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 24.05.2012         Matias Faldbakken - Macht und Rebel: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchtipps Bestseller   
Matias Faldbakken - Macht und Rebel: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur

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- Macht und Rebel

(2007) - Orig.: Macht und Rebel (2002), norwegisch
Das war die Jahrtausendwende
Mitten im ökonomischen Siegeszug des gemainstreamten Undergrounds basht Matias Faldbakken 2002 herrlich anarchisch Anarchos, Adbusters, Juden, Nazis und Links-Aktivisten und sieht die Sehnsucht voraus, „Gleichheitshysterie“ und „Hypertoleranz“ abzuschaffen. Heute ist Political Correctness tot - als wenn es jemals die eine gegeben hätte - und Crossover-Positionen sind wieder erlaubt.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 31.05.2009

Matias Faldbakken, der Worterfinder, der Wortverdreher, der Wortzusammenführer: In „Macht und Rebel“ [Rebel ist ein Name] adbustet er das englische „dope“ in die Marke „Opel“ und macht daraus in Opel-Schrift das Logo „DOPEL“. Wirklich reiner Zufall, dass die Zeilen dieser Rezension gerade jetzt entstehen. Doch welch gruselige Weitsicht Faldbakkens!

Im zweiten Buch seiner „Skandinavischen Misanthropie (Band 1 war 2001 „The Cocka Hola Company“, Band 3 erschien im März: „Unfun“) geht Faldbakken dem Unmut darüber nach, in der Konsensgesellschaft nie ganz anders, einfach anders anders sein zu können, sondern immer in Umfeld-Schubladen gedengelt werden zu müssen und sich nicht das für sich Beste aus allen Meinungswelten zusammenklauen zu können. „Anders“ ist man immer in der Gruppe - also doch immer konform: nämlich zur Gruppe.

Hauptfigur Rebel schafft es weder sich eine Schublade zu suchen, noch sich für irgendetwas zu begeistern. Die höchstentwickelte Gesellschaft in der Geschichte Skandinaviens wirkt für ihn nur als Rückkopplung und verstärkt seinen Nihilismus, „aber was für eine Scheißrolle spielt das hier in Skandinavien, wo alles so wunderbar funktioniert, in einer Zeit, da alle - jeder Student, jeder Loser, jeder Junkie, jeder Lohnarbeiter, jeder Staatsmann und jeder... MUSIKER - gleich denken, gleich subversiv und on the edge und folglich alle miteinander SCHEISSÖDE sind. Was ich mache, spielt KEINE Rolle. Was ich denke, spielt auch KEINE Rolle.“ Doch Rebels große Stunde wird bald kommen, als die zweite Hauptfigur 'Macht' ihn aufspürt...

Ungleich lustiger los, als „The Cocka Hola Company“, geht „Macht und Rebel“: gleich mit einem Zucchini-Anal-Onanie Inneren Monolog zum Todlachen von Rebel. Aber keine Angst: Analfixierung soll nicht abgedroschenes Hauptthema des Buches werden.
Macht und Rebel werden gegen 'Fatty' und Konsorten angehen - Fatty Ex-Hacker, Underground-Aktivist und Produktpirat -, die sich immer noch dem Culture-Jamming als etwas Subversivem hingeben, obgleich sie längst der „Vermarktung des Antimarketings“ frönen, wie Wirtschaftskritikerin Naomi Klein es ausdrücken würde. Sie laufen rum in T-Shirts mit Fake-Logos. Die grafische Umwandlung der Firmenlogos in eine Anti-Aussage nannte Klein schon 2000 die „Logo-Überlastung“. Längst war Antiwerbung Werbung geworden, denn es ist ja „in“ anti zu sein; und mit der Begründung kann Rebel auch seine Migrantenfreunde überzeugen, im Zuge der Vorbereitung auf die große Showdown-Aktion - eher Schlacht - sich das „zeitloseste Logo“ ever, die schwarze Swastika im weißen Kreis auf rotem Grund zu tätowieren oder den Adler mit der Swastika zwischen den Greifern. „Ihr wollt doch nicht beliebt sein, oder?“

