. Um etwa die Provokation in der selbstgewählten Isolation Ritmeesters zu sehen, muss man kein Eremit sein. Auf geringerem Level kennt jeder das Gefühl, keine Lust auf Leute zu haben, wenn „erwartet wird“, dass man in der Runde oder auf einem Fest erscheint. Oder der Samstagabend-Ausgehzwang... Oder sich nicht dem Zwang unterziehen zu wollen, sich jetzt auf einer Vernissage vier Stunden lang hipp zu geben...

Faldbakken zeigt mit überbordender Phantasie, gegen was alles man anti sein kann. Man muss ja nicht gleich alles ausschöpfen, aber die Wahrnehmung schärft das Buch allemal.

Eine Besprechung von „Macht und Rebel“ folgt.

Besprochene Ausgabe: Heyne | 2005 | 462 Seiten | Broschur* | € 9,90


 

 

 

 
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel
 
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