Michelangelo sollte auf Einladung des osmanischen Sultans eine Brücke über das Goldene Horn bauen
Als Michelangelo am 13. Mai 1506 in Konstantinopel landet, weiß er, dass er damit die Macht und den Zorn des Papstes Julius II. provoziert hat, und er befürchtet seine Exkommunizierung. Verärgert über die schlechte Zahlungsmoral des Papstes, hat er die Arbeit an dessen Grabmal in Rom als Baustelle zurückgelassen und ist nach Florenz geflüchtet. Aber wie hätte er die Einladung des Sultans Bajezid II., eine Brücke über das Goldene Horn, von Konstantinopel zum nördlichen Vorort Pera, zu bauen, ablehnen können? Es ist ein mit 50000 Dukaten gut bezahltes Projekt, und umso reizvoller, als
Leonardo da Vinci, sein ewiger Rivale, zwanzig Jahre zuvor daran gescheitert ist. Konstantinopel, Metropole des Osmanischen Reichs, die fünfzig Jahre zuvor noch das Zentrum der Christenheit war, ist 1506 ein kosmopolitisches und tolerantes Handelszentrum, in dem sich Christen und Juden frei bewegen dürfen, Refugium der gerade erst von den katholischen Königen aus Spanien vertriebenen Juden, fremd und voller Verführungen für den asketisch lebenden, seinem Werk verpflichteten Michelangelo.
Aber nach der Begegnung mit einer hermaphroditischen Schönheit aus Andalusien, ist sie eine Tänzerin?, ein Tänzer?, hat er die Vision einer Brücke, einer Brücke zwischen Orient und Okzident. Das Erdbeben von 1509 wird die Fundamente dieser Brücke zerstören, es bleiben nur die Spuren von Michelangelos osmanischer Episode in seinem späteren Werk, in einigen Porträts der Sixtinischen Kapelle, im Entwurf des Kuppelbaus des Sankt Petersdoms. Énard zeichnet das Künstlerporträt Michelangelos, und er füllt, in einer unaufhebbaren Grauzone zwischen Fiktion und historischer Wahrscheinlichkeit, die wenigen Wochen aus, die in den zeitgenössischen Lebensbeschreibungen des Renaissancegenies weiße Flecken geblieben waren.
Für Zone erhielt er in Frankreich 2008 den Prix Décembre und 2009 den Prix du Livre Inter, in Deutschland den deutsch-französischen Candide-Preis 2008.
Pierre Wazem, Tom Tirabosco:
Im Dunkeln
Avant-Verlag, Broschur
Toine Heijmans:
Irrfahrt
Arche, Festeinband
Virginie Despentes:
Apokalypse Baby
Berlin Verlag, Festeinband
Florian Scheibe:
Weiße Stunde
Luftschacht, Festeinband
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