Ein paar Haltungen hat Rebel schon. So ist er „gegen positive Vorurteile bezüglich der Gegenkultur“ und sagt „Ich bin nicht so stolz, dass ich unbedingt was darstellen muss.“ So ist er genau der richtige Partner für Macht, der gutbezahlt für die Werbeindustrie Underground-Trends aufspürt und vermarktbar macht. Dabei macht er sich erst gar nichts vor, baut aber gleichzeitig unbewußten Hass auf gegen die Klientel, in der er halb geschäftlich, halb in der Freizeit, schwimmt wie ein Fisch: die Links-Aktivisten, die Club-Szene, die Modewelt, sowie alles andere, was sich Underground nennt und mit denselben Mechanismen wie die Mainstream-Player des Kapitalismus arbeitet. So hält Produktpirat Fatty seine hippen PUSH[!]-Parties, um seine gefakten, in Asien eingekauften Nikes abzusetzen. Macht muss sich diesem Rahmen anpassen und so läuft der 29-Jährige zwischen den Anzugträgern bei seinem Arbeitgeber in Hemden à la „Robert De Niro in Taxidriver“ rum. Die hat er in ärmellos und mit Arm. Seine Haare hält er immer auf exakt 4 Millimeter. Beide Arme sind geschmückt mit „full-sleeve“ Tattoos.
Zudem, parallel zu Rebel, auch bei ihm eine Weltverachtung, wenngleich aus anderen Motiven: Auch er hinterfrägt das Nach-einem-Partner-jagen, das Muss sonstiger „funktionierender“ sozialer Verknüpfungen, dem Frönen von Small-Talk. Faldbakken wirft ein anderes Licht auf Leute mit viel Energie, er lässt Macht nach der Arbeit noch zwei, drei Bücher zum Thema lesen oder schnell die „Must-Events“ der Großstadt abklappern. So ist für Macht das Rumsitzen bei Kerze und Rotwein mit Freundin oder Familie und das Zugucken beim Essen Zeitverschwendung. Faldbakken wertet das nicht. Für ihn ist der Mensch nicht mehr ad hoc das Soziale Wesen. Seine Wesen scheißen auf das gesellschaftlich Verlangte. Sie verleugnen auch den Begriff Glück. Er ist ihnen zu abstrakt. Sie sind wie Wölfe, die einfach nur Wölfe sein wollen.

Macht kann zu CEOs großer Firmen, die stets „auf der Jagd nach Beratern aus der wirklichen, wahrhaftigen Widerstandsszene“ sind, Sätze sagen wie „Er vertreibt in Asien hergestellte Nike-Kopien, von denen ich empfehle, eine Partie anzuschaffen und weiterzuverkaufen, als Untergrundversionen eurer offiziellen Produkte. Eine Riesenchance.“ „Er“ ist dabei Fatty. Als ein Kunde Machts ein Image-Problem wegen angeblicher Judenfeindlichkeit bekommt, schmieden Macht und Rebel einen raffinierten Plan, den an „kultureller freshness und youngness“ orientierten Fatty und seine „Welt voller kleiner Teenie-hardbodies“ für ihre Zwecke einzuspannen.
Faldbakken zeigt im Showdown die Macht und Austauschbarkeit von Slogans und Wort-Bild-Marken. Macht und Rebel gründen TEENAGE SODOMY AND IMMIGRANT VIOLENCE AGAINST GLOBALIZATION, doch die Initialen T.S.I.V.A.G. gehören auch dem Kunden, dem er aus der Patsche helfen soll...
Straßenschlachten, 72 Girlies in Thongs und Bikini mit T.S.I.V.A.G.-Aufdruck, die Nazi-Migranten und eine gestürmte Konzernzentrale folgen.

Neben dem Thema Underground-Bashing wird auch in „Macht und Rebel“ wieder Faldbakkens Unbehagen deutlich, gegenüber einer vermeintlich perfekt funktionierenden Gesellschaft, die Animositäten lieber mit Deckmänteln wie Toleranz und Gleichheit kaschiert. Unausgesprochenes und hinter vorgehaltener Hand Gesagtes hätte er lieber aggressiv vorgetragen - aggressiv, was im Lateinischen nichts anderes heißt als „nach vorne“ - bevor sich Aggressionsstaus bilden.

Besprochene Ausgabe: Heyne | 2007 | 352 Seiten | Broschur* | € 8,95


 

 

 

 
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